Donnerstag, 17. April 2014

Aus für Traditionsbetrieb




Kaag
Doris und Rolf Kaag schließen ihr Fachgeschäft in Aurich. Foto: Bögel

Aurich (ub). Am Samstag (5. Januar) um 12 Uhr ist definitiv Schluss. Dann schließt das Fleischerfachgeschäft Kaag in Aurich endgültig seine Türen. Damit verliert der Stadtteil ein Traditionsgeschäft: Der Betrieb wurde seit 1905 von drei Generationen betrieben – zuerst in der Ochsengasse, dann im Mühlen-Anwesen in der heutigen Richthofenstraße.
Der Laden von Doris und Rolf Kaag in der Ortsmitte von Aurich ist eine Institution. Hier gibt es nicht nur Fleisch und Wurst, sondern auch den Dorftratsch. „Wir sind ein Kommunikationszentrum“, sagen die Kaags lächelnd. Hier trifft man sich beim Einkauf, trinkt eine Tasse Kaffee, erfährt die neuesten Nachrichten aus dem Dorfleben, kauft eine Eintrittskarte für eine Vereinsveranstaltung.
Das hat jetzt ein Ende. Rolf (65) und Doris (57) Kaag haben sich ihren Ruhestand verdient. Seit 1977 sind sie für ihre Kunden im Einsatz. „Wir haben auch an Brückentagen nicht geschlossen. Außer drei Wochen Urlaub im Jahr waren wir immer da“, erzählt Doris Kaag.
Es ist einerseits der normale Ruhestand, der zur Schließung des Fachgeschäfts in der Auricher Ortsmitte führt. Es sind aber auch wirtschaftliche Gründe, denn mit Tochter Britta, gelernte Fleischermeisterin, stünde eine Nachfolgerin in der vierten Generation für den Fortbestand des Geschäftes parat. Aber gegen die Übernahme sprechen die nackten Zahlen. „Trotz neuer Einwohner in Aurich haben wir einen steten Umsatzrückgang“, sagen die Kaags. Dies sei ein schleichender Prozess seit Jahren. Die Betriebskosten steigen, die Umsätze gehen zurück – das ist auf Dauer keine Grundlage für ein erfolgreiches Wirtschaften. Ähnlich wie in Ensingen vor einigen Monaten macht deshalb eine weitere Metzgerei dicht. „Es tut uns leid für die ältere Generation, die täglich zu uns gekommen ist. Aber es gibt keinen anderen Weg“, so Rolf Kaag. Bei einer Betriebsübergabe wären Investitionen im sechsstelligen Bereich angefallen – Kosten, die nach Angaben der Geschäftsleute nicht zu erwirtschaften sind. „Wir haben manche Nachmittage, an denen kein einziger Kunde kommt. Trotzdem haben wir an unseren Öffnungszeiten festgehalten“, ergänzt Doris Kaag.
Mit der Schließung des Traditionsbetriebs endet auch die Ära der Post in dem Vaihinger Stadtteil. Im Januar 1996 machte Aurich überregional Schlagzeilen, als bundesweit die erste Postagentur in den Räumen eines Fleischerfachgeschäfts eröffnet wurde. „Wir haben diesen Schritt nie bereut. Er hat uns natürlich auch Kunden gebracht“, sagt Doris Kaag, die verantwortlich die Postgeschäfte betreut. Im März 2003 gab es zwar Turbulenzen mit der Post, als die Kaags die neuen Vertragsbedingungen nicht akzeptierten. Um bundesweit die Zahl der Filialen und Postagenturen zu reduzieren, hat die Post den Agenturbetreibern neue Kontrakte zugeschickt – mit Konditionen, die Empörung auslösten. Die kommunalen Landesverbände sprachen damals von „Knebelungsverträgen“. Doch der Zwist konnte bereinigt werden – und in der Metzgerei Kaag gibt es bis heute neben Rostbraten, Schnitzel, Schinkenwurst und Co. Briefmarken und Päckchen.
Über das drohende Aus des Geschäftes und dem Wegbrechen von dörflicher Infrastruktur wurden die Kunden schon vor einiger Zeit informiert. „Einige haben akzeptiert, dass wir nun in den Ruhestand gehen, andere wollten eine Unterschriftenaktion starten und protestieren“, erzählen die Ladenbetreiber. „Wir haben uns das lange überlegt. Jetzt ist aber die Zeit für einen Schlussstrich.“
Die Ursprünge des Fleischerfachgeschäfts gehen auf das Jahr 1905 zurück, als Karl Kaag bei der königlich württembergischen Regierung um Genehmigung einer Schlachtereianlage nachsuchte. Die Räumlichkeiten waren damals am Ortsweg Nummer 4 (später die Ochsengasse 59) in Aurich. Zu dieser Zeit wurde noch das Wirthaus „Zum Ochsen“ betrieben. 1926 übernahm Reinhold Kaag das elterliche Geschäft. Nach dem Krieg erlebt das Unternehmen einen stetigen Aufschwung, 1950/51 wird eine Wurstküche gebaut, 1964 das Mühlen-Anwesen erworben, um eine Betriebserweiterung zu ermöglichen. Durch die Erweiterung in der Mühlstraße, der späteren Richthofenstraße, war auch der zusätzliche Verkauf von Lebensmitteln, Milch und Molkereiprodukten möglich.
Auch Sohn Rolf Kaag erlernte das Metzgereihandwerk und war mit 22 Jahren der jüngste Meister im Kreis Vaihingen. 1977 übernimmt Rolf Kaag zusammen mit Ehefrau Doris das Geschäft, baut einen Partyservice auf. 1995 wird das 90-jährige Bestehen gefeiert. Das Schweinefleisch wird zu diesem Zeitpunkt von der bäuerlichen Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall geliefert. 1998 wird die Eigenproduktion der Wurst- und Fleischwaren eingestellt. Seither beliefert die Großmetzgerei Blum aus dem Nordschwarzwald die Kaags.
Mit dem Aus der Metzgerei wird das Ortszentrum in dem Teilort mit Bank, Post und Einkaufen geschwächt. Und von der Symbiose mit der Kreissparkasse und der Enztalbank haben beide Seiten profitiert. Da fällt Doris und Rolf Kaag noch eine nette Geschichte ein: „Vor zwei oder drei Jahren war der Bankautomat nebenan kaputt. Da haben sich bei uns die Zettel zum Anschreiben gestapelt.“ Auch das gehörte zum Service eines Geschäftes, wo jeder Kunde mit Namen begrüßt wurde.




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