Vaihingen (ub). Die Menschen müssen sich warm anziehen. In der Nacht auf Freitag wurden bis minus 17 Grad gemessen. Und das Bibbern geht weiter. Meteorologen prognostizieren kein Ende der Kältewelle. Gestern hat der Frost den Unterricht in den Container-Klassenzimmern der Pforzheimer Nordstadtschule lahmgelegt.
Sandro Buduligh ist im Stress. „Ich habe keine Zeit, die Leute warten auf der Straße“, sagt der Chef des ADAC-Abschleppdienstes in Vaihingen. Zwei Stunden Schlaf hat der Mann in der Nacht gehabt – mehr ging nicht. „Es ist eine harte Zeit, aber die Tage muss man schon mitnehmen“, lächelt Buduligh, jetzt wieder ganz Geschäftsmann. In den Firmenhof in der Planckstraße biegt ein Kleinlaster – weiterer Nachschub an Autobatterien. „15 bis 20 Batterien verkaufen wir derzeit locker am Tag“, weiß der Profiabschlepper. Und die Zahl der Einsätze nehmen für Buduligh und sein Team mit der anhaltenden Kälte zu. 40-mal wird er gestern zu Hilfe gerufen. Die gelben Helfer aus Vaihingen sind zwischen Knittlingen und Korntal-Münchingen unterwegs, zwischen Calw und Güglingen.
In der Eiseskälte springen die Fahrzeuge nicht mehr an, der Diesel fängt an zu sulzen, das Kühlsystem ist eingefroren, die Batterie ist leer wie das Sparbuch der griechischen Regierung. „Langsam werden die Kunden stinkig“, entschuldigt sich Buduligh, der an einem Fiesta eine neue Batterie einbaut. Zwei Stunden Wartezeit sind aktuell die Regel, bis Hilfe aus der Planckstraße kommt. Vier bis fünf Mitarbeiter der Firma sind toujours unterwegs. 100 bis 150 Euro werden fällig, wenn ein Auto abgeschleppt werden muss. „Eine neue Batterie bauen wir natürlich vor Ort ein“, sagt Buduligh.
Immanuel Klenk, Betriebsleiter beim Autohaus Gayer in Vaihingen, lacht: „Heute Morgen habe ich mich erinnert, wie wir vor 15 Jahren noch jede Menge Autos abgeschleppt haben, weil das Diesel versulzt war.“ Bei starker Kälte scheidet Diesel Paraffin aus, das dann wie Gel in den Leitungen hängt und den Kraftstoff nicht mehr durch den Filter lässt. Heute beugt Winterdiesel diesem Effekt vor. „Klar ist aber, dass Benzinfahrzeuge gegen starke Kälte unempfindlicher sind, als die Diesel“, sagt Klenk. Das Problem seien kleine Betriebstankstellen, in denen aufgrund geringer Umsätze noch Sommerdiesel eingelagert ist. Während es früher im Winter üblich war, ein Drittel Benzin in den Dieseltank zu schütten, „wäre das heute für den Motor tödlich“, so Klenk.
Damit Salze nicht in
die „Poren“ dringen
Wichtig, so Klenk, sei bei diesem Wetter auch die Lackkonservierung. So werden die „Poren“ geschlossen und aggressive Salze können nicht eindringen. „Erkennbar ist ein gut versiegelter Lack mit der Fingernagelprobe: Mit dem Fingernagel fährt man über den Lack. Bei gutem Lack rutscht der Fingernagel drüber, bei schlechtem Lack kratzt der Fingernagel auf dem Lack.“
Bernd Spaete und sein Kollege stehen vor der Heizung im Rohbau im Wohngebiet „Römerbergle“ in Aurich. „Wir müssen den Bau erst aufheizen, sonst geht gar nichts“, wissen die Stuckateure der Firma Sommer. Verputzarbeiten sind bei dieser Witterung fast unmöglich. Außen kalt, innen warm, „da ist ruckzuck Eis an der Wand“. Spaete zeigt seine Hände. An den Fingerkuppen ist die Haut aufgeplatzt. „Das Wetter ist halt nicht das Wahre“ lacht der Bauarbeiter aus Corres bei Ötisheim. „Man muss sich den ganzen Tag bewegen, sonst friert man bitterlich.“
Wärmender Kaffee
vor dem Gasbrenner
Im Imbissstand von Ursula Jaillet auf dem Parkplatz am Pulverdinger Wald läuft der Gasbrenner im Dauerbetrieb. Während der Verkehr auf der Bundesstraße 10 rauscht, wärmen sich die Gäste mit einem Kaffee auf. „Der Ostwind ist schon brutal“, schimpft Ursula Jaillet, die morgens um 8 Uhr ihren Stand aufbaut. Nur mit Mühe kann sie die gefrorene Plane vor dem Grillwagen montieren. „Meine Männer zu Hause sagen immer, es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung.“ Mit einer dicken Jacke, Handschuhen, einem Schal um den Hals betreut Jaillet den Imbiss am Hochwald. Obwohl in der Nacht ein Heizlüfter im Wagen läuft, „ist es am Morgen extrem kalt“, sagt Ursula Jaillet. „Aber die Kälte gehört nun einmal zur Jahreszeit.“
Die Kältewelle ist für die Landwirtschaft bisher kein größeres Problem. Den Anbaukulturen stehe eher eine kritische Zeit beim Übergang in den Frühling bevor, wenn die Tage wärmer werden, die Nächte aber noch Frost bringen. Dann seien die Wurzeln besonderen Strapazen ausgesetzt. Es bestehe die Gefahr, dass sie abreißen, weil der Boden immer wieder gefriert und dann wieder auftaut.
Zusätzliche Arbeit bringe die Kälte in der Viehwirtschaft. In den offenen Ställen wird die Wasserversorgung schwieriger, weil Leitungen einfrieren und Tränken vereisen. Dann muss heißes Wasser helfen oder die Tiere werden mit Wasser aus den Eimern versorgt, erläutert der Landesbauernverband Baden-Württemberg. Die Kühe selbst sind in der Kälte entspannt. „Die geben sich ja gegenseitig Wärme ab“, meint ein Verbandssprecher.
Wenn die Temperaturen im Keller sind, können Tiere doch das große Zittern kriegen – vor allem bei Hunden, wenn das Haarkleid kurz ist und keine Unterwolle hat. Ist man nicht gerade der sportliche Typ und verbindet die Gassi-Runde mit Fiffi nicht mit Jogging oder Nordic Walking, sollten Spaziergänge nicht über Gebühr ausgedehnt werden. Darauf weist der Deutsche Tierschutzbund in Bonn hin. Bei starkem Frost sei es besser, den Hund mehrmals täglich auszuführen, anstatt lange Touren zu unternehmen. Alten und kranken Tieren können sehr niedrige Temperaturen und beißender Wind besonders zusetzen.
