Dienstag, 22. Mai 2012

VKZ-Gespräch mit Schauspieldirektor




Murat Yeginer. Foto: p
Murat Yeginer. Foto: p

Pforzheim (p) – Im Theater Pforzheim findet heute die Premiere von Friedrich Schillers „Die Räuber“ statt – des schwäbischen Dramatikers Erstling mit fast revolutionärem Erfolg bei der Uraufführung im Nationaltheater Mannheim im Januar des Jahres 1782. Die VKZ befragte den Schauspieldirektor des Pforzheimer Theaters, Murat Yeginer, nach seinem zeit(politisch)beteiligten Befinden zur Arbeit am Theater und inwieweit die Kunst auf der Bühne die Mitwelt beeinflussen kann und darf.
Haben heute „Die Räuber“ in der Aufführung des Theaters Pforzheim eine Haltung gegenüber den Räubern der Finanz- und Politikwelt? Fließt seitens des Schauspieldirektors der Inszenierung hierbei eine un/deutliche Positionierung in die Handlung mit ein?
Die Positionierung und inhaltliche Interpretation einer Inszenierung liegt in der Verantwortung des Regisseurs. Als Schauspieldirektor mische ich mich in der laufenden Arbeit bewusst nicht ein. Meine Positionierung findet vielmehr bereits im Vorfeld statt, indem ich ein Stück wie „Die Räuber“ auf den Spielplan nehme und indem ich einen bestimmten Regisseur mit der Inszenierung beauftrage.

Inwieweit hat der „Handlungsreisende“ Wirkung auf die jetzige politisch-wirtschaftliche Situation? Welche Pflicht gegenüber dem Volk hat ein Theater, um extreme Missstände – über Kunst auf der Bühne – aufzuzeigen? Oder kuscht das Theater vor den regionalen/überregionalen Politikern? Hat das Theater Angst vor (bezwingender) Konfrontation?
Auch der „Handlungsreisende“ ist bewusst Teil des Spielplans der ersten Spielzeit. Das Stück hat vor dem Hintergrund der aktuellen Wirtschafts- und Sinnkrisen eine geradezu bedrückende Heutigkeit – eine gegenwärtige Bedeutung. Das Theater hat die Pflicht, sich moralisch einzumischen, Missstände in der Gesellschaft zu benennen und mögliche Auswege in die Diskussion zu bringen. Dies ist in erster Linie eine ethische und nicht eine politische Verantwortung. Sehr wohl haben wir jedoch den politischen Auftrag, uns dieser ethischen Verantwortung zu stellen. Die öffentlichen Theater werden deshalb subventioniert, damit wir diesen Auftrag wahrnehmen können, unabhängig von „Einschaltquoten“ und kurzfristigen wirtschaftlichen Entwicklungen.
Aber Vorsicht: Das Theater ist nicht die Instanz, die fertige Lösungen vorgibt oder Entscheidungen für die Gesellschaft fällt. Es liefert lediglich Impulse und Anregungen als Gesprächsgrundlage. Das Theater maßt sich also nicht die Kompetenzen von Politikern an. Insofern hat es auch keine Angst vor Konfrontation.

Kann man als Theater „unterschwellig“ den Verfall eines Systems, der Moral in der Finanz/Wirtschaft/Politik aufzeigen – ohne letztlich angreifbar zu sein? Oder steht die eigene Moralvorstellung in der Arbeit der Theaterkünstler eher hintenan, und kann man in seiner künstlerischen Arbeit von außen an die Kandare genommen werden?
Die eigene Moral ist ein wichtiger Bestandteil jedes ernstzunehmenden Kunstwerkes. Sie steht gleichwertig neben anderen Komponenten, zum Beispiel Poesie, Sinnlichkeit, Ästhetik, handwerklichen und formalen Anforderungen. Es gelten also bei jeder künstlerischen Arbeit bestimmte Spielregeln. Darüber hinaus darf künstlerische Arbeit nicht an die Kandare genommen werden. Kunst braucht ein hohes Maß an Freiheit, um ihre Wirkung entfalten zu können.

