Bietigheim-Bissingen (aa) – „Raum für Zukunft“ heißt der Arbeitstitel für den Regionalplan. Eine Vision für die Region Stuttgart soll entwickelt werden. Und das ist ein langwieriger Prozess. Im Oktober 2006 wurde der Aufstellungsbeschluss gefasst. Die Kommunen aus den Bereichen Bietigheim-Bissingen und Vaihingen waren gestern zu einem Erörterungstermin ins Kronenzentrum eingeladen.
„Ich hoffe, dass alle zufrieden nach Hause gehen.“ Bietigheim-Bissingens Oberbürgermeister Jürgen Kessing schmunzelte bei dieser Aussage in seiner Begrüßung. Der Entwurf, der da in den letzten Monaten vom Chefplaner der Region des Verbandes, Thomas Kiwitt, und seiner Mannschaft konzipiert wurde, löst nicht überall helle Freude aus. Das dokumentiert sich unter anderem in über 300 Stellungnahmen zu rund 2000 Einzelaspekten, die von Städten, Gemeinden und öffentlichen Institutionen eingereicht wurden. Alle Einwendungen werden in den nächsten Monaten öffentlich erörtert. „Dies ist zwar gesetzlich nicht vorgeschrieben“, betonte Thomas Kiwitt gestern im Kleinen Saal des Kronenzentrums, „wir wollen jedoch diese Möglichkeit zur inhaltlichen Rückkoppelung nutzen, um zu prüfen, ob die Anregungen bei uns auch sachlich-richtig angekommen sind.“ Strittigen Fragen wolle man nicht ausweichen. Kiwitt: „Wir haben durchaus den Eindruck gewonnen, dass Mitteilungsbedarf besteht.“ Eine erste Versammlung fand in Herrenberg statt, Bietigheim-Bissingen war der zweite Termin. Acht weitere sollen folgen.
Bürgermeisterflut im Kronenzentrum – dabei fand die eigentliche Bürgermeisterversammlung erst am Nachmittag in Ingersheim statt, was den einen oder anderen etwas auf Kohlen sitzen ließ. „Kommen wir bis um 14 Uhr durch?“ Es hat gerade so gepasst – Thomas Schmitt vom Vaihinger Stadtplanungsamt konnte sich entspannt zurücklehnen. Vaihingen wurde als letze Kommune aufgerufen (Schicksal des Alphabets); und Schmitt musste ja auch nicht nach Ingersheim. Immerhin leisteten ihm noch Bürgermeister Peter Schäfer (Eberdingen) und Jürgen Scholz (Sersheim) bis zum Schluss Beistand.
Diskrepanzen bei den
Wohneinheiten
Was sind die Vaihinger Probleme? Hier kann man sich zum Beispiel mit der von der Region prognostizierten Einwohnerentwicklung nicht anfreunden (die VKZ hat wiederholt berichtet). Die Stuttgarter Planer gehen bis 2020 von einem Zuwachs von 600 Wohneinheiten für die Stadt aus, Vaihingen hat 2400 ermittelt. Rund 1400 Wohneinheiten sieht Vaihingen durch die Reduzierung der Belegungsdichte als notwendig an. „Auf unsere Berechnung wird überhaupt nicht eingegangen“, klagte Schmitt. Thomas Kiwitt versprach eine präzise Darstellung, „wie wir auf die Zahlen kommen“. Kritisch gesehen wird bei der Region unter anderem eine Erweiterung des Gewerbegebietes in Gündelbach. Hier will ein bestehendes Unternehmen (Hubl) erweitern. „Der Betrieb passt dort generell nicht“, meinte Kiwitt, der die Gefahr sieht, dass künftig immer scheibchenweise erweitert werden würde.
Bürgermeister Peter Schäfer sieht für Eberdingen Hoffnungen für eine gewisse „Dehnungsfuge“ bei den Richtzahlen für die Eigenentwicklung (für seine Gemeinde ist ein Bevölkerungszuwachs von einem Prozent definiert): „Wir hoffen stark auf einen Geburtenüberschuss.“ Bürgermeister Willi Baur (Oberriexingen) gab sich zufrieden: „Wenn unsere jetzt angesetzten Flächen angerechnet werden, müsste es für die nächsten 15 Jahre passen.“ Jürgen Scholz, dessen Gemeinde an einer Siedlungsachse liegt und dadurch auf Wanderungsgewinne setzen kann, kann mit der Frage der Wohneinheiten leben, er warnte aber davor, verstärkt auf den Geschosswohnungsbau zu setzen und eine zu hohe Verdichtung zu erreichen. „Das läuft in ländlich geprägten Bereichen nicht.“ Unterstützt wird von ihm die Forderung nach Verlängerung der S-Bahn bis Vaihingen (Wunsch von Bietigheim-Bissingen).
