Dienstag, 22. Mai 2012

Jugendliche und Alkohol




Jugendliche und Alkohol.
Jugendliche und Alkohol.

Ludwigsburg (teb) – Komasaufen macht Schlagzeilen: „Mit Alkoholexzessen bis hin zum Komasaufen sei die Polizei täglich konfrontiert'“, sagt Landespolizeipräsident Erwin Hetger. „Der Trend zum exzessiven Trinken bei Jugendlichen ist weiterhin ungebrochen“, sagt die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Sabine Bätzing (SPD).
Die Polizei alleine könne diese Probleme nicht lösen, heißt es in einer Pressemitteilung des Innenministeriums Baden-Württemberg und „die Zahl der Kinder und Jugendlichen im Alter von 13 bis 19 Jahren, die aufgrund massiven Alkoholmissbrauchs stationär im Krankenhaus behandelt werden mussten, habe sich seit 2001 mehr als verdoppelt“ .
In nüchternen Zahlen betrachtet, waren das im Kreis Ludwigsburg exakt 187 junge Menschen. 187 sind bezogen auf die rund 41000 Jugendlichen, die hier leben, ganze 4,5 Promille der Einwohner zwischen 13 und 19 Jahren, die 2007 tatsächlich wegen übermäßigen Alkoholgenusses im Krankenhaus landeten. Wobei festzuhalten ist, dass sich die Zahl auf die bezieht, die hier ins Krankenhaus kamen, nicht auf den Herkunftsort der Patienten.
So panisch gibt sich die Polizei selten, verweist auf alkoholisierte Gewaltbereitschaft und 427 verletzte Beamte in einem Jahr, selbst das Innenministerium räumt ganz offiziell ein, dass die Polizei vor allem die gewaltbereiten Jung-Trinker nicht mehr in den Griff bekommt. O-Text: „Die Polizei alleine könne diese Probleme nicht lösen. Erwachsene müssten sich mehr den je ihrer Vorbildfunktion bewusst werden und Eltern eine stärkere Sensibilität für den Alkoholkonsum ihrer Kinder entwickeln. Der gedanken- und maßlose Konsum hätte bereits Ausmaße angenommen wie in der Vergangenheit bei illegalen Drogen. Hier müsse endlich die Notbremse gezogen werden.“
Die Notbremse? Die heißt in diesem Fall gutes Zureden, denn es das Land stellte mit den Panikdaten eine „bundesweite Kampagne der Polizeilichen Kriminalprävention gegen exzessiven Alkoholkonsum und Gewalt“ vor: „Don't trink too much - Stay Gold“, die Cops, pardon Polizisten, kommen ihrer Targetgroup, sorry, Zielgruppe, getreu dem Motto „Wir können alles außer hochdeutsch“, englisch. Was hoffentlich nicht zu Verwechslungen führt, denn die Biersorten mit „Gold“ sind ja bei der Zielgruppe nicht unbeliebt.
Wie die Lage tatsächlich aussieht, dafür gibt's ein paar Daten und Interpretationen: Beispielsweise von Dr. Lothar Baumann, der beim Statistischen Landesamt seine Krankenhausdaten mal auf die Aussagefähigkeit zum Thema geprüft hat. Kommt ein Kind oder ein Jugendlicher wegen Alkoholmissbrauchs ins Krankenhaus, dann taucht er in der Statistik auf. Baumann: „Zu 98 Prozent wird bei den wegen Alkoholmissbrauchs in ein Krankenhaus eingelieferten Kindern die Diagnose ‚Akute Intoxikation‘ vergeben.“ Früher wurde so etwas „Alkoholvergiftung“ genannt. Damit sind Auswertungen möglich.
Erste Erkenntnis: Zwischen 2001 und 2007 (die 2008er-Werte fehlen noch) hat sich die Zahl der Fälle landesweit tatsächlich mehr als verdoppelt. Allerdings gibt es da zum Teil gravierende lokale Unterschiede. Im Kreis Ludwigsburg lag die Zahl der Krankenhausfälle durch Alkohol beim 2,3-fachen des Jahres 2001. Aber das ist nur ein Teil der Wahrheit. Denn betrachten wir uns die Entwicklung näher, dann ergibt sich: von 2001 auf 2002 wuchs die Zahl der Fälle um 24,1 Prozent. 2003 wuchs die Zahl der Fälle um 24,3 Prozent. 2004 gab es einen Anstieg der Fälle um 14,1 Prozent. 2005 wuchs die Zahl der Fälle um 13,0 Prozent. 2006 schrumpfte die Zahl der Krankenhauseinlieferungen um -8,5 Prozent. Und von 2006 auf 2007 lag der Zuwachs mit 36 Fällen mehr bei 23,8 Prozent. Die Entwicklung von Jahr zu Jahr verlief also sehr unterschiedlich.
Zweite Erkenntnis: Es gibt keine klar erkennbaren Ursachen. Das verfügbare Geld spielt eine Rolle, schätzt Dr. Lothar Baumann, der daran erinnert, dass „20 Mark monatliches Taschengeld in den 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts nicht weit reichten, wenn eine Langspielplatte 18 Mark kostete, eine Schachtel Zigaretten zwei Mark und ein Bier in der Kneipe 1,50. Ein Ortsgespräch aus der Telefonzelle schlug mit zwei Groschen zu Buche. Womit nicht gesagt sein soll, dass es sich damals um die gute alte Zeit handelte, wo allgemeine Abstinenz herrschte und jede/r brav zu Hause saß und seinen fünf Langspielplatten lauschte. Aber, und das macht wohl einen der Unterschiede aus, die Mittel waren begrenzt und man musste schon etwas mit ihnen haushalten."
Und das Umfeld sorgt auch dafür, dass der Alkohol nicht pfui sondern hui ist: „Es ist nicht ganz zu übersehen, wenn bei sportlichen Großereignissen Brauereien als Sponsoren auftreten und das inzwischen Mode gewordene Public-Viewing von Sportereignissen in der Regel mit Getränkeständen umstellt ist, an denen nicht in erster Linie Sprudel verkauft wird. Die Zeche zahlt vor allem eine Altergruppe“ , sagt Dr. Baumann: „Betroffen sind vor allem 16- und 17-jährige männliche und 15- und 16-jährige weibliche Jugendliche. Sie weisen innerhalb der Gruppe der 11- bis 19-Jährigen die höchsten Behandlungsraten auf.“ Mit zunehmendem Alter nimmt der Reiz des Alkohols dann wieder ab.
Dritte Erkenntnis: Wird die Zahl der Behandlungen pro 10000 Jugendlichen der Altersklasse 13 bis 19 genommen, dann lag der Kreis Ludwigsburg 2007 bei 45,4. Der absolute Spitzenreiter im Land war da der Landkreis Freudenstadt mit 72,3 Fällen. Wird der Durchschnitt von 2001 bis 2007 genommen, heißt der Spitzenreiter Konstanz mit 44,8. Der Kreis Ludwigsburg liegt im Langzeitschnitt bei 34,3.




Seitenanfang