Vaihingen (aa). „Die Rüben haben sich leider nicht an die Anbauempfehlung und die Quoten gehalten.“ Manfred Kröhl, Gebietsdirektor West von Südzucker, brachte es mit Humor auf den Punkt. Im Klartext: Die Ernte 2009 war rekordverdächtig, hat aber auch ein Überschussproblem heraufbeschworen, das jetzt EU-weit gelöst werden muss.
Die Zuckerrübenanbauer aus dem Landkreis Ludwigsburg treffen sich traditionell in der Schwieberdinger Festhalle zur Bezirksversammlung und lassen sich von ihren Verbandsherrschaften über den Verlauf der Kampagne, Mengen und Preis informieren. Derzeit gibt es im Landkreis 506 Anbauer, die eine Fläche von rund 2500 Hektar bewirtschaften. Sie haben die Menge ihrer nach Offenau bei Heilbronn gelieferten Knollen ganz im allgemeinen Trend liegend von 66 Tonnen/Hektar auf 80 Tonnen gesteigert und liegen damit über dem Offenauer Durchschnittswert. Dort wurden in den insgesamt 106 Kampagnetagen – bis 31. Dezember wurde gearbeitet – Rüben von einer Anbaufläche von 16804 Hektar angeliefert. 77,7 Tonnen pro Hektar hat Gebietsdirektor Manfred Kröhl errechnet (die durchschnittliche Erntemenge der Jahre 2004 bis 2008 lag bei 67,8 Tonnen/Hektar). Auch der Zuckergehalt ist gestiegen: von 17,7 auf 18,4 Prozent. Im Bereich der Gebietsdirektion West, zu der vier Werke gehören, nimmt Offenau die Spitzenstellung ein.
Durchschnittlicher Preis
von 34,89 Euro/Tonne
Die Landwirte können mit einem durchschnittlichen Preis von 34,89 Euro/Tonne rechnen. Anders ausgedrückt: Pro Hektar werden 2707 Euro erlöst. Bei Quotenrüben ist es zum Beispiel ein Grundpreis von 26,29 Euro, dazu kommen Qualitätsprämien und sogar ein Kampagnezuschlag von 0,50 Euro/Tonne, denn, so Jürgen Rukwied, Vorsitzender des Verbandes der baden-württembergischen Zuckerrübenanbauer, „es wurden von allen Beteiligten logistische Höchstleistungen vollbracht“. Die geringe Höhe der Schnitzelvergütung (nur 1,54 Euro/Tonne) machte Rukwied mit der „katastrophalen Preissituation an den Getreidemärkten“ fest.
Und was wird mit dem Überschuss? Vor dem Hintergrund einer Verknappung des weltweiten Zuckervorrates und damit weiter steigender Weltmarktpreise konnte die EU dazu bewegt werden, weitere Exportlizenzen zu erteilen. 500000 Tonnen Zucker wurden zusätzlich freigegeben. „Hätten wir 190000 Tonnen Zucker auf das neue Jahr übertragen müssen, wäre das im Prinzip ein Anbaustopp für 31 Landwirte gewesen“, rechnete Rukwied vor.
Wie viel von den 500000 Tonnen für den Weltmarkt auf Südzucker entfallen werden (die AG hat 1,9 Millionen Tonnen Zucker produziert, davon waren 60 Prozent durch Quoten abgedeckt), steht noch nicht fest. Durch die breite Aufstellung von Südzucker war es aktuell jedoch möglich rund 540000 Tonnen Nicht-Quotenzucker abzusetzen: als Industriezucker zur Versorgung der regionalen Industrie und als Energieträger für die Ethanolproduktion. Südzucker betreibt inzwischen europaweit fünf Standorte mit einer Gesamtproduktion von einer Million Kubikmeter Bioethanol. Den Landwirten ist jedoch klar gemacht worden, dass trotz aller Verkaufsanstrengungen die große Zuckermenge des letzten Jahres nicht vollständig abgesetzt werden kann. Ein Teil des Überschusszuckers muss auf das nächste Wirtschaftsjahr übertragen werden. Das sieht auch Eberhard Zucker, Vorsitzender des Bauernverbandes Heilbronn-Ludwigsburg, der gestern nur „normaler“ Besucher war, völlig nüchtern: „Wir müssen reduzieren.“ Anbauempfehlungen konnten vor diesem Hintergrund bei der Bezirksversammlung nicht gegeben werden. Auch die Saatgutlieferung wird sich bis Mitte März verzögern.
Wenn schon mal mehrere Hundert Landwirte zusammen sind, dann wird natürlich auch Verbandspolitik gemacht und dazu aufgerufen, für die Zuckerrübe („Stütze und Rückgrat des Ackerbaus“) zu kämpfen. Die Gestaltung der gemeinsamen Agrarpolitik werde mit Sicherheit ein zentrales Thema der nächsten Jahre werden. Einen Vorgeschmack habe es durch die Äußerungen von Kommissionspräsident Barroso („Mehr Geld für Forschung und Bildung“) und Ministerpräsident Oettinger, der als künftiger Europakommissar Abkehr von EU-Agrarsubventionen fordert, gegeben. Man müsse die gesellschaftlichen Leistungen im Sinne eines Modells der multifunktionalen Landwirtschaft stärker herausstellen. Und vor allem seien für die jüngst reformierte Zuckermarktordnung nicht schon wieder Reformschritte notwendig. Sie werde den Anforderungen an die gemeinsame Agrarpolitik nach 2013 voll gerecht. Eindringlich gewarnt wurde vor einer überbordenden Bürokratisierung der Landwirtschaftsverwaltung am Beispiel der Einführung eines Erosionskatasters. Rukwied: „Es muss doch auch möglich sein, am 2. Dezember zu pflügen und zu säen, wenn da das Wetter optimal ist. Wir wollen pragmatische Ausnahmeregelungen.“
