Bietigheim/Vaihingen (sr). Hilfe bieten für Menschen mit Behinderung, das hat sich der Verein Lebenshilfe Vaihingen-Mühlacker auf die Fahnen geschrieben. In Vaihingen entsteht zurzeit im Spitalhof 4 eine Einrichtung für ambulant betreutes Wohnen. Die VKZ besuchte drei der zukünftigen Bewohner an ihrem Arbeitsplatz in den Theo-Lorch-Werkstätten in Bietigheim.
Endlich. Bald geht’s wieder heim nach Vaihingen. Christian Hönekop steht die Freude darüber ins Gesicht geschrieben. „In Vaihingen bin ich aufgewachsen, da gefällt’s mir besser als in Bietigheim“, sagt der 27-Jährige. Bald kann er in den frisch renovierten und umgebauten Spitalhof 4 der Lebenshilfe Vaihingen-Mühlacker in der Auricher Straße in Vaihingen umziehen. Dann wird in Bietigheim nur noch sein Arbeitsplatz und nicht mehr, wie jetzt, auch sein Wohnort sein.
Hönekop steckt einen Stöpsel in jedes Ohr, beugt sich über ein Stereomikroskop und betrachtet ein Werkteil aus Kunststoff mit Argusaugen. „Kein Fussel, keine Späne, keine Kratzer dürfen da dran sein“, klärt der junge Mann auf. Mit Druckluft pustet er es ab – und befindet es für gut. Qualitätskontrolle bestanden.
Christian Hönekop ist einer von momentan 251 Mitarbeitern der Theo-Lorch-Werkstätten am Standort Bietigheim. Je nach Fähigkeiten werden die meist geistig Behinderten in verschiedenen Arbeitsgruppen der Einrichtung eingesetzt.
Hönekop muss bei seiner Arbeit hohe Qualitätsanforderungen erfüllen. Außerdem habe er noch einen weiteren Arbeitsbereich, sagt er und flitzt um die Ecke. Dort werden für die Firma Bosch Luftleisten vormontiert. „Und“ , sprudelt es aus ihm heraus, „ich bin jetzt sogar hier stellvertretender Gruppenhelfer.“ Da strahlt der überzeugte Vaihinger, der bei den Arbeiten im Gebäude Spitalhof 4 gerne und ausdauernd mithilft und den Vorschlaghammer schwingt.
Nur wenige Räume entfernt gehen zwei zukünftige Mitbewohnerinnen Hönekops ihrer Arbeit nach. Isabel Alderete steht dem Tatendrang Hönekops in nichts nach. Die 26-Jährige moniert nach einem Blick auf den Journalistenblock: „Mit einem L schreibt man meinen Namen.“ Immer wieder muss die VKZ-Frau der geschäftigen Arbeiterin ausweichen. „Ich kann beides, arbeiten und reden“, sagt Alderete und setzt derweil Türfutterstreben, ein Auftrag der Firma Bessey, zusammen. Anschließend werden die sperrigen Teile sorgfältig von Isabel Alderete verpackt.
Alderete wird zurzeit noch im Wohnheim der Lebenshilfe „vollstationär betreut“, erklärt Sandra Sailer, Geschäftsführerin der Lebenshilfe Vaihingen-Mühlacker. Das bedeute, dass für die junge Frau beispielsweise gewaschen und gekocht wird. Alderete möchte aber selbstständiger werden. „Gebügelt haben ich schon“, sagt sie knapp und stolz, während die Hände eine Türfutterstrebe einpacken.
Ob sie nicht Angst hat vor der neuen Stadt und den fremden Menschen? „Nö, ich mag alle Leute“, erwidert die Halbspanierin gut gelaunt, drängelt sich vorbei und bugsiert ein fertiges Paket auf einen Stapel gleichartiger Pakete.