Mit im Boot sitzt Sersheim durch das Gewerbgebiet Eichwald auch im benachbarten Planungsbereich Bietigheim-Bissingen. Angedacht wird von der Eichwald-Gruppe, das Gewerbegebiet nach Süden und nach Westen zu vergrößern. „Das ist ein relativ problematisches Thema“, ist dazu die Aussage aus Stuttgart, „der jetzt ausgewiesene Bereich müsste ausreichen und er soll die maximale Ausdehnung darstellen.“ Sachsenheims Bürgermeister Horst Fiedler will erst mal die Nachfrage abwarten. Dass man im Falle des Falles schon an den bestehenden Schwerpunkten Neuansiedlungen zulassen wolle, sei aber keine Frage, bekam er zu hören. Der Wunsch nach Ausweisung eines Puffers kam von Verbandsbürgermeister Jürgen Scholz: „Wenn jetzt eine Grünzäsur auf die Fläche gelegt wird, wird es später schwierig, was zu machen.“ Er habe da ein gesundes Misstrauen. Vorläufig ist der Standpunkt der Regionalplaner jedoch: „Es sind ausreichend Potenziale vorhanden.“
Weiter auf Wachstum
Bietigheim-Bissingen (aa) – Der Regionalplan hat ein klare Vorgabe: Die Region Stuttgart als Ganzes soll für ihre Bewohner, Arbeitnehmer, für Investoren und Gäste noch attraktiver werden. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen auch die Städte und Gemeinden eingebunden werden.
Weil die Region keine Insel ist, müssen auch übergeordnete Themen berücksichtigt werden: demografische Veränderungen, Globalisierung und Klimawandel. Angesichts wechselnder Herausforderungen und veränderter Rahmenbedingungen wird der Plan alle 10 bis 15 Jahre aktualisiert (fortgeschrieben). Dabei ist man um eine Balance zwischen notwendiger Steuerung und dem Erhalt kommunaler Gestaltungsmöglichkeiten bemüht – sagen die Experten des Verbands der Region Stuttgart. Dass es da einiges auszuloten gibt, wurde gestern beim Erörterungstermin in Bietigheim-Bissingen deutlich. Die Gemeinden an der Grenze zum Kreis Heilbronn klagen über dort geltende andere Rahmenbedingungen und sehen die Nachteile nicht nur als „gefühlt“ an. An den Randbereichen müsse man die Vorgaben aufweichen, ist eine Forderung. Vaihingen kann sich mit der Bedarfsermittlung für die Wohneinheiten nicht anfreunden, in Freudental kann man nicht verstehen, dass im nahen Brackenheim (Kreis HN) vier, fünf Vollsortimenter zugelassen wurden…
Insgesamt soll die Region um Stuttgart weiter auf Wachstum gepolt sein, sagt Chefplaner Thomas Kiwitt, spricht von Platz für 40000 Wohneinheiten und 1500 Hektar Fläche für Gewerbe und Industrie. Vorrangig will man sich an den S-Bahn-Strängen orientieren. Gemeinden entlang von Schienenstrecken sollen ein Plus von 1,5 Wohneinheiten alle fünf Jahre erhalten. Bei den Gemeinden mit Eigenentwicklung ist ein Prozent vorgesehen, wobei Kiwitt in der Auseinandersetzung mit der demografischen Entwicklung eine „Dehnungsfuge“ durchaus zulassen will, „denn jede Gemeinde hat Anspruch auf Zuwachs“.
„Große Erleichterung“ (so Dr. Utz Remlinger, Stellvertreter des Landrats) herrscht darüber, dass das angedachte Bauverbot in regionalen Grünzügen so nicht kommen wird. Es soll weiter zum Beispiel der Bestandsschutz gelten und Erweiterungen (etwa von Sportanlagen) sollen möglich sein. Remlinger: „Wir hätten bei jeder Scheunen-Erweiterung einen übermäßigen bürokratischen Aufwand befüchtet.“ I
„Der Plan soll atmen“, hat es Thomas Kiwitt gestern formuliert, „wir wollen nicht stur verwalten.“ Die betroffenen Kommunen hoffen stark darauf.
