Roßwag (sr) – Für ihr Alter sieht sie ganz gut aus. „Noch sehr vital“, bescheinigen die zwei Baumpfleger, die in ihrer Krone herumfuhrwerken, der Hochbetagten. Die über 250 Jahre alte Friedenslinde am westlichen Ortsrand von Roßwag erhielt gestern eine „Rundumerneuerung“. Nicht zuletzt, damit Baum und Mensch entspannt dem traditionellen Lindenfest entgegensehen können.
Noch schlummert die „Cobra“ in ihrem Gefängnis. Baumpfleger Johannes Griebenow nähert sich dem Metallkasten, öffnet den Deckel und holt das meterlange, schwarze Ungetüm aus der Kiste. „Das“, sagt der 26-Jährige , „ist das Cobra-Kronensicherungssystem.“ In seinen Händen zappelt nicht etwa ein beinloses Reptil. Ein Kunststoffseil, benannt nach dem Hersteller, ruht zwischen den Handschuhen. Es soll der Friedenslinde in Roßwag wieder Halt für die nächsten Jahre geben. Der dicke Strang aus Kunstfaser wird um die Äste im Kronenbereich des Baumveteranen gelegt, „damit die Eigenstatik des Baumes gewahrt bleibt“, erläutert der Fachmann.
Kurze Zeit später fährt er mit seinem Kollegen Michael Kurz mit der Hubarbeitsbühne ins Obergeschoss des fast 30 Meter hohen Baumes. Dann heißt es für Mittzwanziger Griebenow: Aussteigen! Mit Hilfe der Seilklettertechnik gesichert hangelt sich der Mitarbeiter der Firma Wilde aus Gerlingen zu den Punkten, an denen das neue Kronensicherungssystem angebracht werden soll. Während zu diesem Zweck früher Stahlseile die Bäume im Zaum hielten, birgt das moderne Kunststoff-Korsett mit eingebauten Gummipuffern ein geringeres Verletzungsrisiko für das Gehölz. Baumpfleger Kurz lässt seinen Kollegen am Haken hängen und manövriert die Arbeitsbühne wieder in Richtung Boden. Auf dem Weg nach unten muss Kurz im dreidimensionalen Raum der Krone seine Augen überall haben, um nicht mit den mächtigen Ästen zu kollidieren. „Bei der Kronenauslichtung werden 20 bis 30 Prozent der Masse entfernt“, erläutert der Baumpfleger. Außerdem werde Totholz entfernt, um die Verkehrssicherheit zu gewährleisten. Denn die mächtige Sommerlinde, wissenschaftlich Tilia platyphyllos, bietet nicht nur Tieren Nahrung und Unterschlupf, sondern ist zentraler Punkt des Roßwager Lindenfestes.
Das Naturdenkmal im Gewann Heusteig blickt auf eine lange Geschichte zurück: „Um das Jahr 1750 wurde sie gepflanzt“, bringt Anne Pfisterer-Lottausch, Biologin der Stadt Vaihingen, in Erfahrung. Schon vor über 20 Jahren erhielt der Laubbaum eine baumchirurgische Behandlung, von der noch heute Metallstäbe im mächtigen Stamm zeugen. Eine Methode, die heutzutage keine Anwendung mehr finde, kommentiert Pfisterer-Lottausch. Vor rund acht Jahren musste der stattliche Baum den letzten Schnitt über sich ergehen lassen. Damals wurde die „starke Ständerbildung“, senkrecht wachsende Äste, eingedämmt. Im Alter, so die ökologische Fachkraft Pfisterer-Lottausch, nähmen eben auch bei Bäumen die Zipperlein zu.
Das Baumpfleger-Duo hatte einige Stunden an der vitalen Hochbetagten zu tun. Dabei musste unter anderem darauf geachtet werden, dass das symmetrische Erscheinungsbild des Kolosses erhalten bleibt. Immerhin beträgt der Stammumfang in einem Meter Höhe rund fünf Meter. Und wie sieht's eigentlich mit Baumwachs für die Wunden aus? „Ein Baum verblutet nicht, das ist ein altes Gerücht“, stellt Griebenow klar. Insgesamt sei die Pflegemaßnahme für die hölzerne Seniorin vergleichbar mit einem Friseurbesuch, meinen die beiden Baumpfleger, die für die Kletterei eine Zusatzausbildung absolvieren mussten. Wird hobbymäßig in den Bergen geklettert? „Nein“, rutscht es Griebenow sofort heraus. Angst? „Ein bisschen Angst gehört dazu. Das ist gesund“, antwortet der junge Mann von hoch oben und hangelt sich weiter durch die Krone.
