Dienstag, 22. Mai 2012

Früher flossen mehr Bußgelder




Fridolin Bernhart, der Vorsitzende der Lebenshilfe Vaihingen-Mühlacker, hofft darauf, dass das Gebäude im Spitalhof Anfang April bezugsfertig ist. Dann sollen dort ambulant betreute Wohnungen und offene Hilfen angeboten werden. Foto: Küppers
Fridolin Bernhart, der Vorsitzende der Lebenshilfe Vaihingen-Mühlacker, hofft darauf, dass das Gebäude im Spitalhof Anfang April bezugsfertig ist. Dann sollen dort ambulant betreute Wohnungen und offene Hilfen angeboten werden. Foto: Küppers

Vaihingen (rkü). Menschen mit geistiger Behinderung haben im Raum Vaihingen eine Anlaufstelle, die sich seit Jahrzehnten bewährt hat: Die Lebenshilfe Vaihingen-Mühlacker. Wohnheime, Kindergärten und offene Hilfen – die Einrichtungen sind vielfältig. Dutzende Helfer engagieren sich haupt- und ehrenamtlich bei der Lebenshilfe.

Von der Jugend bis ins hohe Alter werden Menschen mit Behinderung von den Einrichtungen der Lebenshilfe begleitet. In Vaihingen und Mühlacker wird schon möglichst früh im Kindergarten der möglichst unverkrampfte, selbstverständliche Umgang von Kindern mit und ohne Behinderung gepflegt. Nach Ansicht der Fachleute ist dies die optimale Lösung – allerdings bedurfte es großer Überzeugungsarbeit auf Seiten der städtischen Träger, erinnert sich Fridolin Bernhart, der Vorsitzende der Lebenshilfe Vaihingen-Mühlacker. Er ist, wie die gesamte Vorstandschaft, ehrenamtlich tätig.

Die Arbeit mit behinderten Menschen wird von den Landkreisen gefördert, im Fall der hiesigen Lebenshilfe vom Landkreis Ludwigsburg und vom Enzkreis. Aus finanziellen Gründen werde, so Bernhart, seitens der Geldgeber künftig wohl noch mehr darauf gedrängt, dass die Betroffenen möglichst viel bei ihren Familien sind und nur in Ausnahmefällen in Wohnheimen untergebracht werden sollen.

„Bei uns gibt es ein differenziertes Wohnangebot, von ambulant bis voll betreut“, unterstreicht der Vorsitzende. Wohnheime in Kleinglattbach und Lomersheim, eine Außenwohngruppe und ambulant betreute Wohnungen in Mühlacker und Stadtteilen sowie das Projekt „Leben und Arbeiten auf dem Bauernhof“ in Kleinvillars bieten für jeden etwas. Dazu kommt das Trainingswohnen, ganz in der Nähe des Wohnheims in Lomersheim.

Die vorhandenen Einrichtungen sollen von April an durch das Gebäude Spitalhof 4 in Vaihingen ergänzt werden. Sieben Wohnungen, die ambulant betreut werden, sowie die Räume für die offenen Hilfen der Lebenshilfe Vaihingen-Mühlacker sollen dort Platz finden. Die offenen Hilfen finden immer mehr Zuspruch, freut sich Rosemarie Bernhart, die für diesen Bereich zuständig ist. „Es ist ein familienentlastender Dienst für Kinder, Jugendliche und Erwachsene“, erklärt sie. „Die offenen Hilfen richten sich an alle, die daheim wohnen.“

Von der häuslichen Betreuung mit stundenweiser Hilfe in der Familie bis hin zu betreuten Wochenenden, Freizeiten und Urlauben reicht die Palette der Angebote. „Wir erleben einen riesigen Ansturm“, sagt die Expertin. Das gelte nicht nur für den Raum Vaihingen, sondern bundesweit. Hintergrund: Über gezielte Unterstützung im familiären Umfeld soll die Unterbringung in Heimen vermieden werden, was wiederum Kosten spart.

Doch die Kosten sind nur ein Punkt, wenn es um den Umgang mit Menschen geht, die mit einer Behinderung leben. „Wohnen und zu Hause sein sind menschliche Grundbedürfnisse“, heißt es im neuen Grundsatzprogramms der Bundesvereinigung Lebenshilfe. Weiter ist die Rede vom „Recht auf eine Privatsphäre in einer eigenen Wohnung“. Auch wenn jemand besonders viel Hilfe benötige, solle er doch selbst entscheiden können, wo und mit wem er zusammenlebe. Fridolin Bernhart bekräftigt diesen Anspruch. Unter dem Schlagwort „ambulant statt stationär“ gehe es eben nicht nur darum, Kosten zu sparen, sondern auch den Bedürfnissen der Betroffenen Rechnung zu tragen. Allerdings ist er sich auch sicher: „Wir werden auf Dauer einen vollstationären Bereich brauchen.“

Zur Versorgung der so unterschiedlichen Betroffenen werden vor allem hauptamtliche Kräfte eingesetzt. Für die Betreuung bei Freizeitaktivitäten kommen aber auch rund zwei Dutzend ehrenamtliche Helfer zum Einsatz. Ausflüge, Theaterbesuche, Wanderungen und gemeinsame Feiern stehen auf dem Programm. Das bietet allen Teilnehmern Abwechslung vom Alltag – und ihre Familien können sich in diesen Stunden oder Tagen all dem widmen, was bei ihnen sonst zu kurz kommt.

Der Einsatz von Zivildienstleistenden ist mit jeder Verkürzung der Dienstzeit auch für die Lebenshilfe schwieriger geworden. Sieben „Zivis“ sind derzeit eingesetzt. „Das ist immer ganz toll“, berichtet Rosemarie Bernhart. „Das sind junge Männer und die sind immer gern gesehen – bei den Bewohnern und vor allem in den Kindergärten.“ Sie brächten frischen Wind in die Einrichtung. Doch je kürzer sie tatsächlich noch mitarbeiten könnten, umso weniger habe ihr Einsatz bei der Lebenshilfe Sinn. Darum will Fridolin Bernhart in Kürze mit den Verantwortlichen besprechen, wie man weiter verfahren solle. Manche Einrichtungen hätten schon von Zivildienstleistenden auf Absolventen des freiwilligen sozialen Jahres umgestellt – das dauere immerhin zwölf Monate.

Was die Finanzierung der vielfältigen Angebote angeht, ist die Lebenshilfe auf Spenden angewiesen. „Unsere Mitgliedsbeiträge decken nur einen ganz geringen Teil der Kosten“, erläutert der Vorsitzende. Die Einnahmen bei Straßenfesten, Weihnachtsmärkten und dem Spendenlauf seien wichtig. Es sei auch möglich, dass Bußgelder, wie sie beispielsweise bei Gerichtsverfahren gegen Unfallfahrer verhängt werden, zugunsten der Lebenshilfe bezahlt werden.

Allerdings sei diese Quelle in letzter Zeit versiegt, bedauert Bernhart. Umso wichtiger, auch um die neue Einrichtung im Spitalhof zu finanzieren, seien darum Spenden. Zahlreiche VKZ-Leser haben die vorweihnachtliche Berichterstattung über die Lebenshilfe schon zum Anlass für eine Spende genommen. Mit dem heutigen Artikel soll diese kleine Serie zu Ende gehen.

Spenden: Lebenshilfe Vaihingen-Mühlacker, Stichwort „Spitalhof“, Kreissparkasse Ludwigsburg, Kontonummer 8815424, Bankleitzahl 60450050. Bei Angabe der Adresse wird eine Spendenbescheinigung zugeschickt.




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