Vaihingen – Erstmals nach der Fusion des Bauernverbands Heilbronn-Ludwigsburg hielt Vorsitzender Eberhard Zucker aus Vaihingen gestern eine Rede beim Bauerntag in Weinsberg. Im Vorfeld äußerte er sich unserer Zeitung gegenüber zu Themen wie Auswirkungen der Verbandsfusionierung, Preiserhöhungen und Umweltschutz.
Die Fusion zwischen den Kreisbauernverbänden Heilbronn und Ludwigsburg liegt nun ein knappes Jahr zurück. Wie sieht ihre erste Bilanz aus?
Sehr gut. Die Zusammenarbeit innerhalb der Vorstandschaft funktioniert und unsere auf zwei Landkreise verteilte Aktivitäten ebenfalls. Da bin ich sehr zufrieden. Das einzige Problem ist, dass wir uns momentan sehr häufig auf der Autobahn 81 bewegen und weite Strecken zurückzulegen haben. Gleichzeitig sind wir froh, dass wir die Angebote auf unseren beiden Geschäftstellen aufrecht erhalten konnten. Wir haben eine Juristin, zwei Steuerfachleute, zwei Fachleute für Sozialversicherungsfragen – das konnten wir durch die Fusion für den Ludwigsburger Bereich sogar noch ausbauen. Wenn die Landwirte anrufen, erreichen sie immer jemanden.
Wie viele Mitglieder hat der neue, größere Verband?
Etwa 4400. Davon entfallen rund 3000 auf Heilbronn und 1400 auf Ludwigsburg.
Welche Auswirkungen hatte die Fusion? Hat der neue Verband politisch mehr Gewicht?
Man wird besser wahrgenommen, wobei die Verbindungen zum Beispiel zu den Landratsämtern auch vorher sehr gut waren. Die großen agrarpolitischen Dinge regelt unser Landesverband, in dem wir nun mit zwei Stimmen schon größeres Gewicht haben. Generell nehme ich wahr, dass wir Landwirte mehr beachtet werden als früher.
Was hat sich für die Mitglieder verändert?
Die Entfernungen sind jetzt teilweise größer. Das ist negativ. So mussten die Landwirte aus dem Kreis gestern statt nach Schwieberdingen nach Weinsberg fahren. Zum Bauerntag 2009 müssen dafür die Heilbronner nach Schwieberdingen kommen. Positiv ist, dass wir das Angebot für unsere Mitglieder erhöhen konnten. Wir hatten vor der Fusion in Ludwigsburg keinen Steuerberater und keine ständige Telefonbereitschaft. Das ist jetzt gegeben. Wer jetzt beim Bauernverband anruft, landet automatisch in der Hauptgeschäftsstelle in Heilbronn und wird zu seinem gewünschten Gesprächspartner weitergeleitet. Durch das kreisübergreifende Arbeiten haben wir außerdem die Möglichkeit, Dinge von einem Landkreis auf den anderen zu übertragen.
Zum Beispiel?
Wenn wir beobachten, dass etwas in Heilbronn ganz besonders gut funktioniert und wir das Gefühl haben, dass es in Ludwigsburg verbessert werden könnte, versuchen wir das umzusetzen. Das gilt natürlich auch umgekehrt. Die Arbeit soll verschlankt und vereinfacht werden.
Was hat sich für Sie als Vorsitzenden durch die Fusion verändert?
(lacht) Das müssen Sie meine Frau fragen. Doch im Ernst. Der Zeitaufwand ist hoch. Von November bis März bin ich teilweise zwei bis drei Tage in der Woche nur für den Verband tätig. Ich musste mich in neue Themen wie Saisonarbeitskräfte einarbeiten, was hier im Kreis nicht so sehr verfolgt wurde. Hinzu kommt das Problem mit der Fahrerei. Die Vorstandschaftssitzungen finden auf der Geschäftsstelle in Heilbronn statt. Gleichzeitig darf im Betrieb nichts liegenbleiben. Da bin ich froh, dass meine Frau viel auffängt. Ebenso helfen die Eltern mit und auch die Kinder, wenn es nötig ist. Sonst könnte ich das nicht machen.
Kommen wir direkt zur Landwirtschaft. Die Preise für Milch- und Getreideprodukte sind stark angestiegen. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?
