- Die Wirtschaftskrise war das beherrschende Thema beim Neujahrsempfang der Industrie- und Handelskammer im Ludwigsburger Forum. Zu Gast war auch Ministerpräsident Günther Oettinger. Das Credo der Redner: Die Rezession als Chance nutzen. Gefordert wurde die Abkehr vom Staatskapitalismus, dafür staatliche Mittel für die Bildung. Unser Bild: IHK-Kammerpräsident Dr. Heinz-Werner Schulte und der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Ludwig Georg Braun (links). Foto: Bögel
Ludwigsburg (ub) – Es ist natürlich die Rede von der Krise. Aber wichtiger ist den Männern hinter dem Rednerpult die Zeit nach der Rezession, die Chancen, die sich ergeben können. Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger warnte am Mittwochabend im Ludwigsburger Forum davor, in eine Depression zu fallen und machte Stimmung für das Infrastruktur-Projekt Stuttgart 21.
Beim Neujahrsempfang der Industrie- und Handelskammer, Bezirk Ludwigsburg, lassen sich die über 520 Gäste die Stimmung nicht verderben. Das Stuttgarter Brass Quartett stimmt die Unternehmer, Manager, Politiker, Mandats- und Würdenträger, Präsidenten, Rektoren, Vorsitzenden, Kirchenvertreter und Vertreter der öffentlichen Verwaltung mit Musik am Hofe Ludwigs XIV. auf die Veranstaltung ein. Nach zwei Stunden wird ein kalt-warmes Büfett gereicht.
Banker verurteilt die
„Gier nach Rendite“
Dazwischen spricht Dr. Heinz-Werner Schulte, Präsident der IHK-Bezirkskammer Ludwigsburg und Vorstandsvorsitzender der Kreissparkasse Ludwigsburg, über die Neuordnung der Finanzmärkte, konjunkturbelebende Maßnahmen des Staates und Überbrückungen von Unternehmenskrisen sowie die Besinnung auf die Stärken und Wettbewerbsvorteile, die es in Deutschland und explizit im Landkreis Ludwigsburg gebe. Schulte verurteilt die Fokussierung der internationalen Kapitalmärkte auf das schnelle Gewinnerzielen, spricht von der „Gier nach Rendite“. Der IHK-Chef und Banker lobt das bewährte Drei-Säulen-System der deutschen Banken mit privaten, genossenschaftlichen und öffentlich-rechtlichen Instituten. Jede Bank müsse jetzt ihr Geschäftsmodell prüfen – Schulte: „Es ist für mich sehr fragwürdig, einerseits Nullpreise im Girokonto mit Willkommens-Tankgutscheinen anzubieten und andererseits unter den Rettungsschirm des Bundes zu schlüpfen.“ Zur nationalen Bankenaufsicht meint Schulte: „Es wäre schade, wenn jede Sparkassen- oder Volksbankfiliale in Sachsenheim haarklein untersucht, aber das funktionierende Geschäftsmodell eines Dax-Konzerns nicht analysiert wird.“
Im Rahmen der sozialen Marktwirtschaft werde man immer auf der Suche nach der richtigen Balance zwischen staatlichen Eingriffen und den freien Wirtschaftskräften sein. „So glaube ich, dass weder Konsumgutscheine für die Bevölkerung noch Zwangsanleihen für Reiche in unserer Situation Nutzen stiften. Auch das Modell der französischen Industriepolitik, also eines Deutschlandfonds, das in Wahrheit meines Erachtens Protektionismus bedeutet, wird mittelfristig nicht wohlstandsmehrend wirken.“ Der Kammerpräsident fordert dagegen vorgezogene öffentliche Investitionen in Bildung, Forschung und Verkehr und die internationale Koordination von wirtschaftspolitischen Fragen.
