Dienstag, 22. Mai 2012

Mit viel Schwein in die nächste Pachtzeit


Das Wildschwein ist kein Kostverächter. Foto:p
Das Wildschwein ist kein Kostverächter. Foto:p

Vaihingen (sr) – Das Wildschwein ist irgendwie eine arme Sau. Sobald es ihm gut geht, der Winter mild und der Tisch gedeckt ist, will man ihm an den Kragen. Denn die Allesfresser wüten allzu gerne mal im Feld des Bauern. Für Schäden muss in der Regel der Jagdpächter aufkommen. Die Jagden sind bald nicht mehr verpachtbar, warnt der Landesjagdverband Baden-Württemberg. Vaihingen hat seine Pachtverträge in trockenen Tüchern.
Es grunzt die Sau, es scheint der Mond, die Büchse knallt, das Tier ist tot. Über 18000-mal erwischte es ein Wildschwein im Jagdjahr 2006/2007 in Baden-Württemberg. „Das entspricht einer Abnahme um 50 Prozent“, schreibt die Wildforschungsstelle des Landes. Sprich: Im vorherigen Jagdjahr ließen doppelt so viele Wildschweine ihr Leben. Weshalb weniger Schwarzkittel vor die Flinte kamen, das ist die Frage: Einerseits habe der lange Winter des Jagdvorjahres für Zuwachseinbußen gesorgt. Zum anderen seien die Jagdbedingungen schlecht gewesen. Aber: „Die Verkehrsverluste sanken lediglich um ein Drittel“, was wiederum gegen eine rapide Abnahme der Bestandszahlen spricht.
Das Wildschwein, wissenschaftlich Sus scrofa, ist ein geselliges Tier. Es rottet sich gerne zusammen, nur die älteren Keiler ziehen als Einzelgänger durch die Gegend. Und die Gegend bietet viel, besonders Maisfelder gelten unter Jägern als Wildschweinmagnet. „Der Maisanbau ist als solches schon immer problematisch“, stellt der Vaihinger Gerhard Joos fest. Er ist Leiter des Hegerings Vaihingen beim Kreisjägerverein Hubertus Ludwigsburg. Ein Maisfeld, das biete dem Schwarzwild nicht nur Nahrung, sondern auch Unterschlupf. „Wildschweine walzen die Maispflanzen regelrecht nieder“, sagt Jäger Joos. Besonders problematisch seien großflächige Maisfelder. Da habe der Jäger selbst mit der Unterstützung von Hunden kaum eine Chance, die Allesfresser aus dem Feld zu scheuchen und zu erlegen. Kleinere Parzellierungen wären wünschenswert, doch „das Rad der Zeit lässt sich nicht mehr zurückdrehen“, so Joos. Das sei den Jägern bewusst. Für die Schäden, die den Landwirten entstehen, haftet laut vertraglicher Klausel in der Regel der Jagdpächter. Bei einer 100-prozentiger Zerstörung muss der Pächter 2500 Euro pro Hektar Maisfeld an den geschädigten Landwirt abtreten, gibt der Hegeringleiter ein Beispiel. Die Befürchtung der Jäger sei, dass der Anbau von Energiemais, beispielsweise zum „Füttern“ von Biogasanlagen, in den nächsten Jahren zunehmen werde – und somit auch die zu zahlenden Schadensersatzleistungen.
Auch Förster Ulrich Weik, Hegeringleiter Stromberg, weiß um die Verunsicherung unter den Jägern: „Die Jägerschaft hat enorme Bedenken in puncto Biogasanlagen, die noch kommen können.“ Weik weiter: „Es ist die Aufgabe der Jägerschaft, den Schwarzwildbestand im Griff zu haben.“ Der zunehmende Energiemaisanbau und die damit verbundene Explosion der Wildschweinbestände sowie sinkende Wildbretpreise seien nur einige Gründe, warum Interessenten sich scheuten, Jagdpachten zu übernehmen, urteilt der Landesjagdverband.
