Ensingen (smw). „Lass mich mit Freuden ohn alles Neiden…“ – frommer Wunsch oder tragfähiges Fundament für das Miteinander in schwierigen Zeiten? Zu diesem Thema trafen sich Familien aus der Landwirtschaft im Gemeindehaus in Ensingen. Referent war der Landesbauernpfarrer aus Hohebuch, Dr. Jörg Dinger.
Im Bewusstsein, dass in diesem Vers aus dem Gesangbuchlied „Die güldne Sonne“ von Paul Gerhardt eine Provokation drin stecke, führte Dinger mit weiteren Liedversen zum Thema hin: es werde uns zugemutet, nicht neidisch zu sein auf unseren Mitmenschen und ihm alles zu gönnen. Neben „Vertrauen und Fürsorge“ spräche der Dichter in diesem Lied auch unangenehme Wahrheiten an, wie eben diese „nicht zu neiden“, worauf zu reagieren es zwei extreme Möglichkeiten gäbe: Der Provokation ausweichen, ein weichgespültes Christentum präsentieren, das niemand aufregt, das aber auch belanglos ist. Oder die Provokation zuspitzen, um den Zuhörern in einer „gesalzenen Moralpredigt“ Wahrheiten schwarz-weiß und wenig differenziert „um die Ohren zu hauen“ – was auch heute noch Leute von der Kirche zu erwarten scheinen, so Dinger.
Doch er möchte nicht diese extremen Wege gehen, sondern zusammen mit den Zuhörern über das Thema nachdenken und nach Werten zu fragen, die tragfähig sind. Er sprach die Finanzkrise an, die viel damit zu tun hat, dass Werte aus dem Lot geraten sind. So sind gerade Neid und Habgier kein speziell landwirtschaftliches Thema. Sie spielen aber tatsächlich eine heikle Rolle auf dem Land, insbesondere unter dem Stichwort „Existenznot“.
Als Notarsohn, dessen Vater mit Erb- und Besitzstreitigkeiten zu tun hatte und oft als Friedensrichter gefordert war, sind dem Landesbauernpfarrer die Streitigkeiten um Besitz in Erinnerung geblieben. Es scheine, dass im dörflichen Zusammenleben Neid und Missgunst auf fruchtbaren Boden fallen. Doch finde man im Dorf beides: Solidarität und Zusammenhalt, Anteilnahme an Freud und Leid. Aber eben auch argwöhnisches Beäugen, vor allem derjenigen, die sich abheben, die anders sind als die anderen.
Nicht alles fällt unter das Stichwort „Werteverfall“. Bauern seien schon immer nicht nur Kollegen, sondern auch Konkurrenten gewesen. Dennoch habe sich das in den letzten Jahren verschärft. Bauern stellen eine Minderheit dar, es wird immer weniger Geld ausgegeben für Lebensmittel. Nun sollte man erst recht gemeinsam stark sein und die gemeinsamen Interessen vertreten. Die Bauern sehen sich in dieser Spannung wieder: Das Empfinden und die Notwendigkeit von Solidarität als Berufskollegen und die Angst, vom Nachbarn als Konkurrent in schwieriger Wirtschaftslage an die Wand gedrückt zu werden.
Der Bauernpfarrer betonte, die Liedstrophe als Gebet zu verstehen, „nicht als Moralkeule“. Ob wir das zu unserem machen können, sei dahingestellt. Neid, Geiz und Gier als „unheiligen Dreiklang“ spricht die Strophe an, mit der Bitte an Gott, dass das aufhören möge.
Trotz des unheiligen Dreiklangs, der uns allgegenwärtig ist, seien dies nicht die einzigen Töne, die in der Gesellschaft zu hören sind. So klingen auch andere, das Ehrenamt zum Beispiel, ohne das unsere Gesellschaft ärmer wäre. Oder die Bereitschaft, abzugeben und zu teilen, und damit echte Anteilnahme zu zeigen. Dennoch scheint der unheilige Dreiklang lauter zu klingen.
Was hilft nun aber gegen die Angst, benachteiligt zu sein, als die Wurzel von Gier und Neid? In der biblischen Tradition sind uns die Gebote eine Hilfe, als äußere Absicherung, dass die positiven Möglichkeiten gefördert werden und Neid und Missgunst nicht toben. Zum Beispiel das neunte Gebot „Du sollst nicht begehren“, das nicht nur Neid und Gier verurteilt, sondern die konkreten Schritte des Versuchs zum Besitz des Nächsten zu kommen, mit einschließt. Dinger fasste zusammen: „In der Bibel geht es nicht nur um Gebote. Sie lädt uns vor allem ein zum Vertrauen auf Gott. Wenn es ein Heilmittel gibt, dann ist es das. Vertrauen auf Gott, der gütig ist.“
Dinger blieb realistisch: Wir leben in dieser Welt und werden Kompromisse eingehen müssen. Er nannte Beispiele: Autofahren, Energieproduktion, selbst die Nahrungsmittelerzeugung kostet Opfer, auch ein „Spiel mit ungutem Gefühl mitspielen müssen“, wobei jeder muss selber wissen müsse, wo die Grenze ist. Nicht, dass man sich mit allem abfinden müsse, aber Veränderung geschehe durch kleine Schritte. Es ist ein Weg. Und zuletzt: Zufriedenheit ist nicht nur mit Geld und hohem Lebensstandard verbunden.
In der anschließenden Diskussion erkannte ein Landwirt an, solch kritische Sätze zur Wirtschaftsordnung und Gesellschaft selten von der Kirche gehört zu haben. Und eine Bäuerin merkte an, nicht zu verurteilen. Man müsse das Ganze sehen, und die Dinge aus der Sicht des Anderen. Dass man mit bedenkt, wem viel gegeben ist, der habe auch viel Verantwortung. Und das Liedermacherehepaar Knodel bestätigte den Vortrag mit ihrem Lied zum Schluss: „Im Herzen muss die Wandlung geschehen.“
