Dienstag, 22. Mai 2012

Nur eine Handvoll Spezialisten im Land




Lukas Böpple zeigt, wie beschädigte Instrumente fachgerecht repariert werden. Foto: Küppers
Lukas Böpple zeigt, wie beschädigte Instrumente fachgerecht repariert werden. Foto: Küppers

Illingen/Ditzingen (rkü). „Wir arbeiten hier noch wie bei den Römern“, sagt Norbert Böpple und lacht. Er betreibt eine Werkstatt, in der er gemeinsam mit seinem Sohn Lukas Musikinstrumente baut. Immer dann, wenn Massenware – auch wenn sie noch so gut ist – den speziellen Ansprüchen der Musiker nicht genügt, sind die Handwerker gefragt.

Norbert Böpple (60) wohnt in Illingen, hat seinen Betrieb aber in Ditzingen. Die Kundschaft ist über die Kontinente verteilt – Meister seines Fachs sind dünn gesät. Werbung für Instrumente von Böpple? „Das geht von Mund zu Mund“, meint er. Ist ein Musiker zufrieden, gibt er den Tipp an seine Kollegen weiter. Schon vor Jahrzehnten zählten amerikanische Musiker zu den Stammkunden. Markus Stockhausen, Herbert Joos und die „Egerländer“ schwören auf Instrumente von Norbert Böpple – letztere beziehen ihre Flügelhörner und Trompeten bei ihm.
Diese Musikinstrumente sind die Spezialität von Böpple, auch wenn sein Beruf wesentlich breiter gefächert ist. Sohn Lukas (20) hat im Sommer seine Ausbildung abgeschlossen. „Metallblasinstrumentenmacher – schreiben Sie das mal auf eine Visitenkarte“, scherzt er. „In der Berufsschule waren wir zu neunt aus ganz Deutschland.“ Der Unterricht fand in Ludwigsburg statt. Jetzt wird in der Werkstatt zu zweit gearbeitet.

Der Bau von Blechblasinstrumenten nimmt viel Zeit in Anspruch. Bleche und Rohre sind in großer Zahl eingelagert. Vorlagen, ähnlich dem Leisten des Schusters, hat Norbert Böpple ebenso wie Werkzeuge von den Ludwigsburger Firmen Schediwy und Barth übernommen. Das waren Traditionsbetriebe, die noch den Titel des königlichen Hoflieferanten tragen durften. Bei Barth hat Böpple gelernt. „Das war Zufall. Die wollten einen Einzelhandelskaufmann ausbilden. Aber als ich an der Werkstatt vorbeigekommen bin, hat es mir dort sehr gut gefallen.“ Einen Hammer, den ihm sein erster Lehrmeister damals vorhielt, hat Böpple heute noch in Gebrauch. So wie viele alte Werkzeuge, die teils gar nicht mehr hergestellt werden. Ob es großen Konkurrenzdruck gibt? „Es gibt nur eine Handvoll ernsthafte Instrumentenbauer in Deutschland“, sagt Böpple und winkt ab. „Noch dazu hat jeder sein Spezialgebiet.“

Bis aus Blechen und Rohren ein gut abgestimmtes Instrument entsteht, ist es ein weiter Weg. Zumeist hat der Kunde eine ganz bestimmte Vorstellung, wie eines der vorhandenen Stücke mit minimalen Veränderungen nachgebaut und dabei an seine ganz speziellen Bedürfnisse angepasst werden sollte. „Über die Endhärte des Materials können wir den Sound beeinflussen“, erklärt Norbert Böpple. „Außerdem hat auch die Masse Auswirkungen auf die Akustik.“ Lukas Böpple ergänzt: „Manche Musiker legen auch ganz besonderen Wert auf eine bestimmte Farbgebung.“

25 bis 40 Instrumente bauen die beiden Spezialisten pro Jahr. Die zurechtgeschnittenen Bleche müssen miteinander fest verbunden und in Form gebracht, die notwendigen Rohre gebogen und fein säuberlich nachbearbeitet werden. Hunderte Hammerschläge hier, akkurate Lötarbeit dort – die Arbeit in der Werkstatt des Instrumentenbauers ist zwar nicht von Zeitdruck, aber doch von höchster Konzentration geprägt. „An der Drehbank oder an der Poliermaschine kann’s kurz weh tun“, sagt Lukas Böpple. Das ist durchaus doppeldeutig zu verstehen. Einerseits lässt sich dort ein beinahe fertig gestelltes Werkstück durch eine unbedachte Bewegung unbrauchbar machen. Andererseits müssen die Handwerker an diesen Maschinen stets auf ihre Finger aufpassen.

Viele dieser Maschinen und Werkzeuge sind schon Jahrzehnte alt. Doch auch modernste Technik bleibt nicht außen vor, will man die Musikinstrumente noch zu einem vertretbaren Preis anbieten. So kommen die Maschinengehäuse mitsamt den Ventilen von speziellen Zulieferbetrieben, die auf CNC-Maschinen nach genauen Vorlagen des Meisters arbeiten.

Der Musiker, der dem Instrumentenbauer bei der Bestellung seine Vorlieben erklärt hat, wird auch in den Fertigungsprozess mit einbezogen. „Er kommt in der Rohbauphase her und testet sein neues Instrument“, erklärt Norbert Böpple. „Die Vorgabe treffen wir schon, aber es geht um Feinheiten.“ Es sind Nuancen, die darüber entscheiden, ob ein Instrument perfekt dem entspricht, was der Profi erwartet.

Zwei Drittel der Jahresarbeit entfallen auf das Bauen und etwa ein Drittel auf das Reparieren und Restaurieren von Musikinstrumenten, schätzt Norbert Böpple. „Es gibt Musiker, die ihre Instrumente nicht gut pflegen. Außerdem bekommen wir immer wieder Instrumente, die abgestürzt sind und wieder in Form gebracht werden müssen.“ Je nach Reparatur können hierfür schon einmal mehrere tausend Euro fällig sein, wenn die Spezialisten viele Stunden Handarbeit aufwenden müssen.
Wenn die Musiker zufrieden sind, bedanken sie sich gerne mit einer Widmung oder einer CD. Eine riesige Sammlung in der Werkstatt ist der Beweis.




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