Ensinger Bauerntheater startete in neue Saison
Wenn dem Publikum schwäbisch-derbe Sprüche um die Ohren gehauen werden, wenn die Verwechslungen auf der Bühne für eine Aneinanderreihung von witzigen Situationen sorgen und wenn irgendwann das Chaos perfekt ist, dann ist wieder die Zeit des Ensinger Bauerntheaters angebrochen. Dann wird gelacht, auf die Schenkel geklopft und der Alltag für einen gemütlichen Abend lang beiseite gelegt.
In diesen Wochen ist es wieder soweit: Mit elf Vorstellungen unterhalten die Laien-Theaterspieler aus Ensingen seit Freitag ihr (Stamm)Publikum und ernten dabei einmal mehr frenetischen Beifall. „Scheißgass Standesamt“ heißt das neueste Stück, das aus der Feder des freien Schriftstellers und Theaterautors Claus Bisle (Geislingen) stammt. Damit brachen die Verantwortlichen rund um den Regisseur Erwin Rudloff mit einem nahezu ungeschriebenen Gesetz: Es wurde ausnahmsweise kein Stück von Bernd Gombold gespielt. Reagierte man damit auf Nörgler, die auch mal ein Lustspiel von einem anderen Schreiber sehen wollten oder hatte man gar selbst keine Lust mehr auf einen Gombold? Weit gefehlt. Der Bürgermeister von Inzighofen brachte lediglich seinen neuesten Kracher nicht rechtzeitig fertig, so dass sich das Ensinger Bauerntheater auf die Suche nach einem neuen Autor begab.
Der wurde nach eingehender Suche mit Claus Bisle auch gefunden. Mit „Scheißgass Standesamt“ sollte es am Ende ein Stück sein, das es auf der Bühne ebenfalls mächtig krachen lässt, das aber auch den Zuschauer fordert und nicht von einem Gag in den anderen hastet. „Es ist kein typisches Bauerntheaterstück“, sagt der Autor, der bei der Premiere am Freitagabend zuschaute, selbst von dem Stück, das auch Elemente einer Boulevard-Komödie aufweist. Ob Komödie oder Bauerntheater – auf alle Fälle stellt das neueste Programm, das derzeit auf der Bühne der Forchenwaldstube zur Aufführung kommt, einige Ansprüche an die Schauspielkünste der Darsteller.
Um was es inhaltlich geht? Der Standesbeamte Anton Hofrichter (Ralf Jess) hat ein Verhältnis mit seiner Sekretärin Margarethe Strümpfle (Marita Elser). Schlecht gelaunt kommt er morgens ins Büro und hat eine Trauung vorzunehmen. Doch statt des erwarteten Brautpaars stürmen mit Franzi Rüster (Kerstin Wahl), Anika (Elke Wahl), Hans Emmer sen. (Werner Schmid) und Hans Emmer jun. (Oliver Volkmer) ein paar Streithähne herein, die sich eigentlich vor dem Zivilrichter wähnen. Die Verwechslung nimmt ihren Lauf. Schnurstracks und unverhofft werden die flotte Franzi und der junge Emmer verheiratet. Doch auch privat plagen Hofrichter Sorgen. Der Gerichtsvollzieher Uriel Käuzle (Ralph Kraft) muss ihm sogar den Kuckuck auf die Schnapsflasche kleben. Als dann Hofrichters Sekretärin bei Antons Frau Dora (Gudrun Dürr) ihr Verhältnis aufdecken will, seine Mutter Amalie (Lene Jess) mit Emmer sen. anbandelt und Hofrichter von allen Seiten entlarvt wird, nehmen die Tumulte ihren Lauf.
Bei soviel Verwechslung und vorprogrammiertem Schlamassel bleiben die Angriffe aufs Zwerchfell nicht aus. Herrlich Werner Schmid und Oliver Volkmer, die als Vater-Sohn-Gespann Emmer überzeugen. Volkmer schafft es bravourös, über das gesamte Stück hinweg den tumben und langsamen Idioten zu geben. Toll auch Lene Jess, die als schwerhörige und liebestolle Mutter von Anton sogar einen Hauch Frivolität ins Stück bringt. Einen urigen Gerichtsvollzieher gibt Ralph Kraft, dem nach den elf Vorstellungen die Zunge zum Halse heraushängen dürfte…
Allen voran brilliert Ralf Jess. Er schafft es perfekt, die facettenreich angelegte Rolle des Standesbeamten zu geben. Der wird immer mehr Opfer seines Tuns und bekommt dies hin und wieder sogar körperlich zu spüren. So auch gleich zu Beginn, als er den Ellbogen von Marita Elser ins Gesicht gerammt bekommt und dann sogar am Auge blutet. „Das muss man aushalten“, kommentiert Norbert Hartmann, beim Ensinger Bauerntheater unter anderem für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig, die Szene. Voller Einsatz ist demnach gefragt bei den Amateur-Schauspielern, die sich erst seit Oktober mit dem Stück auseinander gesetzt haben und eine tolle Darbietung auf die Bühne zaubern. Gespannt folgt der Zuschauer dem Spiel der Darsteller, die es verstehen, ihr Publikum zu fesseln. Der lange Applaus am Ende kommt nicht von ungefähr.
Doch bei all dem Lob seien auch ein paar (wenige) kritische Worte erlaubt. Schade zum Beispiel, dass es das Ensemble nicht geschafft hat, die „Schwoba Seggel Bluus Bänd“ am Leben zu erhalten. Mit Thorsten Schmid musste einer der vier Band-Mitglieder aus beruflichen Gründen aussteigen. Er sorgt zwar als Albert Einstein für einen humorvollen Einstieg in den Theaterabend, kommt aber an den Kultcharakter der „Schwoba Seggel Bluus Bänd“ nicht heran. Bedauerlich auch, dass die mimikreiche Marita Elser mit ihrer klein angelegten Rolle eher im Hintergrund bleibt. Was bleibt, ist auch die Erkenntnis, dass an Gombold wohl auch in Zukunft kein Weg vorbeiführt.
Dennoch: Wer in den ersten drei Tagen die Gelegenheit hatte, das Stück zu sehen, wurde wieder bestens unterhalten und brauchte sein Kommen nicht zu bereuen. Und wer seinen Besuch noch vor sich hat, darf sich wahrlich darauf freuen. Die Zutaten für einen gelungenen Theaterabend stimmen. Dafür sorgten nicht zuletzt auch Regisseur Erwin Rudloff, Birgit Laible (Kostüme), Gisela Rotter (Requisite), Rita Neff und Melanie Ostheimer (Maske) und Irene Mammel (Souffleuse). Frank Elsässer
