Auf Schnäppchenjagd für den guten Zweck
Anne Regener hält eine alte Schirmlampe in der rechten Hand. Geübt lässt sie ihren Blick über das Holz der Leuchte und den Lampenschirm aus Baumwolle gleiten. Alles in Ordnung. Es sind weder Löcher im Stoff, noch Macken im dunkelbraunen Holzkörper, der die Glühbirnenfassung trägt. Das gute Stück kann in den Verkauf. Jetzt muss sie mit ihren Teamkollegen nur noch den Wert schätzen und den Preis bestimmen.
Jeden Mittwoch und am ersten Samstag im Monat öffnet die Bulgarienhilfe die Pforten ihres Flohmarkts in Vaihingen für exakt drei Stunden. Dann geben sich Flohmarktliebhaber und bedürftige Menschen im Gebäude des ehemaligen Möbelhauses Dölker die Klinke in die Hand. Hier werden Waren unters Volk gebracht, die andere Menschen nicht mehr besitzen wollen. Die Produktpallette reicht von alten Schirmlampen bis hin zu Fernsehapparaten, alten Schallplatten und Porzellan. Rund 25000 Artikel warten auf der 350 Quadratmeter großen Flohmarktfläche auf Käufer.
Wer in dem Markt einkauft, vollbringt nebenbei eine gute Tat. Der Reinerlös aus dem Verkauf kommt einem Sozialzentrum in der bulgarischen Stadt Shumen zugute. Das Zentrum mit Suppenküche, Ambulanz und Rehastation finanziert der Oberriexinger Bulgarienhilfe-Förderverein gemeinsam mit dem Bulgarien-Arbeitskreis der evangelisch-methodistischen Kirche Waiblingen. Aus Waiblingen habe man sich auch die Flohmarktidee abgeschaut.
Mehr als 200 warme Mahlzeiten werden in dem Sozialzentrum täglich für Schulkinder und Arme mit Sozialpass gekocht. In der Ambulanz werden die Patienten kostenlos behandelt, den Ärzten kommt eine kleine Aufwandsentschädigung zu. Auf der Rehastation, dem Herz des Sozialzentrums, werden Menschen versorgt, die aus finanziellen Gründen das Krankenhaus zu früh verlassen müssen. Drei bis vier Wochen können die Patienten gegen einen geringen Obolus hier unterkommen.
„Glas und Porzellan wird am häufigsten verkauft“, sagt Rolf Regener. Der Oberriexinger ist Fördervereinsvorsitzender der Bulgarienhilfe. Die besonders teuren und wertvollen Stücke werden in alten Vitrinen zur Schau gestellt: Schalen aus Meißner Porzellan ab 60 Euro und Uhren von Rado für rund 900 Euro. „Die beiden Rado-Uhren lagen zwischen angelieferter Kleidung“, erinnert sich Regener. Wer die Kleider gebracht habe, wisse er nicht. „Vom Wert hat er bestimmt nichts gewusst.“ Auf gekaufte Uhren gibt’s übrigens ein Jahr Garantie.
Doch nicht nur solche teuren Stücke finden den Weg in eine der Vitrinen im hinteren Teil der Lagerhalle. Vor allem Schmuck und andere kleine Dinge werden hinter die Glasscheiben gelegt. „Das ist einfach sicherer, wir können ja nicht jedes Kleinteil im Auge behalten“, sagt Regener.
Die passenden Kleidungsstücke zum Schmuck hängen an großen Kleiderständern. Ein Querschnitt durch die Modewelt der 60er Jahre bis heute wird dort präsentiert. Sogar zwei Hochzeitskleider stehen zum Verkauf. „Wir haben hier mal eine Braut von oben bis unten eingekleidet“, erinnert sich Rolf Regener. Das geht aber selbstverständlich nur, wenn alle Teile der Brautausstattung vorher gespendet wurden. Denn zugekauft wird nichts.
Vor den Ferien sind die Bücher- und die Spielwarenabteilung ein beliebte Ziele der Flohmarktbummler. „Um den Lesestoff kümmert sich unsere Bibliothekarin“, sagt er und lässt seinen Blick übers Bücherregal schweifen. Aus einem alten Schrank zieht er ein Wörterbuch aus dem Jahr 1933. Direkt daneben findet sich das „Handbuch des deutschen Kaufmanns“ und ein Lehrwerk aus dem Jahr 1926 mit dem Titel „Die deutsche Wirtschaft“. Romane und andere Bücher stehen in großen Regalen nach den Anfangsbuchstaben der Autorennamen sortiert. „Das ist eine tolle Fundgrube.“
Als kurioseste Artikel bezeichnet der Fördervereinsvorsitzende altertümliche Unterwäsche. Es habe aber auch schon schrägere Dinge gegeben. Er erinnert sich nur zu gut an einen bunt lackierten Papagei aus Balsaholz, den er zwei Mal aus dem Müll gerettet habe. Der bunte Vogel war ein Ladenhüter und landete deshalb im Abfall. Nach der zweiten Rettungsaktion wurde das Stück allerdings in nur fünf Minuten verkauft. „Und dann war da noch ein gelbes Hirschgeweih mit integriertem Kerzenhalter“, erinnert er sich und lacht. Wer allerdings das Kirchenfenster kaufen soll, welches im vorderen Bereich der Halle für 100 Euro angeboten wird, weiß auch er nicht so recht.
Im vergangenen Jahr seien rund 1200 Bananenkisten voll Waren gespendet worden. Dabei werde ständig auf die Qualität der Spenden geachtet. „Wir betreiben ja keine Müllentsorgung“, sagt Regener, der auch ab und zu Artikel ablehnt. Mehr als 40 Stunden investieren die zwölf ehrenamtlichen Mitarbeiter der Bulgarienhilfe pro Woche ins Sichten und Sortieren der Lieferungen. Die Bananenkisten werden auf rund 100 Quadratmetern Lagerfläche gestapelt. Die Kartons seien perfekt dafür: „Bananenkisten werden, auch wenn sie ganz voll sind, nie zu schwer zum Tragen und außerdem haben sie Griffe an der Seite.“
Die alte Lampe aus dunklem Holz mit beigefarbenen Baumwollschirm wurde mittlerweile ausgezeichnet. Fünf Euro soll das Stück im Verkauf kosten. „Wir wollen, dass sich bei uns jeder etwas leisten kann“, erläutert Mitarbeiterin Anne Regener. Sie greift nach einem Becher aus Porzellan. Mit einem Blick steht fest: Er muss erst mal gespült werden, bevor er angeboten werden kann.
Philipp-Marc Schmid
- Der Flohmarkt der Bulgarienhilfe befindet sich in der Vaihinger Planckstraße 5. Er hat jeden Mittwoch von 16 bis 19 Uhr und jeden ersten Samstag im Monat von 10 bis 16 Uhr geöffnet.
