Vaihingen (sr) – Der Blick auf die Preistafeln der Tankstellen ist in letzter Zeit vor allem eins: spannend. Von Kontinuität keine Spur. Die Preise springen häufig und heftig von oben nach unten. Diese Zustände „spiegeln den harten Wettbewerb im deutschen Tankstellenmarkt wider“, behauptet der Mineralölwirtschaftsverband.
Wer morgens an seiner Lieblingstankstelle vorbeifährt, billige Spritpreise registriert und abends tanken will, den kann schon mal der Schlag treffen. Bis zu 13 Cent Preiserhöhung können das Treibstoff-Schnäppchen dahingefegt haben. Früher, mag sich so mancher denken, da war alles noch anders. Dass das nicht ganz falsch ist, kann Jürgen Rapp aus Vaihingen bestätigen. Der Geschäftsführer bei Heizöl Rapp, zu der auch die Rapp-Tankstelle gehört: „Früher, als man zur Preiskorrektur noch auf die Leiter klettern musste, wäre es nicht machbar gewesen, ein paarmal am Tag Preise umzustellen.“
Dieses Auf und Ab an Tankstellen habe mit dem flächendeckenden Einsatz elektronischer Preistafeln deutlich zugenommen. Bis Ende 2001 seien die Schwankungen aber bei Weitem nicht so ausgeprägt gewesen wie heute, stellt Rapp fest. Maximal um zwei bis vier Pfennige ging’s maximal rauf oder runter. Rapp: „Preisänderungen waren damals sehr stark am Preisgefüge der Mineralölbörse orientiert.“ Seit rund sieben Jahren hätten die Preisschwankungen in der Höhe und Frequenz zugenommen und seit 2007 „ist es extrem“, beobachtet Rapp. Bis vor wenigen Monaten konnte sich der Kunde am Wochenende bis einschließlich Montagabend auf relativ niedrige Kraftstoffpreise verlassen. Doch seit dem letzten Herbst herrscht beim Autofahrer Orientierungslosigkeit. Scheinbar willkürlich setzen sich die Täfelchen hoch über den Zapfsäulen in Bewegung, kein Verlass mehr auf den bekannten Preisverlauf. „Der Rhythmus wird derzeit nicht mehr streng durchgezogen“, sagt Rapp, der an seiner freien Tankstelle seine Preisgestaltung theoretisch selbst vornehmen kann. Praktisch muss er natürlich die Konkurrenz im Auge haben. „Wir können als freie Tankstelle nicht über den anderen Preisen liegen.“
Die häufigen Preisveränderungen innerhalb einer Woche oder gar eines Tages „spiegeln den harten Wettbewerb im deutschen Tankstellenmarkt wider“, meldet der Mineralölwirtschaftsverband. Die Verbraucherpreise in Deutschland zählten sogar zu den günstigsten in der Europäischen Union – ohne Steuern zumindest. 67 Prozent des Benzinpreises würden als Mineral- und Umsatzsteuer an den Staat abgeführt, macht der Verband deutlich.
Kritik an zu hohen Tankstellenpreisen, die der ADAC regelmäßig laut werden lässt, kontert der Verband damit, dass es sich dabei um „eine fahrlässig verkürzte Darstellung der tatsächlichen Marktstrukturen“ handle. Auch bei gesunkenen Rohölpreisen seien die Einkaufskosten für die Mineralölprodukte Benzin und Diesel entscheidend für den Tankstellenpreis. Insgesamt müssten auch die Wechselkursschwankungen von Dollar und Euro berücksichtigt werden.
„Wie die Unternehmen die Preise festlegen, ist nicht transparent“, sagt Eckhard Benner, verbraucherpolitischer Sprecher der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Es handle sich um eine generelle Tendenz, dass Unternehmen eine andere Preisstrategie einläuten und die Sache noch intransparenter werde.
„Nicht nachvollziehbar, was die Benzinpreise mit dem Rohölpreis zu tun haben“
Eckhard Benner, Verbraucherzentrale
Es sei nicht nachvollziehbar, was die Benzinpreise mit dem Rohölpreis zu tun hätten, sagt Benner. Allerdings: „Die Preisgestaltung muss man nicht offenlegen.“ Zu schauen, was der Konkurrent für einen Preis verlangt und darauf zu reagieren, sei legitim. Nur Absprachen im Hinterzimmer seien ein Fall für das Bundeskartellamt. Dorthin könnten sich auch Verbraucher wenden, die das Gefühl haben, dass der Preisangleich komischen Mustern folge.
Dabei befinden sich die Einnahmen aus dem Spritverkauf im Sinkflug. Im Jahr 2004 betrug der Bruttoverdienstanteil der Provisionen aus dem Kraft- und Schmierstoffgeschäft nur 22 Prozent, meldet der Mineralölwirtschaftsverband. Tendenz fallend. Im gleichen Zeitraum fielen 50 Prozent der Bruttoverdienstanteile auf den Tankstellen-Shop. Das bedeutet, dass das Warenangebot an der Tankstelle immer wichtiger wird. An den rund 15000 Tankstellen in Deutschland sei man daher ständig darum bemüht, die Aufmerksamkeit der Autofahrer zu gewinnen.
Es tobt ein Kampf um Marktanteile im schrumpfenden Kraftstoffmarkt, dessen Waffen unter anderem innovative Shop-Konzepte und Dienstleistungsangebote sind. „Man versucht, den Kunden so oft wie möglich anzulocken“, vermutet Jürgen Rapp, dessen Zapfsäulen ohne Waren auskommen.
Der Preiskampf an den großen Tafeln rührt die Psyche des Menschen. Rapp: „Der Mensch, insbesondere der Mann, ist ein Jäger.“ Und so hetzt der vermeintlich kluge Autofahrer dem billigsten Benzinpreis hinterher – was ihn unter Umständen unterm Strich sogar mehr kostet. Der erfolgreiche Billigkäufer neigt womöglich dazu, sich mit einem Schokoriegel von der Tanke für seine Raffinesse zu belohnen, wodurch der Gewinn sofort wieder flöten geht. Oder er nimmt große Umwege zum billigsten Benzinpreis in Kauf.
Ganz wild trieben es einige Bayern im Jahr 2008, berichtete der Focus. Autofahrer mit Rosenheimer Kennzeichen gondelten rund 30 Kilometer nach Österreich, um billiger zu tanken. Die Tanktour entpuppte sich nach Einbeziehung aller Kosten mitunter als „Riesenblödsinn“. Allein die Aussicht auf Gewinn entfacht Glücksgefühle und bremst die Kontrollregion im Hirn kräftig aus.
Insofern empfiehlt auch Jürgen Rapp, etwas mehr Gelassenheit beim Tanken an den Tag zu legen. Wer das nicht schafft, könne immer noch darüber nachdenken, sein Auto mit Autogas ausstatten zu lassen. Rapp: „Da fährt man ungefähr für die Hälfte.“