Die Preise, die wir in den letzten Jahren am Markt erzielt haben, waren nicht kostendeckend. Beim alten Milchpreis konnten wir kein Eigenkapital mehr bilden, das wir für neue Investitionen benötigen. Der Getreidebau war ein Nullsummenspiel. Und weil die Preise derart im Keller waren, kam die ganze Geschichte mit Bioenergie erst auf. Deshalb wurde nach Alternativen gesucht. Wir begrüßen die Preise, die wir jetzt für unsere Produkte erzielen. Doch wenn die Milch um 50 Prozent teurer geworden ist, heißt das nicht gleichzeitig, das wir auch 50 Prozent mehr verdienen. Unsere Kosten steigen momentan fast parallel. Unter dem Strich ist die gefühlte Stimmung in der Landwirtschaft besser als die tatsächliche. Wenn 100 Kilo Weizen deutlich billiger sind als 100 Kilo Müll, zweifelt man an der Wertigkeit der Nahrungsmittelproduktion. Das tut weh. Jetzt bekommen wir wenigstens das Gefühl vermittelt, dass unsere Arbeit auch etwas wert ist. Doch wirtschaftlich gesehen bleibt nicht viel mehr übrig im Geldbeutel.
Wie sind die Preiserhöhungen im Verhältnis zu den gestiegenen Kosten, beispielsweise beim Treibstoff, zu sehen?
Ich weiß von einem Milchviehbetrieb, dessen Kosten im vergangenen Jahr um 30 Prozent angestiegen sind. Der Grundpreis für die Milch ist von 28 auf 42 Cent pro Liter also um 50 Prozent gestiegen. Es kommt jetzt etwas mehr an. Viele Betriebe haben in den letzten Jahren von ihren Abschreibungen gelebt. Das kann man eine gewisse Zeit machen, doch dann ist der Betrieb vervespert. Wir müssen neues Kapital bilden und hoffen, dass dies nun funktioniert.
Helfen Ihnen dabei die sich öffnenden Märkte?
Diese beinhalten Chancen aber auch Risiken.
Warum?
Wir kommen eigentlich aus einem politisch geregelten Markt mit mehr oder weniger sicheren Preisen und mit Vorgaben, wie die Vermarktung abläuft. Das wird immer mehr abgebaut, die Politik zieht sich zurück. Auf dem Weltmarkt dagegen kann der Preis für Getreide schnell mal einen Preisschub von 60 Prozent machen.
Was ja durchaus gut für die Landwirte wäre.
Sicher. Doch ebenso schnell kann es auch um 60 Prozent nach unten gehen. Das ist eine spannende Geschichte, die wir so noch nicht gewohnt sind. Man muss sich schon überlegen, wie man sein Getreide vermarktet. Wir Landwirte müssen in diesem Bereich noch viel lernen. Im Endeffekt denken wir, dass es nun mehr Möglichkeiten für den einzelnen Betrieb gibt.
Wie geht es den Landwirten heute im Vergleich zu den 80er Jahren?
In den 70er und 80er Jahren konnte man produzieren wie man wollte. Der Markt war leer, die Nachfrage war gegeben und die Wertschöpfung höher als heute. Man konnte mehr Gewinne erzielen. Dann fing es an mit den Überproduktionen. Es wurden Maßnahmen eingeführt, die den Markt unterstützen sollten. Ob es jetzt auf dem Weltmarkt besser wird, kann ich nicht sagen, doch es wird spannender. Allerdings ist unser Bereich in Ludwigsburg und Heilbronn strukturell nicht dafür geschaffen, für den Weltmarkt zu produzieren. Wir müssen unsere Produkte mehr auf dem regionalen Markt verkaufen. Der Weltmarkt gibt allerdings das Preislimit für den regionalen Markt vor. Momentan sind die Nahrungsmittelvorräte sehr knapp. Sie reichen gerade noch für 30 Tage. Wenn sich in Europa die Ernte um vier Wochen verzögert und in der Südhalbkugel fällt sie schlecht aus, gibt es in Europa kein Getreide mehr.
Was ist lukrativer? Ackerbau oder Viehzucht?
Es gibt da einen Spruch: Hast du Kühe, hast du Mühe – hast Du Schweine, hast Du Scheine. Man verdient sein Geld etwas einfacher in der Schweinehaltung. Allerdings ist sie risikoreicher. Momentan ist dort nichts verdient. Die legen im Moment eher drauf. Jetzt haben die Milchbauern einen Vorsprung. In den Bilanzen des Landesbauernverbands stehen derzeit die Ackerbaubetriebe vorn. Dann kommen die Schweinebetriebe und erst dann die Milchviehhalter. Doch auch der Ackerbau war schon ganz hinten. In einem Milchviehstall sind eben die Investitionskosten sehr hoch.
Stichwort Biogasanlagen. Ist die Produktion nachwachsender Rohstoffe lukrativer als die Nahrungsmittelproduktion?
