Vaihingen/Illingen (elf). Immer leerer werdende Regale, verunsicherte Mitarbeiter, doch zufriedene Kunden, die „ihrem“ Discounter vor Ort nach wie vor die Stange halten. So das Ergebnis einer Stippvisite in den Märkten der insolventen Drogeriekette Schlecker in Vaihingen und Illingen. Das positive Signal aus der Zentrale in Ehingen: In den nächsten beiden Wochen werden die Regale wieder aufgefüllt.
Donnerstag, 11.40 Uhr, Schlecker-Filiale in Vaihingen. Während eine Mitarbeiterin an der Kasse sitzt und für die Stammkundin ein paar freundliche Worte übrig hat, rückt die Kollegin die Ware in den Regalen zurecht. Zu Auskünften gegenüber der Presse ist man nicht bereit. Wofür gibt es eine Pressestelle? Zudem ist die Verunsicherung der Frauen zu spüren. Wie geht es weiter bei Schlecker? Kommen die Kunden weiterhin? Wird der Markt geschlossen? Wie sieht es mit den Arbeitsplätzen aus?
Die freundliche Mitarbeiterin ist von der Konzernspitze bestens vorbereitet, wählt eine Handynummer und reicht den Hörer nach kurzem Dialog weiter. Dr. Alexander Güttler, einer von drei Pressesprechern bei Schlecker, ist äußerst kooperativ. „Befragen Sie ruhig unsere Kunden, teilen Sie mir aber bitte das Ergebnis später mit“, sagt Güttler. Was er wenige Stunden später hört, deckt sich mit den eigenen Untersuchungen der Drogeriemarktkette: Vor allem die Kunden mittleren und älteren Alters wissen die Nähe der Märkte zu schätzen.
So wie Ulrike Zwickel aus Vaihingen. Sie erfreut sich bei Schlecker vor allem an der „zentrumsnahen Versorgung“ und ist froh, dass sie nicht den weiten Weg zum Mitbewerber „dm“ antreten muss. Das von vielen Kunden angeprangerte Ambiente im Markt stört sie nicht. „So schlimm sieht es nicht aus. Ich halte es für wichtiger, dass die Mitarbeiter mit ordentlichen Arbeitsverhältnissen ausgestattet werden“, sagt sie.
Ein paar Meter weiter steht die Vaihingerin Anna Buffone an einem Regal. Sie würde es sehr bedauern, wenn der Markt schließen würde. „Ich brauche keinen schönen Laden, sondern eine Einkaufsmöglichkeit in der Nähe“, sagt sie und lobt die „freundlichen Verkäuferinnen“, mit denen sie sich auch mal gerne unterhält. Jens Steinhöfer aus Horrheim lobt auch die familiäre Atmosphäre und spricht vom „Tante-Emma-Effekt“. Ob die Einrichtung modern und ansprechend ist, ist ihm egal. „Es darf gerne einfach und simpel sein, wenn dafür die Preise gehalten werden können“, sagt Steinhöfer. Die Insolvenz von Schlecker empfindet er vor allem bezüglich der Mitarbeiter als schlimm.
Zwei Stunden später im Schlecker-Markt in der Bahnhofstraße in Illingen: Dort ist Bernhard Berg aus Kornwestheim auf der Durchreise und macht noch schnell einen kleinen Einkauf. „Schlecker wird weitermachen und umstrukturieren“, zeigt sich der Mann informiert. Dies sei auch gut so, denn Konkurrenz belebe das Geschäft. Am Illinger Markt lobt er die niedrigen Regale. Das sei er von anderen Schlecker-Märkten nicht so gewohnt. „Die Kunden müssen sich beim Einkaufen wohlfühlen“, sagte er und hofft auch für die Mitarbeiter, dass es bei Schlecker weitergeht. Berg: „Jeder, der einen Job hat, weiß, um was es geht.“
Johannes Weiß aus Freiberg am Neckar sieht sich nach einer Handcreme um. Er moniert bei Schlecker vor allem das Verhalten gegenüber den Mitarbeitern, das in der Vergangenheit immer wieder für Schlagzeilen gesorgt hat. Wie die Märkte aussehen, ist ihm egal: „Für mich steht das günstige Produkt im Vordergrund.“
Räumliche Nähe zum Kunden soll beibehalten werden
Für Hannah Lengrüsser aus Illingen ist der Markt in der Bahnhofstraße Mittel zum Zweck: „Da ich nicht die Zeit habe, um nach Vaihingen oder Mühlacker zum ‚dm‘ zu fahren, brauche ich den Laden hier und fände es schlimm, wenn er schließen müsste.“ Der Konkurrent mit den zwei Buchstaben wäre ihr allerdings lieber am Ort. Er habe mehr Auswahl und günstigere Preise.
„Zu Schlecker geht man, zu Rossmann fährt man“, zitiert Pressesprecher Güttler einen Werbeslogan und hebt damit die räumliche Nähe zum Kunden hervor. Diese wolle die Drogeriemarktkette auch in Zukunft beibehalten – sowohl in der Stadt als auch im ländlichen Raum. Sicherlich käme man nicht umhin, unrentable Märkte zu schließen, doch um welche es sich dabei handelt, könne im Moment noch nicht gesagt werden. „Das geschieht in enger Abstimmung mit dem Insolvenzverwalter, der für das Vermögen verantwortlich ist“, sagt Güttler. Im Moment sei allerdings noch nicht einmal das Hauptverfahren eröffnet. Güttler: „Wir sind noch im Vorverfahren und wollen eine konzeptionelle Einigung mit dem Insolvenzverwalter, der Familie (Anm. d. Red.: Meike und Lars Schlecker – Firmengründer Anton Schlecker wird spätestens in einem halben Jahr aus der Führung der Drogeriekette ausscheiden), den Gläubigern, dem Management und nicht zuletzt auch den Arbeitnehmern erzielen.“ Erst dann werde klar sein, welche Märkte geschlossen werden und wie die verbliebenen kundenfreundlicher gestaltet werden. Wichtig für den Moment sei es, dass sich Schlecker mit nahezu allen der rund 300 Lieferanten geeinigt habe und in den nächsten beiden Wochen die Regale wieder befüllt werden. „Wir haben fast alle Lieferanten mit im Boot“, so Güttler.
Auch die Arbeitnehmer sollen schnell über den Stand der Dinge informiert werden. So wird nächste Woche eine achtseitige Mitarbeiterinformation verteilt. Zudem gebe es über das Internet einen Personalchat, über den die Mitarbeiter sich mit dem obersten Personalchef über ihre Sorgen und Nöte aussprechen können. „Der antwortet extrem offen“, sagt Güttler. Eine neue Offenheit und Transparenz sei im Übrigen auch das Credo der Schlecker-Kinder Meike und Lars, an die der Firmengründer Anton Schlecker die Geschäftsführung übergeben möchte.