Ab welcher seismographischen Wirklichkeit eines Verfalls bis in das Chaos kann das Theater „rechtzeitig“ sein Publikum und die Öffentlichkeit warnen und somit vielleicht auch politische Veränderungen herbeiführen?
In einem totalitären Staat hat das Theater den künstlerischen Auftrag und die Mittel, aktiv politische und systemische Veränderungen herbeizuführen, zumindest zu unterstützen. Das belegt das von Ihnen zitierte Beispiel – Sire, geben Sie Gedankenfreiheit – ebenso wie Erfahrungen aus der jüngeren Geschichte. In der DDR waren es neben den Kirchen die Theater, wo Systemkritik als Erstes laut wurde und politische Veränderung begann.
 In der heutigen Bundesrepublik sind wir von totalitären Zuständen Gott sei Dank weit entfernt. Wir haben daher als Theater die Möglichkeit – und die moralische Verpflichtung –, uns anderen gesellschaftlichen Themen zuzuwenden. Soziale Gerechtigkeit, Integration, Zukunftsgestaltung, Jugendarbeit stehen für mich als aktuelle Themen ganz oben auf der Liste. Dabei sehe ich uns aber nicht als Richter und nicht als Maß aller Dinge. Wir geben Denkanstöße, weisen auf Entwicklungen hin, zeigen, wohin sie führen können. Das Resümee aber muss der Betrachter selbst ziehen. Ganz ähnlich sehe ich übrigens auch die Aufgabe der Presse. Beide leisten wir durch Aufklärung, nicht durch Manipulation unseren gesellschaftlichen Beitrag zur Meinungsbildung.

Was ist Unterhaltung auf der Bühne des Theaters in Krisenzeiten? Und inwieweit darf Theater (in sich selbst) verdrängen, verdrängend agieren?
Gerade in Krisenzeiten kann Unterhaltung eine wertvolle Ventilfunktion erfüllen. Sie ermöglicht uns heitere kurzfristige Ferien vom belastenden Alltag. Lachen – auch niveauvolles Lachen – kann uns helfen, schwere Zeiten leichter zu nehmen. Selbstverständlich ist bei der Form der Unterhaltung Sensibilität gefordert. Und es entbindet uns nicht von der Aufgabe, gleichzeitig den Finger auf die Wunden zu legen. Wichtig ist es, immer die Balance zwischen Unterhaltung und Gesellschaftskritik zu halten.

Hat Theater eine Pflicht, gegen einen offensichtlich politisch zu verantwortenden Wahnsinn „anzuspielen“?
Ja. Und auch das Umgekehrte gilt: Theater darf sich keinesfalls von einem politischen System oder einer Interessengruppe instrumentalisieren lassen.

Trägt das Theater auch eine moralische Verantwortung gegenüber dem Volk als Publikum?
Natürlich, selbstverständlich. Im Theater Pforzheim haben wir deshalb zum Beispiel das Projekt Stage-Enter ins Leben gerufen. Wir wollen damit Jugendlichen einen niederschwelligen Zugang zum Theater und damit zum kulturellen Leben und Selbstverständnis in der Bundesrepublik ermöglichen. Es geht dabei um „Integration“ in einem übergeordneten Sinn. Unsere Gesellschaft kann sich nur dann zukunftsfähig ausrichten, wenn es uns gelingt, die unterschiedlichsten Lebenswelten füreinander durchlässig zu machen. Integration bedeutet also, dass die verschiedenen Lebenswelten einander auf Augenhöhe begegnen. Die faszinierende Welt des Theaters bietet eine Ebene, auf der dies möglich ist.
Insbesondere junge Menschen brauchen es, dass wir Ihnen Zugänge schaffen, Erfahrungen vermitteln, die sie aus ihren Elternhäusern nicht gewohnt sind. Dies gilt für alle Jugendlichen. Nicht nur für diejenigen mit sogenanntem Migrationshintergrund.
Fragen von Rumpf von Mansfeld




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