Als der Biogasboom begonnen hat, hatten wir geringe Weizenpreise. Deshalb hat sich mancher gesagt, dass er sein Getreide auch auf andere Weise verwerten kann. Jetzt sind die Preise wieder gestiegen, was sich auf die Rohkosten für die Biogasanlage auswirkt. Das tut jetzt manchen sehr weh. Wer stark zukaufen muss, hat das teuer zu bezahlen. Momentan ist es nicht mehr so lukrativ, eine Biogasanlage zu errichten. Im Umkreis von Vaihingen haben wir meiner Meinung nach inzwischen genug dieser Anlagen. Es besteht die Gefahr, dass die Landwirtschaft wieder mehr zum Lieferanten wird und nicht mehr an der Wertschöpfung beteiligt ist. Der Bonus für die Verwertung von Getreide, Mais oder Gras soll meines Erachtens nicht erhöht werden. Ich plädiere dafür, den Zuschlag für Gülleverwertung zu erhöhen. Ich kann nicht den Biogasanlagenbesitzern, nur weil es ihnen gerade nicht so gut geht, den Bonus erhöhen, und den Schweinehaltern gebe ich nichts. Damit sorgt man für ungleiche Verhältnisse auf dem Markt. Ich stehe ein für eine sinnvolle Verwertung von Gülle.
Die Bevölkerung wird es Ihnen danken. Man bekommt oft das Gefühl, dass die Gülle nur deswegen ausgebracht wird, weil die Auffangbehälter überlaufen.
Diesen Eindruck kann man bekommen. Doch das ist von Seiten der Politik so gewollt. Wir dürfen zu gewissen Zeiten nicht fahren, weil wir uns an gesetzliche Verordnungen zu halten haben. Somit können wir nur noch geballt an wenigen Tagen Gülle ausbringen. Der Rahmen ist sehr begrenzt. Ich halte nichts von solchen Regelungen. Für uns ist die Gülle kein Abfallprodukt, sondern ein Düngemittel, das man dann auf den Boden ausbringen sollte, wenn man es benötigt. Im Übrigen müssen wir eine Lagerkapazität für Gülle von neun Monaten haben.
Umweltministerin Tanja Gönner hat gestern beim Bauerntag über das Thema Landwirtschaft und Umweltschutz gesprochen. Mit welchen Problemen haben die Landwirte bei diesem Thema zu kämpfen?
Unser Hauptproblem sind die Ausgleichsmaßnahmen durch Baugebiete. Die Behörden vertreten die vereinfachte Meinung, aus Ackerland extensives Grünland zu machen – ganz nach dem Motto Streuobstwiese drauf und der Ausgleich ist getätigt. Doch das ist ein Trugschluss. Was verbaut ist, ist verbaut. Nur weil ich einen Boden einer anderen Nutzung zuführe, wird er nicht grüner. Ackerland ist genauso wertvoll wie eine Streuobstwiese. Auf dem Acker kreucht und fleucht es. Ich kenne oft die Tiere gar nicht, die ich dort finde. Da herrscht Leben in dem Boden. Wir haben landesweit genügend Streuobstwiesen, auch solche, die nicht mehr gepflegt werden. In den Ausgleichsberechnungen sollte deswegen die Pflege miteinberechnet werden. Ohne die Landwirtschaft ist Naturschutz nicht machbar.
Kein Grünland für Ackerland?
Genau. Wir sind uns noch nicht darüber bewusst, wie knapp es mit den Nahrungsmitteln ist. Wir merken es jedoch momentan an den teilweise steigenden Preisen. Das extensive Grünland nutzt niemandem mehr. Ein Milchviehbetrieb benötigt intensives Grünland.
Extensiv heißt?
Ohne Düngung sowie Mähen von altem Gras. Das hat nicht den gleichen Wert für einen Kuhmagen wie junges Gras, das ständig nachwächst.
Inwiefern ist der Feinstaub ein Thema für die Landwirte?
Viele Landwirte haben das gleiche Problem wie die Handwerker, dass sie alte Fahrzeuge haben, für die sie keine Genehmigung bekommen, um beispielsweise auf den Wochenmarkt nach Ludwigsburg zu fahren. Man kann nicht plötzlich ein neues Auto kaufen, denn so viel ist auf dem Wochenmarkt nicht verdient. Daher haben wir um Ausnahmeregelungen gebeten.
Wenn Sie für die Landwirte drei Wünsche frei hätten, was würden Sie ihnen wünschen.
Gesundheit, sonst hast du als Selbstständiger ein Problem. Dann das nötige Geschick bei der Produktion und dass der Landwirt seine Vermarktung so lenken kann, dass am Ende etwas für seine Arbeit übrig bleibt.
(Die Fragen stellte Frank Elsässer)
