Dienstag, 22. Mai 2012

Vaihingen ist schön, aber...


Sie leben seit acht Monaten in Vaihingen. Foto: Arning
Sie leben seit acht Monaten in Vaihingen. Foto: Arning

Vaihingen (aa) - Am Sonntag lädt die Stadt Vaihingen zum Neubürgerempfang ein. Der bisher einzige (und erste) Empfang dieser Art fand 2005 statt. Seitdem gab es 2080 „Bevölkerungsbewegungen“. Die Vaihinger Kreiszeitung hat sich mit einem jungen Ehepaar unterhalten, das im vergangenen Jahr aus Hemmingen nach Vaihingen gezogen ist und im Lilo-Hermann-Ring (Baresel-Gelände) lebt.
Gespräch am großen Küchentisch. Es trifft sich gut, dass Joachim Zarbock ein paar Tage krank geschrieben ist. Eine Erkältung. Doch am nächsten Tag muss er wieder zur Arbeit. Bosch in Feuerbach braucht seine Ingenieure. Auch seine Frau Simone muss wieder ran. Sie arbeitet bei der Technikerkrankenkasse (TK); zwar in Teilzeit, aber doch jeweils zwei Tage voll durch. Wenn ihre Mutter da nicht nach Vaihingen käme und auf die beiden Mädchen aufpassen würde, müsste sie den Job an den Nagel hängen.
Ja, die Kinder. Irgendwie laufe das mit der Betreuung in Vaihingen noch nicht so ganz rund, finden die Zarbocks. Die kleine Jana, gerade eineinhalb Jahre alt, nur für zwei Tage in Obhut zu geben, sei wohl nicht möglich. Die „Große“, Alessa, ist inzwischen vier und besucht den Martha-Beitter-Kindergarten. Gebaut haben die Zarbocks in der Annahme, dass auch ein Kindergarten im Baresel-Gelände entstehen würde. „Im Plan war wenigstens ein Standort ausgewiesen“, meinen sie sich zu erinnern. Inzwischen glauben sie nicht mehr dran. Auch die Zug-Trasse direkt an der Grenze des Areals war nur eine Plan-Illusion, haben sie erfahren müssen. „Die Gleise könnte man genausogut raus reißen und die Verbindung als Radweg nutzen, dann käme man wenigstens gut zum Bahnhof oder in die Stadt.“
Wie kamen die Zarbocks auf Vaihingen? In den Hochhäusern von Hemmingen haben sie früher gewohnt. Eigentlich wollten sie was Gebrauchtes kaufen, haben drei Jahre lang gesucht. „Doch es hat sich immer wieder gezeigt, dass wir viel Geld in die Immobilien hätten stecken müssen“, erinnert sich Joachim Zarbock (36). „Bauen wollten wir eigentlich nie.“ Über Bekannte ist man auf Vaihingen aufmerksam geworden. „Das war eigentlich zweite Wahl“, geben die Eheleute zu, „doch der Preis war halt bezahlbar.“ 370 Euro mussten sie im Baresel-Gelände für den Quadratmeter bezahlen, in Hemmingen wären es 540 Euro gewesen. Das war natürlich ein Argument. Für ein 263 Quadratmeter großes Reihenhausgrundstück hat es gereicht. Macht ja immerhin auch fast 100000 Euro. Da Simone Zarbock (37) dann auch schwanger wurde, konnte zudem ein Lakra-Kredit beantragt werden. „Die nette Frau Krämer vom Vaihinger Bauamt hat uns da unheimlich geholfen“, erzählen die Zarbocks. „Ohne sie wären wir wahrscheinlich gescheitert.“ Und auch sonst haben sie mit der Stadtverwaltung keine schlechten Erfahrungen gemacht. Simone Zarbock: „Die Mädels im Bürgeramt sind echt super-lieb.“
Für den Hausbau haben sich die Eheleute zusammen mit dem Nachbarn einen Architekten gesucht. Und es hat alles geklappt, sieht man von den ganz normalen Dingen ab, die das Abenteuer Bauen so mit sich bringt. Von Gründungsproblemen und „Katastrophen“ blieb man zum Glück verschont. „Aber viele unserer Nachbarn können da ein Liedchen singen.“
Seit Juni 2007 wohnt die junge Familie nun in Vaihingen. Wie hat sie diese Zeit erlebt? „Wir haben eine tolle Nachbarschaft bekommen, da wird einem notfalls auch ein Auto ausgeliehen, wenn Not am Mann ist“, freut sich Simone Zarbock. Und sie spricht lachend von „einer Million“ Kindern in den Straßen des Baresel-Geländes. „Hier ist was los.“ Doch dann kommt das erste Aber: „Der Spielplatz ist viel zu klein geraten. Sie müssen da mal an einem schönen Tag vorbeischauen.“ Und warum könne man zum Beispiel die Kurt-Schumacher-Straße nicht zur Spielstraße machen? Es gebe da immer wieder Initiativen. Und die ungenutzte Wiese würde sich als Bolzplatz anbieten
„Im Großen und Ganzen fühlen wir uns in Vaihingen durchaus wohl“, sagte Joachim Zarbock. „Ich komme abends gerne wieder heim.“ Die Stadt sei schön, aber irgendwie auch tot. Sie könnte toller sein. „Schade“, meint Simone Zarbock. Da gebe es einen sehenswerten Marktplatz, „auf dem aber nichts los ist“ („Der Sandkasten im letzten Jahr war aber klasse“), kein gescheites Café, kaum ein gemütliches Lokal. Aus der Fußgängerzone könne man sicher mehr machen. „Wenn wir abends weg wollen, müssen wir das Auto nehmen“, bedauern die Zarbocks. Ganz bitter vermissen sie ein Kino. „Das in Mühlacker ist spitze, das müsste man herbeamen.“
Vaihingen ist teuer – das ist nach acht Monaten auch ein Eindruck, den die Eheleute gewonnen haben. In Hemmingen habe man deutlich weniger für den Kindergarten bezahlt. Beim Turnverein sei für jede besondere Aktion eine Kursgebühr fällig, wundert man sich. „Das kannten wir nicht.“
Und die Wege sind weit. „Wenn ich zum ‚kleinen Rewe’ will, sind es exakt 2,8 Kilometer“, hat Simone Zarbock ausgemessen. Die muss sie im Fall des Falles zu Fuß zurücklegen („Warum gibt’s keine Busanbindung?“), denn in der Regel fährt der Mann mit dem Auto ins Geschäft. Wenn es für ihn eine geschickte Querverbindung zum Bahnhof geben würde, das wäre was. Da würde er es sich schon überlegen, aus Rad zu steigen. Seine Frau wäre dann mobil, müsste sich auch im Krankenhaus keine Gedanken machen, wenn sie mit einem Kind mit verbissener Zunge kommt und an die Klinik in Ludwigsburg verwiesen wird. „Doch wie soll ich da ohne Auto hinkommen?“
Am Sonntag haben die Zarbocks den Besuch des Neubürgerempfangs auf der Liste stehen. Sie wollen ihre neue Heimat besser kennenlernen. „Wir sind gespannt auf das, was uns da erwartet“, sagen sie. An interessanten Gesprächen wird es bei 400 Gästen sicher nicht mangeln.


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