Sersheim/Gündelbach – Helga Speidel konnte die Nachricht, die ihr die männliche Stimme am Telefon überbrachte, kaum glauben. Vor 49 Jahren hatte die Sersheimerin eine Flaschenpost in den Kirbach geworfen, vor wenigen Tagen kam die Botschaft endlich an.
Es war ein Mittwoch vor fast genau 49 Jahren, an dem Helga Götz und Ulrich Glück mit ihren Eltern auf dem Kirbachhof zwischen Ochsenbach und Häfnerhaslach zu Gast waren. Wie so oft wurde eine große Vesperplatte bestellt. Das Essen interessierte die damals 13-Jährige und ihren Spielgefährten aber nur wenig, der Entdeckertrieb des Gespanns war stärker. „Wir waren oft um den Kirbachhof herum unterwegs, so lange unsere Eltern drinnen vesperten und sich unterhielten“, erinnert sich Helga Speidel aus Sersheim, deren Mädchenname Götz lautet.
An diesem Mittwoch vor 49 Jahren wollten die zwei aber etwas Besonderes erleben. Mit ihrer schönsten Handschrift schrieb Helga eine Nachricht auf ein Stück Papier aus einem Spiralblock. Sie schrieb mit ihrem Füller. Die Botschaft sollte einmal um die Welt gehen – so hatten Helga und Ulrich es sich zumindest vorgestellt. Das Stück Papier falteten sie in der Mitte und steckten es in eine Bügelflasche, die vor dem Kirbachhof im Gebüsch lag. „Das war unsere Flaschenpost. Wir haben sie einfach in den Kirbach geworfen“, erzählt Helga Speidel.
Seitdem ist viel passiert. Helga Götz heiratete, bekam Kinder. Als sie die Flaschenpost schrieb, wohnte sie mit ihrer Familie noch in der Sersheimer Talstraße 22, heute hat ihr Haus – durch eine Neuvergabe der Hausnummern – die Nummer 24. Ulrich Glück verdiente mit einem Baugeschäft viel Geld und lebt nun in Spanien. „Wir haben uns total aus den Augen verloren“, sagt Helga Speidel.
Vor wenigen Tagen wurde die Sersheimerin aber von ihrer Vergangenheit wieder eingeholt. 49 Jahre nachdem sie mit ihrem Spielgefährten Ulrich die Flaschenpost in den Kirbach geworfen hatte, meldete sich Ulrich Eißler. „Er hat meinem Vater erzählt, dass er eine Flaschenpost am Steinbachhof gefunden habe“, sagt Helga Speidel, die aus Neugierde sofort auf dem Steinbachhof nachfragte, als ihr Vater ihr davon erzählte. Und tatsächlich: „Es war meine Flaschenpost, die ich in den Kirbach geworfen habe.“
Die Flasche mit dem Stück Papier darin lag nur wenige Meter vom Steinbach im Matsch verborgen. „Ich habe sie entdeckt, als ich das Gelände gerade herrichten wollte“, sagt Wengerter Ulrich Eißler. Er wollte das Rätsel um den Absender der Botschaft unbedingt lösen und klemmte sich hinters Telefon. Er versuchte es unter dem Namen Götz in Sersheim. Beim zweiten Versuch hatte er dann den Vater von Helga Speidel an der Strippe.
Um die Welt ging die Botschaft zwar nicht, dennoch haftet ihr ein Rätsel an. „Wie kam die Bügelflasche mit meiner Nachricht vom Ochsenbacher Kirbach in den Gündelbacher Steinbach?“, fragt sich Helga Speidel. Ihr Vater habe zuerst vermutet, dass ihre Erinnerung ihr einen Streich spiele und sie die Flasche in den Steinbach geworfen habe. Doch der erste Satz der Nachricht beweist das Gegenteil: „Am 12.3.1959 wurde diese Flasche von Helga Götz auf eine Weltreise geschickt, in der Nähe vom Kirbachhof.“ Die Sersheimerin ist sich außerdem sicher, dass sie als Kind nie am Steinbachhof mit Ulrich Glück gespielt hat.
„Ich kann mir eigentlich nur vorstellen, dass die Bügelflasche zum Steinbachhof gelangt ist, als zwischen den Höfen Straßen und Wege angelegt wurden“, spekuliert sie. Wenn Wege und Straßen entstehen, wird viel Erde bewegt. Gut möglich also, dass dabei auch die Flaschenpost vom Ochsenbacher Kirbachhof zum Gündelbacher Steinbachhof transportiert wurde.
Philipp-Marc Schmid
