Kinder leiden unter Armut am stärksten
Vaihingen (rkü). Unter dem Motto „Kinderland wird abgebrannt“ haben die Grünen aus Vaihingen, Mühlacker und Illingen einen gemeinsamen Altjahresempfang in der Vaihinger Bücherei veranstaltet. Das Aufwachsen in Armut wird auch in Baden-Württemberg zunehmend zu einem Problem.
„Sprachlich sind wir mit dem abgebrannten Kinderland noch gut bedient“, sagte Michael Marek, Leiter der diakonischen Bezirksstelle in Vaihingen. Er zeichnete ein düsteres Bild von der Situation, in der viele Kinder und Jugendliche aufwachsen. Materielle Armut bedeute sehr oft auch Bildungsarmut – mit allen Folgen, die das für die berufliche Zukunft habe. Wer durch Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit oder andere Umstände in Armut gerate und ihr nicht schnell wieder entkomme, dem werde oft das Gefühl vermittelt, dass er keine Rolle mehr für die Gesellschaft spiele. Wenn Kinder in derart desillusionierten Familien aufwachsen, spürten sie deutlich die Lähmung, die von dieser Situation ausgehe.
Marek war als Referent zu Gast bei dem Altjahresempfang. Er warnte davor, Kinder in den Mittelpunkt von politischen Kampagnen zu stellen. „Es wird sehr gerne gemacht und scheint attraktiv, wird aber den Betroffenen oft nicht gerecht.“ Zudem seien die von Armut betroffenen Kinder und Jugendlichen die „unschuldigen Symptomträger“. Marek entschuldigte sich bei den rund 70 Zuhörern, dass das Thema „wenig erquicklich für den Jahresausklang“ sei. Doch er zeigte auch Wege auf, die seiner Meinung nach aus der Krise führen könnten und bei denen insbesondere die Kinder Nutznießer wären.
Eine Neuausrichtung des Schulsystems steht für Marek ganz vornean. Es sollte auch Kindern aus armen Familien ermöglichen, ohne Probleme einen qualifizierten Abschluss zu erlangen. Eine bessere Gesundheitsversorgung für die Betroffenen wäre ebenfalls wichtig, um nicht schon im jungen Alter chronische Erkrankungen zu begünstigen – mit immensen Folgekosten für die Gesellschaft. Auch eine „massive Anhebung der Hartz-IV-Regelsätze“ forderte Marek. Denn: „Für andere Notleidende ist ja genug Geld da – für notleidende Banken.“
Der Neujahrsempfang wurde bereits zum fünften Mal von den Grünen-Ortsverbänden in Vaihingen, Mühlacker und Illingen ausgerichtet, erläuterte Susanne Schwarz-Zeeb, Fraktionsvorsitzende im Vaihinger Gemeinderat. Darum war nicht nur die Ludwigsburger Bundestagsabgeordnete Ingrid Hönlinger, sondern auch ihr Enzkreis-Kollege Memet Kilic zu Gast im Vaihinger Büchereikeller.
Schwarz-Zeeb sagte bei der Begrüßung, dass das von Ministerpräsident Günther Oettinger gepriesene Kinderland Baden-Württemberg jetzt wohl dem Straßenverkehr geopfert werde – zumindest habe Oettingers designierter Nachfolger Stefan Mappus bereits angekündigt, den Straßenbau zur Chefsache machen zu wollen. Nach erfolgreichen Aktionen in Mühlacker und Ludwigsburg warb Schwarz-Zeeb dafür, auch auf dem Vaihinger Marktplatz zum „Flash-Mob“ aufzurufen und damit für aktuelle Themen zu demonstrieren.
Ingrid Hönlinger betonte, dass die Grünen im Bundestag gegen eine Erhöhung des Kindergelds gestimmt hätten, weil bei den ärmsten Familien durch Verrechnung mit den Sozialleistungen ohnehin nichts davon ankäme. Sie warb für ein flächendeckendes Angebot von Ganztagesschulen. Außerdem sei es wichtig, Kinder nicht schon nach vier Schuljahren auf die verschiedenen Schularten aufzuteilen, sondern bis zur neunten Klasse miteinander lernen zu lassen.
