Häfnerhaslach (ub) – Hilde Henne steht in der Sternenfelser Straße in Häfnerhaslach parat. Auf einem kleinen Tisch hat sie die Gläser mit selbst gemachtem Schlehenlikör gefüllt. Das ist Tradition seit über 30 Jahren – immer wenn die Urzeln kommen, gibt es das Hochprozentige am Straßenrand.
Die zotteligen Gestalten aus Siebenbürgen machten am Samstag wieder das Kirbachtal und Sachsenheim unsicher. Häfnerhaslach, Ochsenbach, Spielberg, Hohenhaslach, Kleinsachsenheim und dann der Schlosshof in Sachsenheim – peitschenknallend zogen die Narren durch die Straßen, verteilten Krapfen, fingen Zuschauer ein, stellten ihr Brauchtum vor.
Der Urzelnbrauch steht in unmittelbarem Zusammenhang mit den handwerklichen Zünften. Die Urzeln traten als Beschützer und Begleiter beim „Laden forttragen“ vom alten zum neugewählten Zunftmeister/Gesellenvater auf. 1689 wurde in Agnetheln zum ersten Mal der „Mummenschanz der Zünfte“ als Vorgänger der heutigen Urzeln erwähnt. Das „Laden forttragen“ organisierte jede Zunft allein. 1911 beschlossen alle Zünfte, eine gemeinsame Parade (Umzug) zu organisieren. Den Umzugshauptmann sollte immer die stärkste Zunft stellen, welche damals die Schusterzunft mit über 200 Meistern war. Durch die Wirren des Krieges fand 1941 die vorläufig letzte Parade statt. Nach dem Krieg blieb dieser Brauch in Agnetheln bis 1969 verboten.
1965 haben 13 Agnethler Sachsen, als Urzeln verkleidet, zum ersten Mal diesen Urzelnbrauch auf den Sachsenheimer Straßen gezeigt. Von Jahr zu Jahr wurden es immer mehr Urzeln, so dass schließlich 1971 die erste kleine Parade in Sachsenheim organisiert werden konnte. Seit 1994 werden diese Paraden mit allen Brauchtumsfiguren der Zünfte jedes Jahr durchgeführt.
1978 wurde die Urzelnzunft Sachsenheim als Gastzunft und am 1987 als Vollmitglied in die Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte aufgenommen.
Etymologisch einwandfrei ist das Wort Urzel nicht geklärt. Da das Häs der Urzeln aus Stoffresten besteht, die im Agnethler Dialekt „Urzen“ genannt werden, kann der Name Urzeln von hier abgeleitet worden sein. Mit dem Urzel wird auch eine mutige Frau namens Ursula in Verbindung gebracht. Eine Sage beschreibt, dass diese Frau zottelverkleidet, peitschenschwingend und schellenrasselnd aus der belagerten Agnethler Kirchenburg gestürmt sei und habe so Agnetheln von den erschrockenen Türken befreit. Zu Ehren der Ursula könnte der oder die Urzel, als Beschützer entstanden sein. Dem Urzelnbrauch wird auch das Vertreiben von Dämonen und bösen Geistern, sowie das Austreiben des Winters zugeordnet.
Die Parade, die am Samstag in Kleinsachsenheim stattfand, kündigt eine kleine Gruppe von Peitschenschwingern (Pletschern) an. Eine Blaskapelle führt die Gruppe mit den Brauchtumspflegern an. Eine größere Gruppe von Urzeln bildet eine Ordnungspart, die die Gruppe mit den Traditionsfiguren begleitet und beschützt. Sie fassen das Peitschenende des nächsten Urzel und bilden so eine Kette (Viereck) um die Traditionsfiguren. In dem von Urzeln gebildeten Viereck führt der Hauptmann mit seinem Begleitschutz – den Engelchen – die Parade an. Es folgt die Zunftlade, getragen von Männern in alter Agnethler Bürgertracht, dem Dolman, mit rotem Schnurgürtel und Mardermütze oder breitem Filzhut.
