Dienstag, 22. Mai 2012

Fasnet in Hochdorf




Hochdorf (aa) - Samstags um halb fünf einen Fasnetsumzug zu veranstalten, mögen viele für eine narrete Idee halten. In Hochdorf hat das jedoch ganz simple Gründe. Die Keldagoischd’r stellen ihren neunten Umzug wieder vor ihre Saalveranstaltung und haben so die Garantie, dass die Gemeindehalle am Abend auch voll ist. Früher – und das ist noch gar nicht so lange her – ließen sie den Umzug am Sonntagnachmittag durch die Straßen marschieren, quasi zum Ausklang des narreten Wochenendes. Doch das hat sich unter dem Strich nicht bewährt.
Für einen Zeitungsmenschen ist der Samstagnachmittag ja nicht unbedingt die schlechteste Zeit; da entsteht kein Druck für die Montagsausgabe. Wenn mit der einsetzenden Dämmerung die Iso-Zahlen an der Kamera ständig nach oben geschraubt werden müssen und der Blitz unentbehrlich wird, dann hat auch er seine Freude. Wie die Zuschauer an der Strecke. Sie erleben hellwache Narren.
Der Umzug setzt sich tatsächlich pünktlich in Bewegung, vorneweg der Streifenwagen aus Vaihingen mit der Nummer S 7676. Es hat zur Bundesligazeit tatsächlich auch ordentlich Leute an der Straße. Am Keltenbrunnen beim Rathaus macht man sich derweil noch Gedanken, ob alle Gruppen da sind. Im Amtsblatt wurden 39 angekündigt. Das stimmt jedoch nicht mehr. Der Förderverein des Keltenmuseums ist zum Beispiel an Nummer 2 reingeschoben worden. Und es geht das Gerücht um, dass auch eine Gruppe in ein falsches Hochdorf gefahren ist. Narri, narro! Hilde Gröger vom TSV Hochdorf versucht sich schon mal als Ansagerin. Sie wird die einzelnen Gruppen vorstellen. Es stellt sich später im allgemeinen Getöse heraus, dass dies fast vergebliche Liebesmühe ist. Die Stimme der Moderation verhallt nach kaum 15 Metern.
Natürlich dürfen die Gastgeber direkt hinter der Polizei marschieren. Die Hochdorfer Narrenzunft gibt es seit 1995, Melanie Krämer aus Korntal-Münchingen ist die Vorsitzende. Der Prunkwagen des Keltenmuseums-Fördervereins wird von einem stinkenden Unimog gezogen. Doch die vier eskortierenden Feuerwehrleute verziehen keine Miene. Fröhlich drauf sind im Nieselregen die Regenbogen-Kinder Hochdorf und ihre Erzieherinnen: „Kommen wir in die Zeitung?“ Auch der Bären-Kiga ist dabei, präsentiert die kleine Farm. Auf die verlässliche Grundschule ist auch bei diesem Festzug Verlass, ebenso auf diverse TSV-Gruppen. Apropos TSV: Er bewirtet unter anderem am Rathaus und hat bei der Volksbank eine „Jägermeisterbar“ eingerichtet.
Aus dem ganzen Land sind die Gruppen angereist: Täleshexen aus Aichtal, wilde Gestalten aus Althengstett, Wildsäu vom Hungerberg treiben ihr Unwesen, Narren aus Calw, Köngen oder Heimsheim. Den kürzesten Anfahrtsweg haben die TSV-ler aus „Hoamerdengen“ (Heimerdingen), die einen qualmenden Ofen durch die Straßen karren. Kinder werden erschreckt, Frauen auf den Arm genommen. Es regnet Konfetti (obwohl das ausdrücklich nicht erwünscht ist), waghalsige Pyramiden werden gebaut, Peitschen geschwungen, Frauen verfolgt.
Fünf Kapellen sind mit im närrischen Lindwurm, der gut 45 Minuten lang zu erleben ist. Ganz am Anfang d’Hochdorfer Fleggafetzer, die sich zu einer Top-Band entwickelt haben. Aus Weil der Stadt sind die Mix-Tour-Gugga da, die weiteste Anreise dürften die Kohlrütti-Chlöpfer Horre gehabt haben. Frage an einen Musiker: „Wo kommt ihr denn her?“ „Aus Horrheim!“ „Woher?“ „Aus Horrheim!“ Der gute Mann hat das Horrheim wie unser Horrheim ausgesprochen, ein fehlendes r hat man nicht gehört. Die Truppe kam aus Horheim, einem Ortsteil von Wutöschingen ganz unten im Ländle am südöstlichen Rande des Schwarzwaldes an der Schweizer Grenze. Die Luschdige Brut aus Göttelfingen ist dabei. Und die Leo Valentinos lassen es krachen. Da werden Songs wie „Westerland“ oder „Tränen lügen nicht“ angestimmt. Und Pink-Floyd-Hymnen („Another Brick in the Wall“) brechen sich an den Wänden der Häuser. Für Guggen-Musiker ist fast nichts unmöglich.
Alle haben hoffentlich den Umzug und den langen Abend in der Festhalle gut überstanden. Die Kampagne geht ja jetzt erst richtig los.

Beim Hochdorfer Fastnetsumzug ging die Post ab. Foto: Arning
Beim Hochdorfer Fasnetsumzug ging die Post ab. Fotos: Arning



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