Ein paar Tische weiter sitzt Doris Kunde und setzt längliche Werkstücke zusammen. Sie ist die letzte in einer Reihe von Kollegen, die Einzelteile von Rohrventilen für Viehtränken montieren. Bei Doris Kunde werden die Rohrventile verschraubt. „Sonst hätten die Kühe kein Wasser drin“, beschreibt Kunde den Zweck ihrer Arbeit. Im Moment wohnt die 29-Jährige noch bei den Eltern in Vaihingen. Auch sie wird bald im Spitalhof 4 eine neue Heimat finden.
Damit sich die Bewohner in der ambulant betreuten Einrichtung richtig wohl und daheim fühlen, sollen die gemeinsam benutzten Räume hübsch eingerichtet werden. Dabei helfen Spenden der VKZ-Leser, von denen schöne Möbel, Vorhänge, Geschirr und Accessoires finanziert werden. Geschäftsführerin Sailer konnte Ende letzter Woche glücklich melden: „Schon rund 1000 Euro wurden von den Lesern für den guten Zweck gespendet. Wir freuen uns über jeden Euro.“
Für ihre Arbeit in den Werkstätten an fünf Tagen in der Woche erhalten die Behinderten rund 200 Euro Monatslohn. Die meisten seien aufgrund des geringen Verdienstes berechtigt, Grundsicherung und Wohngeld zu erhalten, sagt Sailer. Die sieben Einzelzimmer im Spitalhof werden an die Behinderten vermietet.
Die Löhne wiederum würden in den Theo-Lorch-Werkstätten über Produktionserlöse erwirtschaftet, erklärt Joachim Hofmann, Leiter begleitende Dienste am Standort Bietigheim. Dagegen trage vor allem der Landkreis die Kosten für den laufenden Betrieb, Gebäude und Personal in den Werkstätten. Hofmann: „Firmen, die einen Auftrag an anerkannte Werkstätten für Menschen mit Behinderung erteilen, verringern dadurch ihre Schwerbehinderten-Ausgleichsabgabe.“
In Bietigheim schwärmen regelmäßig Außengruppen aus, um direkt in dem Betrieb, der einen Auftrag vergibt, mitzuarbeiten. Und auch die zukünftige Spitalhof-Bewohnerin Silvia Schmidt ist beim VKZ-Besuch nicht in den Werkstätten, sondern arbeitet bei der Metzgerei Dietz. Die Nummer Fünf im Reigen der künftigen Spitalhofbewohner fehlt ebenfalls. Annerose Roser hat schlicht und ergreifend Urlaub.
Beim Abschied von den Arbeitsgruppen in den Theo-Lorch-Werkstätten schlägt einem spontane Freundlichkeit entgegen. „Ade, schöne Weihnachten“ und „guten Rutsch“ rufen die Leute. Noch eine Frage an Sandra Sailer von der Lebenshilfe: Wie ist das eigentlich, wenn geistig Behinderte sich verlieben und einen Kinderwunsch haben? „Das ist, wie bei nicht behinderten Menschen auch“, sagt Sailer. Die Mitarbeiter seien aber bei diesen Themen sensibilisiert, zudem gebe es eine Konzeption und einen ständigen Arbeitskreis bei der Lebenshilfe Vaihingen-Mühlacker zu diesem Themenbereich. Es werde über gesundheitliche Themen aufgeklärt, auch von den Ärzten.
Ein geistig behindertes Pärchen aus Mühlacker habe das Abenteuer Familie gewagt, sagt Sailer. Der zweijährige Bub sei pumperlg’sund. Um das Kindeswohl kümmert sich neben den Eltern das Jugendamt.
Für die baldigen Spitalhof-Bewohner, allen voran Christian Hönekop, steht im Frühjahr mit dem Umzug die große Aufregung bevor. Dann endlich kann Hönekop wieder in heimischen Gewässern angeln, die Walkingstöcke auf Vaihinger Gemarkung schwingen, die Tuba blasen und mit dem Fahrrad um den Kaltenstein flitzen. Dann ist er wieder daheim.
Spenden: Lebenshilfe Vaihingen-Mühlacker, Stichwort „Spitalhof“, Kreissparkasse Ludwigsburg, Kontonummer 8815424, Bankleitzahl 60450050. Bei Angabe der Adresse wird eine Spendenbescheinigung zugeschickt.
