Dienstag, 22. Mai 2012

Stimmen zur Verlegung der Vaihinger Hautarztpraxis


Die Vaihinger Hautarztpraxis ist verwaist. Foto: Rücker
Die Vaihinger Hautarztpraxis ist verwaist. Foto: Rücker

Vaihingen/Asperg (sr) – Die Freude über den Nachfolger in der Vaihinger Hautarztpraxis wich im letzten Jahr dem Schreck: Kaum war er da, der neue Arzt, da war er auch schon wieder weg. Nach nur wenigen Monaten verzog der Mediziner mit Mann und Maus nach Asperg. „Es ist eine Katastrophe“, findet Allgemeinärztin Dr. Birgit Gaupp-Senke. „Asperg ist nicht ganz aus der Welt“, sagt Hautarzt Christian Fleischer.
Das Thema verwaiste Hautarztpraxis ist für Dr. Birgit Gaupp-Senke ein Aufreger: „Besonders für alte Leute ist es eine Katastrophe, dass wir nun keinen Hautarzt mehr am Ort haben.“ Die Allgemeinärztin aus dem Vaihinger Ärztehaus Vaisana, die sich besonders der Probleme älterer Menschen annimmt, trauert der Zeit des Dermatologen Dr. Kurt Ohl nach: „Herr Ohl hat ganz fürsorglich Patientenhausbesuche gemacht.“ Ohl-Nachfolger Christian Fleischer hatte die Hautarztpraxis in der Friedrichstraße im Juli letzten Jahres übernommen und im Oktober nach Asperg verlegt. Gegen diese Abwanderung hat die „gesamte Ärzteschaft von Vaihingen und Umgebung“ , so Gaupp-Senke, ein Schreiben verfasst und an den Zulassungsausschuss der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Baden-Württemberg gesandt.
Die Verlegung sei „in keiner Weise akzeptabel“, heißt es darin. Besonders in Hinblick auf die Bewohner des Alten- und Pflegeheimes, zu dem sich bald ein weiteres großes Heim geselle. „Außerdem ist für die rasch noch älter werdende Bevölkerung der hiesige Raum immer noch verkehrstechnisch schlecht angebunden“, bemängeln die Mediziner. Vor wenigen Tagen trudelte die Antwort der KV bei Vaisana-Internist Dr. Christoph Schöll ein: „Eine lapidare Antwort. Es sei für Vaihinger Patienten zumutbar, die Hautärzte in der Umgebung zu konsultieren.“ Schöll und Kollegen sehen den Wegzug dagegen als „echte Verschlechterung der Versorgung der Vaihinger Bevölkerung“.
„Wir haben rechtlich nicht die Handhabe, den Arzt aufzuhalten. Die hautärztliche Versorgung ist absolut gewährleistet“, betont dagegen Walter Schenk, Mitarbeiter bei der Versorgungsplanung der KV. Die Bedarfspläne in der ambulanten medizinischen Versorgung werden von der KV im Einvernehmen mit den Landesverbänden der Krankenkassen erstellt. In dieser Bedarfsplanung wird festgelegt, wie viele Kassenärzte je Arztgruppe auf wie viele Einwohner kommen dürfen. Der Landesausschuss der Ärzte und Krankenkassen überprüft dreimal im Jahr, ob möglicherweise eine Über- oder Unterversorgung besteht.
Im hiesigen Planungsgebiet, das den Landkreis Ludwigsburg umfasst, sei in allen Fachdisziplinen eine ausreichende Versorgung gewährleistet. Für die 514000 Einwohner im Kreis stünden beispielsweise 15 Hautärzte zur Verfügung, so Walter Schenk. Mehr Ärzte dieser Fachrichtung dürfen sich im Landkreis Ludwigsburg per Gesetz momentan nicht niederlassen. Bei einer Überversorgung kann seit 1993 eine Niederlassungssperre verhängt werden. Die KV erklärt, dass in Deutschland eine faktische Niederlassungssperre für Fachärzte besteht, es existieren folglich kaum noch Niederlassungsmöglichkeiten. Bei Hausärzten dagegen herrsche Niederlassungsfreiheit.
Dermatologe Christian Fleischer hatte Glück. Er arbeitete schon in einer Hautarztpraxis in Ludwigsburg, als er bei einem der regelmäßigen Treffen der Kollegen den Vaihinger Hautarzt Dr. Kurt Ohl kennenlernte. „Ich habe so erfahren, dass er schon lange einen Nachfolger sucht“, sagt Fleischer.
Der 37-Jährige übernahm im Juli 2007 die Vaihinger Praxis. Fleischer: „Es war nie so geplant, dass ich so schnell wieder weg gehen würde.“ Natürlich hätte er sich mit der Zeit nach moderneren Räumen umschauen wollen. Doch da sei Dr. Jörg Zimmermann, ein Hautarzt einer Gemeinschaftspraxis in Gerlingen, auf den Ohl-Nachfolger zugekommen. Die Stadt Asperg suche für den Gebäudekomplex „Neue Mitte“ einen Hautarzt. Daraufhin schlossen sich die Mediziner zu einer überörtlichen Gemeinschaftspraxis, einer „Berufsausübungsgemeinschaft“, zusammen.
Fleischer: „Ich verstehe, dass es für ältere Patienten, die nicht mobil sind, nun schwieriger ist.“ Allerdings sei Asperg ja nicht ganz aus der Welt. Viele der Vaihinger Patienten seien quasi mit umgezogen. Wie übrigens auch die drei Ohl-Helferinnen, die in der neuen Praxis Unterstützung durch drei Kolleginnen sowie drei Kosmetikerinnen erhalten. Die Patientenakten sind ebenfalls in den neuen Räumen.
Von der Berufsausübungsgemeinschaft, so Fleischer, profitieren auf der einen Seite die Ärzte, die ihre Erfahrungen austauschen können. Auf der anderen Seite sei die Zusammenarbeit besonders für die Patienten ein Gewinn, für deren Behandlung moderne Apparate in Asperg und Gerlingen bereit stehen. In dringenden Fällen ist Hautarzt Fleischer durchaus bereit, Hausbesuche bei Vaihinger Patienten zu machen: „Erst vor zwei Tagen war ich im Karl-Gerok-Stift.“
Walter Schenk von der KV erklärt, dass Fleischer nach der Praxisübernahme als Unternehmer seine Praxis innerhalb des Planungsbereichs, also im Landkreis Ludwigsburg, durchaus verlegen durfte. Der Zulassungsausschuss musste einer Verlegung zustimmen, außer es hätte eine Unterversorgung gedroht. Hautärzte müssen nach einer Norm in einem Radius von 30 Kilometern erreichbar sein. Schenk: „Von Vaihingen aus gibt es schon im Umkreis von 15 Kilometern einige Dermatologen.“ Vaihingen, so der Mann von der KV, habe im Vergleich zu anderen Gemeinden eine Vielfalt an Arztpraxen, aber „es tut mir persönlich weh, dass in der alten Kreisstadt kein Hautarzt mehr sein soll“. Dr. Christoph Schöll vom Vaihinger Ärztehaus Vaisana: „Eines der Argumente für die Gründung von Vaisana war es, die weitere Abwanderung von Fachärzten zu verhindern. Ein Kollegenverband wie im Ärztehaus ist für junge Kollegen attraktiv.“


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