Dienstag, 22. Mai 2012

Schabernack im Kirbachtal




Häfnerhaslach (ub). Da nützte auch kein Peitschenknall, kein Lärm mit den Glocken, keine mitgeführten Bären – der Schnee im Kirbachtal brummte den Urzeln am Samstag eine gehörige Verspätung aufs Narrenkostüm. Der Umzug in Häfnerhaslach – seit 2004 gab es hier wieder eine Parade – begann erst 45 Minuten nach der angekündigten Zeit.
Die Gelenkbusse, mit denen die schwarzen Zottelgestalten am Samstag in Sachsenheim und den Stadtteilen unterwegs waren, hatten bei Schneematsch Probleme, aus den Parkplätzen herauszukommen. Trotzdem wollten viele Häfnerhaslacher den närrischen Spuk nicht versäumen. Schließlich gab es nach den Brauchtumsvorführungen in der Kelter Stadtwein und Brezeln.
„Häfnerhaslach hat bei den Urzeln einen Sonderstatus“, sagte Zunftmeister Thomas Lutsch. „Hier stehen die Leute am Straßenrand und deshalb fahren wir auch immer das volle Programm.“
Jahr für Jahr sorgt die Urzelnzunft Sachsenheim, Mitglied in der schwäbisch-alemannischen Narrenzunft, für ein Faschingsspektakel im Kirbachtal und in Sachsenheim. Am Samstag wurden die Maskenträger vom Musikverein Ochsenbach und den Kirbachtal-Hexen begleitet. Und so war es klar, dass die Zuschauer nicht ungeschoren davonkamen – entweder wurden sie von den Urzeln eingefangen und im Kreise gedreht oder von den Hexen mit einer Ladung Schnee beworfen.
Der Brauch des Urzelnlaufs hat seinen Ursprung in der Ortschaft Agnetheln, gelegen im Harbachtal in Siebenbürgen, im heutigen Rumänien. Die Entstehung der Zünfte (16. Jahrhundert) in Agnetheln und die daraus entwickelten Bräuche, haben mit Sicherheit dazu beigetragen, dass im Jahre 1689 das erste Mal in Agnetheln der Brauch „Mummenschanz der Zünfte“ als Vorgänger des heutigen „Urzel“ erwähnt wird. Die Trägerschaft dieses Brauches war das Handwerk mit dessen Zünften und Bruderschaften.
Und wie wurde der Brauch nach Sachsenheim verpflanzt? Das politische Geschehen nach dem Zweiten Weltkrieg hat die in Agnetheln geborenen Gebrüder Wonner dazu bewogen, in Großsachsenheim ein Bauunternehmen zu gründen. Es wurden Fachleute gesucht und so dauerte es nicht lange, bis viele Agnethler und Siebenbürger in dem schwäbischen Großsachsenheim eine neue Heimat gefunden hatten. In einem Agnethler Kränzchen stellte sich im Herbst 1964 heraus, dass einige in ihrem Gepäck auch einen Urzelnanzug mit allen Requisiten hatten. Die Betreffenden beschlossen, einen Versuch zu starten.
Am 20. Februar 1965 um 13 Uhr liefen die ersten 13 Urzeln in den Straßen von Großsachsenheim. Die Frauen der Urzeln wurden der Reihe nach besucht. Die Urzeln wurden mit Krapfen und Wein bedient. Die Überraschung war groß, dass der einheimsische Reinhold Spiess den vorbeilaufenden Urzeln Tor und Tür öffnete und die Urzeln in sein Haus einlud. Auf dem Tisch waren Krapfen wie in der alten Heimat. Die Urzeln wurden bewirtet. Ein viertel Jahrhundert lang hat Spiess die Urzeln empfangen und bewirtet.
Am 12. Februar 1994 fanden in Spielberg und Großsachsenheim die ersten richtigen Umzüge (Paraden) nach altem Brauch mit allen Traditionsgestalten statt.




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