Dienstag, 22. Mai 2012

Urzeln sind unterwegs




Brauchtumsvorführungen in Sachsenheim. Foto: Bögel
Brauchtumsvorführungen in Sachsenheim. Foto: Bögel

Sachsenheim (ub) – Beim europäischen Narrenfest in Bad Cannstatt waren sie, bei den Landschaftstreffen in Kißlegg und in Stetten am kalten Markt – der Höhepunkt der Saison ist aber der Urzelntag in Sachsenheim und im Kirbachtal. 230 Schellenträger machten am Samstag die Gegend unsicher.
An den Hüften die Glocken, in den Händen die Peitsche und eine Quetsche aus Eschenholz für die Krapfen – mit ihrem schwarzen Häs aus grobem Leinstoff und der bemalten Maske aus feinem Drahtgeflecht können die Urzeln bei ihrem Auftreten schon für Gänsehaut sorgen. Aber: „Die Urzeln gehören fest zu Sachsenheim“, gab Zunftmeister Thomas Lutsch die Devise aus. Und viele Zuschauer bei den zwei Brauchtumsvorführungen im Schlosshof bewiesen dies. So gab es erstmals in der Geschichte der Urzeln keine Vorführungen in einem Ort im Kirbachtal. Aber auf das närrische Treiben bei einem Umzug in Hohenhaslach, Kleinsachsenheim, Häfnerhaslach, Spielberg und Ochsenbach wurde trotzdem nicht verzichtet. Im nächsten Jahr ist Häfnerhaslach bei den Vorführungen dran.
Zu Gast beim Urzelntag war am Samstag auch der Präsident der schwäbsich-alemannischen Narrenzünfte, Roland Wehrle. Sein Aufruf für die Narren: „Tragt das Brauchtum im Herzen.“
Bei den Vorführungen im Sachsenheimer Schlosshof wurden die Traditionsfiguren der Urzelnzunft vorgestellt. Das Schneiderrösschen mit dem Mummerl sind die Traditionsfiguren der Schneiderzunft. Das Rössl, Ross und Reiter in einer Gestalt, wird von einer möglichst kleinen Person dargestellt. Umgeben von einem Holzgestell verkleidet mit bodenlangem farbigem Tuch, und einem ausgestopften Pferdekopf an der Stirnseite, entsteht der Eindruck dass der Reiter auf einem Pferd reitet. Der Reiter trägt eine Mardermütze. Das Mummerl, die zweite Gestalt in diesem Gespann, wird von einer großen schlanken Person dargestellt. Ihr Oberkörper ist mit einem langen, frei herabhängenden weißen Hemd bedeckt. Die weiße Hose hat schwarze Borten. Mit einer kleinen Peitsche drängt das Mummerl das Rössel zu einem menuettähnlichen Tanz, der von beiden vorgeführt wird.
Die Kürschnerzunft besitzt gleich zwei Symbole. Die Kürschnerkrone besteht aus einem radähnlichen Untersatz, der mit vier Füchsen mit je einem Marder im Maul bestückt ist. Die Krone wird in Umzügen ständig gedreht, so dass die Füchse in Bewegung bleiben. Die zweite Traditionsfigur der Kürschnerzunft ist der Bär und sein Treiber. Ein Mann kleinerer Statur wird in ein richtiges Bärenfell eingenäht, in dem er die ganze Zeit eines Uzelntages verbringt. Der Bärentreiber trägt eine Fellmütze und Weste. Er animiert durch Trommelschläge den Bär an der Kette zum Tanz.
Die Reifenschwinger sind die Vertreter der Faßbinder-, Küfer- oder Böttcherzunft. Weises Hemd, schwarze Kniebundhose, rote Strümpfe, rote Mütze und um die Taille einen roten Gürtel mit einer faßähnlichen Schnalle, bilden die Kleidung dieser Artisten, die in ihren Küferreifen pyramidenförmig gestapelte, volle Weingläser kunstvoll durch die Luft schwingen.
Sachsenheim , die nordöstlichste Fasnetbastion in der Vereinigung schwäbisch-alemannischer Narrenzünfte, wurde, durch Umsiedlung nach dem Zweiten Weltkrieg, die neue Heimat der Siebenbürger Sachsen aus dem früheren Marktflecken Agnetheln. Seit 1965 haben die Urzeln in Sachsenheim ihre neue Heimat.
Einwandfrei ist das Wort Urzel nicht geklärt. Da das Häs der Urzeln aus Stoffresten besteht, die im Agnethler Dialekt "Urzen" genannt werden, kann der Name Urzeln von hier abgeleitet worden sein. Mit dem Urzel wird auch eine mutige Frau namens Ursula in Verbindung gebracht. Eine Sage beschreibt, dass diese Frau zottelverkleidet, peitschenschwingend und schellenrasselnd, aus der belagerten Agnethler Kirchenburg gestürmt sei und habe so Agnetheln von den erschrockenen Türken befreit. Zu Ehren der Ursula könnte der oder die Urzel, als Beschützer entstanden sein. Dem Urzelnbrauch wird auch das Vertreiben von Dämonen und bösen Geistern, sowie das Austreiben des Winters zugeordnet.




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