Frohe Kunde hat in diesem Punkt Detlef Fischer, Leiter der Liegenschaftsabteilung der Stadt Vaihingen: „Wir haben die Jagdverpachtung für die nächsten neun Jahre erledigt.“ Fischer: „Es ist ein heikles Thema. Die Verhandlungen dauerten fast ein Jahr.“ Am 1. April beginnt die nächste neunjährige Pachtzeit. Die Stadt Vaihingen habe in ihren Verträgen die Problematik mit den Entschädigungszahlungen folgendermaßen gelöst: „Für den Fall, dass Jagdpächter immense Wildschäden zu zahlen haben, gibt es künftig ein Sonderkündigungsrecht.“ Sofern die Entschädigungsleistungen 15 Prozent des jährlichen Jagdpachtzinses übersteigen, kann der Pächter den Vertrag kündigen.
Für den Vorsitzenden des Bauernverbands Heilbronn-Ludwigsburg, Eberhard Zucker, ist die Ursache der Problematik relativ eindeutig: „Es gibt zu viele Schweine.“ Sicherlich sei der Maisanbau etwas ausgebaut worden, was aber vor allem durch den Preisverfall des Getreides begründet war. Doch das Schwarzwild wühle sich auch durch Weinberge und Wiesen. Zucker: „Die Kollegen im Stromberg-Heuchelberg klagen schon über Zerstörung.“ Besonders „umgepflügtes“ Grünland schmerze die Landwirte, da die Wiederherstellung der Grasnarbe sehr aufwendig sei. Insgesamt klappe der Entschädigungsschutz durch die Jäger sehr gut.
Wie sieht der Bauernchef die zukünftige Entwicklung auf dem Feld? Da schnauft der Landwirt tief und sagt: „Ich gehe davon aus, dass sich der Maisanbau nicht nennenswert ändern wird – doch das ist Spekulation.“ In Bezug auf Energiepflanzen gebe es Forschungen, bei denen auch die Fruchtfolge eine Rolle spiele. Zucker würde sich eine „konsequente Bejagung“, vor allem revierübergreifend, wünschen sowie einen strengen Winter, dann hätte man die Population der Schweine „wieder im Griff“.
Da trifft er ganz den Nerv der Jäger. Die beiden Hegeringleiter Weik und Joos sehen ebenfalls in der revierübergreifenden Drückjagd ein wirksames Mittel zur Dezimierung des Schwarzwildes. Allerdings sei die Bejagung der meist nachts aktiven Tiere im Winter ohne Schnee und „ohne Mond fast nicht möglich“, so Weik. Joos beklagt, dass die Bevölkerung die Absperrungen bei Drückjagden häufig nicht toleriere. Überhaupt, sagen beide, könne der Jäger auf dem Ansitz nahezu zu keiner Tages- und Nachtzeit und an kaum einem Jagdort mehr vor Passanten sicher sein. Mountainbiker, Jogger, Spaziergänger – kurz: Erholungssuchende – scheuchen das Wild, häufig ohne es zu bemerken, dem Jäger vor der Flinte weg.
Die Wildsau ist ein soziales Tier, das, bis auf die älteren Keiler, in einer Rotte lebt. Das ranghöchste Weibchen, die Leitbache, ist der Chef der Rotte. Von ihr und der Futterqualität hängt unter anderem ab, wann und wie oft die anderen Weibchen befruchtungsfähig sind. Fehlt die Leitbache, nimmt die Fruchtbarkeit der anderen Bachen zu. Zur verantwortungsvollen Jagd gehört daher Wissen und Geduld, damit nicht versehentlich die Leitbache erlegt wird. Auch bei der Kirrung, der Fütterung, sei „die Führungsebene schon dahinter her, dass die vorgeschriebenen Mengen nicht überschritten werden“, betont Hegeringleiter Weik.
Und während in der Natur bald Frischlinge durchs Unterholz stolpern, hofft Detlef Fischer im Vaihinger Rathaus auf neun ruhige Jahre.


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