Schulte unterstreicht in seiner Rede aber auch die Stärken der Wirtschaft im Landkreis: In der IHK Ludwigsburg sei 2008 ein Ausbildungsrekord zu verzeichnen gewesen, die Zahl der Ausbildungsverträge sei nochmals um 7,2 Prozent gegenüber 2007 auf 2076 neue Ausbildungsverträge gestiegen. Sein Appell: „Unternehmer können Probleme lösen und Krisen nachhaltig bewältigen.“
Das findet auch der Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg, Günther Oettinger – ein treuer Gast beim IHK-Neujahrsempfang: „Die Kultur des Mittelstandes muss ausstrahlen auf alle, die Verantwortung tragen.“ Die Übernahme von Unternehmen durch den Staat verurteilt Oettinger als „grottenfalschen Weg“. Für Baden-Württemberg sieht Oettinger neben der Banken- und auch eine Branchenkrise. „Es ist zu viel auf breite Reifen und zu viel auf PS gesetzt worden.“ Die Rezession sei aber eine Herausforderung. Das Land gehe in diesem Jahr einen besonders schwierigen Weg, durch die Investitionen in Bildung, Betreuung und Forschung gehe man aber verstärkt an den Start.
Steuersenkung
nur durch Leistung
Der CDU-Politiker fordert beim IHK-Neujahrsempfang im Ludwigsburger Forum eine andere Vertragsgestaltung bei leitenden Mitarbeitern in der Wirtschaft. „Wenn man in guten Zeiten Millionen verdient, muss man in schlechten Zeiten haftbar sein.“ Oettinger warnt vor der Schuldenfalle: Eine Steuersenkung sei nur durch Leistung und nicht auf Pump möglich.
Der Ministerpräsident macht noch Werbung für das Projekt Stuttgart 21, will die Unternehmer im Landkreis mit ins Boot nehmen. „Wenn Baden-Württemberg nicht umfahren werden soll, brauchen wir den Ausbau der Strecke nach Ulm.“ In den nächsten Wochen werde wohl die Finanzierungsvereinbarung mit Bundesverkehrsminister Tiefensee unterschrieben.
Ludwigsburg (ub) – Die Konzentration der staatlichen Mittel auf die Bildung ist das Credo von Ludwig Georg Braun, Hauptredner beim Neujahrsempfang der IHK in Ludwigsburg.
Braun (65) ist Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) und Vorstandsvorsitzender der B. Braun Melsungen AG, ein weltweit tätiger Versorger des Gesundheitsmarktes mit 31000 Mitarbeitern und einem Konzernumsatz von 3,03 Milliarden Euro. Der passionierte Marathonläufer pocht darauf, dass es gelte, aus der jetzigen Krisensituation Lehren zu ziehen. „Wir können nicht den Mantel der Verantwortung an der Garderobe abgeben und sagen, Staat mach mal.“ In einem marktwirtschaftlichen System gebe es Verlierer, die ausscheiden müssen. „Wir brauchen den Mut zu schmerzhaften Korrekturen.“
Der Mittelstand als Basis der Wirtschaft müsse aber so versorgt werden, dass er die Krise überstehe. Wenn derzeit die Belegschaften in der Produktion nicht benötigt würden, müsse man die Kräfte umschichten auf innovative Felder.
Braun plädiert für mehr Mittel für die Bildung, damit der Wettbewerb mit sogenannten Drittstaaten nach der Krise gemeistert werden könne. „Die Krise muss genutzt werden, um richtige Strukturveränderungen vorzunehmen.“ Es gebe ein intaktes System, das nur genutzt werden müsse.
Der DIHK-Präsident, der noch in diesem Jahr sein Amt niederlegt, spricht sich gegen den Staatskapitalismus aus. „Wir brauchen die Freiheit der einzelnen Unternehmen, wir brauchen die Freiheit einzelner Bürger.“ Trotz des Abschwungs müsse die Belegschaft auf die Durststrecke mitgenommen werden. „Da tragen wir Unternehmer eine ganz besondere Verantwortung.“