Vaihingen (sr) – Braten, Gemüse, Nudeln und Salat mit den Fingern essen? Im Vaihinger Alten- und Pflegeheim Karl-Gerok-Stift ist das seit einigen Monaten ein ganz besonderes Angebot. Fingerfood lautet das Rezept, mit dessen Hilfe einigen Bewohnern das selbstständige Essen überhaupt erst ermöglicht wird.
Josefa Kudernas rechte Hand tastet sich auf dem Teller entlang. Die Finger fassen ein Stückchen Kartoffel und führen es zum Mund. Eine Scheibe Bratwurst folgt und später wird mit einem Schlückchen Soße aus der Tasse gespült. Die Seniorin ist blind. „Ohne das Fingerfood“, so Altenpflegerin Renate Duldner, „könnte sie gar nicht alleine essen.“
Fingerfood, das sind laut Duden „ohne Besteck zu essende Speisen“. Die Idee, diese Form der Nahrungsaufnahme im Karl-Gerok-Stift zu etablieren, stammt von Küchenleiter Martin Parnow. Bei einer Fortbildung lernte Parnow das Prinzip Fingerfood für alte Menschen kennen. Gerontologe und Küchenchef Markus Biedermann aus der Schweiz brachte seinen Kursteilnehmern das Konzept nahe. „Fingerfood ist für Bewohner geeignet, die nicht mehr selbstständig mit Messer und Gabel essen können“, beschreibt der Vaihinger Küchenchef das Prinzip. Sei es durch Demenz, eine feinmotorische Störung oder eben Blindheit.
Der wichtigste Grundgedanke bei diesem Angebot sei, dass die Selbstständigkeit der Heimbewohner weitestgehend erhalten bleibe. Diese Form der Nahrungsaufnahme bewahrt ein Stück Würde. Als Nebeneffekt kommt es zu einer Entlastung des Personals, da dann das Eingeben der Mahlzeit, sprich: das Füttern, entfällt. „Es ist jemand in der Nähe“, betont Katja Rohloff vom Sozialdienst des Hauses, und, sagt sie, auch das Essen mit der Hand in den Mund kann lange dauern.
Das Überraschende an der Mahlzeit direkt aus den Finger verrät Koch Parnow: „Es gibt eigentlich kein Produkt, das man nicht als Fingerfood anbieten kann.“ Reis, Erbsen und sogar Gaisburger Marsch wird für die Senioren fingergerecht zubereitet. Was unglaublich klingt, stellt sich plausibel dar: Die Zutaten des schwäbischen Eintopfs Gaisburger Marsch werden separat auf dem Teller drapiert. Fleisch, Kartoffeln und Gemüse in bissfest gekochten Häppchen. Die Brühe wird aus der Tasse dazu getrunken, wobei Soßen sonst eher als Dip dienen.
Und die Spätzle, unverzichtbar beim schwäbischen Nationalgericht „Kartoffelschnitz und Spätzle“, wie werden die gereicht? Die unförmigen Teigwaren werden – einfach und genial – mit Ei vermengt. Die Masse in einer Form stocken lassen, schneiden, fertig. Grundsätzlich wichtig sei, so der Küchenleiter, „dass die Häppchen mit zwei Bissen gegessen werden können.“
Acht der 133 Bewohner des Alten- und Pflegeheimes nehmen momentan das Fingerfood-Angebot wahr. Nicht zu verachten seien dabei auch psychologische Aspekte. Beispielsweise muss das Besteck immer beim Teller liegen, auch, wenn es nicht gebraucht wird, sagt der Küchenleiter.
Interessant ist ebenfalls, dass viele Senioren auf eine Art Warenkorb im Kopf zurück greifen, den sie in den ersten 30 Lebensjahren angelegt haben. „Bei den Bewohnern, die beispielsweise bis 1920 geboren sind, findet sich dann kein Brokkoli“, erläutert Parnow. Das grüne Gemüse findet trotzdem als Fingerfood seinen Platz auf dem Teller, „aber es könnte passieren, dass es nicht gegessen wird“, so Parnow.
Tagesaktuelle Produkte des Speiseplans werden als Fingerfood angeboten. Laut Hygienevorschrift muss das Essen normalerweise mit einer Temperatur von 65 Grad Celsius beim Kunden ankommen. Viel zu heiß für Fingerfood. Das erreicht mit 50 Grad Celsius die Finger der Senioren.
Wichtig ist auch, dass das Fingerfood die gleiche Farbe hat wie die anderen Speisen. „Das würde sonst Aufsehen erregen“, so Altenpflegerin Duldner, „die Bewohner passen genau auf, was der Nachbar auf dem Teller hat.“ Die Alternative zum Sauerkraut der anderen Bewohner ist am Tag des VKZ-Besuchs daher Schwarzwurzelgemüse bei den Fingerfood-Leuten.
Denn Kraut und Linsen, die hat der Küchenchef noch nicht als Fingerfood gebacken bekommen – bis jetzt.
