Sersheim (ub). „Es ist eine wunderschöne Aufgabe. Sie kostet aber auch viel Zeit.“ Anneliese Hildebrand hat Akten gesäubert, Bestände gesichtet und geordnet. Sie hat vor 25 Jahren ihre Archivarbeit begonnen und damit das Gedächtnis von Sersheim bewahrt.
Heute sitzt Anneliese Hildebrand – im Mai wird sie 90 Jahre alt – zufrieden hinter ihrem Schreibtisch im alten Steinhaus von 1479. Im Blick sind die Bilder von Walter Strich-Chapell, dem Ehrenbürger von Sersheim. Im Mittelpunkt der Archivräume, die 1993 direkt angegliedert an das Bürgerhaus geschaffen worden sind, steht der Gedächtnisraum an den Kunstmaler, der 1960 in Sersheim gestorben ist. Diese Ecke ist das Schmuckstück in dem zweistöckigen, offenen Archiv auf rund 100 Quadratmetern – im oberen Stockwerk liegen die alten Schriften und Dokumente. 51 laufende Meter umfasst mittlerweile der historische Bestand. „Die wichtigsten Aufgaben sind erledigt“, vermeldet die ehrenamtliche Archivarin der Gemeinde. Dabei ist nicht nur die Geschichte des Ortes registriert, sondern in dem Archiv ist auch die Atmosphäre des Dorfes lebendig geworden.
Schuld an der historischen Passion von Hildebrand hat quasi die Vaihinger Kreiszeitung. Das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ schrieb 1984 von „aller Hexen Mutter aus Sersheim“, die VKZ griff die Passage auf und Anneliese Hildebrand machte sich auf die Spurensuche. Dabei unterhielt sie sich auch mit dem damaligen Bürgermeister Peter Noak und erkundigte sich nach den alten Akten der Gemeinde. Diese lagen auf dem Dachboden des alten Rathauses. Mäuse hatten faustgroße Löcher in die Dokumente gefressen, Taubendreck bedeckte die alten Schriften. Hildebrand machte sich an die Sisyphusarbeit – und wurde ab 1985 zur profunden Kennerin der Sersheimer Ortsgeschichte.
Zuerst wurde der Fundus in der Arztpraxis ihres 1976 verstorbenen Mannes gelagert. Erst ab 1993 fand das Archiv seine neue Heimat im alten Steinhaus.
„Die Aufgabe hat mir sehr viel Freude gemacht“, erzählt heute die Hobby-Historikerin. Hildebrand, gelernte Medizinisch Technische Assistentin, arbeitete mit Mundschutz, saugte die alten Bände aus, lagerte die Schriften in der Tiefkühltruhe, „weil da irgendwelche Viecher drin waren“. Mit Hilfe – so hat beispielsweise Ingeborg Ziegler alte Schriften restauriert – kann Anneliese Hildebrand 2010 ein funktionierendes Archiv präsentieren, kann den Besuchern zu vielen Gegenständen die entsprechenden Geschichten erzählen.
„Da ist auch ein Stück von meinem Herzen drin“, sagt die 89-Jährige. Ihr Herz hängt auch an dem Maler Walter Strich-Chapell, den Hildebrand noch persönlich kannte. Im Schrank ist das Kaffeeservice der Künstlerfamilie, auf dem Schrank liegt das Zigarrenetui, in der Schublade die originalen Farben des Schönleber-Schülers. Ein alter Tisch und Stühle vom Nachbarhaus des Malers laden zum Verweilen ein. Schmunzelnd erzählt Hildebrand die Geschichte des Teppichs, auf dem das Mobiliar steht: 500 Mark hätten damals noch zur Finanzierung des Teppichs gefehlt. Als die frühere Sozialministerin Annemarie Griesinger zu Besuch war, konnte ihr Hildebrand kurzerhand eine Spende entlocken. Einige Tage später stockte der damalige Verwaltungschef Peter Noak den Betrag auf und die Archivarin konnte Kämmerer Gerhard Bäder rasch den fehlenden Betrag erstatten. 700000 Mark hat sich übrigens die Gemeinde Sersheim zusammen mit dem Schmiedemuseum im Erdgeschoss die Einrichtungen im alten Steinhaus kosten lassen. Allein 15000 Mark wurden für die Einrichtung des Archivs investiert.
Das eigentliche Archiv ist auf der Galerie im ersten Stock. Hier lagert das „Gedächtnis des Dorfes“. Die Bestände beginnen Mitte des 17. Jahrhunderts und reichen bis zum Zweiten Weltkrieg. Die Akten aus der Zeit danach lagern in der Alt-Registratur des neuen Rathauses. Vorbei am Sessel des Kammerdieners des letzten württembergischen Königs steuert Anneliese Hildebrand die Regale an – hier das älteste Kaufbuch aus dem Jahr 1694, dort das Bürgerbuch aus dem Jahr 1672.
Immer wieder kann die Archivarin Anfragen beantworten, hilft bei der Suche nach dem Großvater, klärt das Schicksal eines abgeschossenen Piloten am Ende des Zweiten Weltkriegs, betreut Adoptivkinder auf der Suche nach ihrer Vergangenheit. „Das sind schon schöne Aufgaben“, sagt Hildebrand. Und ans Aufhören denkt die ehrenamtlich Archivarin noch lange nicht. „Hier im Steinhaus zu arbeiten ist doch wunderschön.“
