Montag, 21. Mai 2012

Käse als Klimasünder




Die Herstellung von Käse setzt 56-mal mehr Treibhausgase frei als die Gemüsezucht. Foto: Bögel
Die Herstellung von Käse setzt 56-mal mehr Treibhausgase frei als die Gemüsezucht. Foto: Bögel

Vaihingen (ub). Noch schnell mit dem Wagen zum Supermarkt, damit heute Abend ein leckeres Essen auf den Tisch kommt. In den Nachrichten wird über den Klimagipfel in Kopenhagen berichtet. Aber was interessiert die große Politik im beschaulichen Vaihingen? Viel – wenn es beispielsweise um die klimafreundliche Ernährung geht.
Kann ich bedenkenlos ein Schweineschnitzel essen, welche Konsequenzen hat der Käse zum Nachtisch? Und überhaupt, mit welchem Auto erledige ich meine Einkäufe angesichts der Diskussionen über das Klima?
In schöner oder wohl besser unschöner Regelmäßigkeit erscheint seit 2006 die europäische Studie über die größten Kohlendioxid-Sünder unter den Autobauern. Am Rande des Klimagipfels in Kopenhagen lohnt sich ein Blick auf die jüngste Untersuchung: So steht der deutsche Premiumhersteller Daimler nach wie vor an der Spitze der Öko-Sünder. Die Verbesserung der Flottenbilanz um 3,8 Prozent von 182 Gramm pro Kilometer auf 175 g/km CO2 reichte nicht, um die rote Laterne abzugeben. Nissan machte vier Prozent gut und kommt als Vorletzter jetzt auf einen durchschnittlichen Ausstoß von 161 g/km. Dann kommt auch schon Volkswagen. Auch die BlueMotion-Technologie verhinderte nicht, dass Europas größer Autobauer um zwei Ränge auf Platz zwölf absackte.
Mit einem schlechten Gewissen treffen wir beim Lebensmittelgeschäft ein. Die Fahrt im Mercedes-Bus war ökologisch nicht korrekt – und nun noch diese Rechnung: Wer einmal pro Woche Fleisch durch saisonales Gemüse ersetzt, spart 20 Kilogramm Kohlendioxid.
Wieviel Klima kostet mein Essen? Eine Studie der Verbraucherorganisation „Foodwatch“ klärt über den Treibhauseffekt bei der Herstellung von Nahrungsmitteln auf und schmälert angesichts der Zahlen den Appetit. Ein Kilogramm Weizen, konventionell erzeugt, errechnete „Foodwatch“, verursacht Treibhausgase in einer Menge, die einer mit einem Auto (Modell BMW 118d) zurückgelegten Strecke von 3,4 Kilometer entsprechen. Dem Kilogramm ökologisch hergestellten Weizen entspräche eine Strecke von 1,5 Kilometer. Ein Kilogramm Rindfleisch aus ökologischer Ochsenmast hat dagegen eine Klimabilanz, die einer Strecke von 113 Kilometer entspricht, bei konventioneller Produktion wären es 71 Kilometer. Für zehn Liter Milch, die für ein Kilogramm Käse benötigt werden, betragen die äquivalenten Entfernungen 71 Kilometer (konventionell) und 66 Kilometer (ökologisch).
Konsumenten von konventionellem Schweinefleisch sind für weit weniger Klimagase verantwortlich als Konsumenten von ökologischem Rindfleisch oder ökologischen Milchprodukten. Ein Kilogramm Ochsenfleisch aus ökologischer Produktion verursacht die vierfache Menge an Treibhausgasen wie ein Kilogramm Schweinfleisch aus klimaoptimierter konventioneller Produktion. Das bedeutet, dass ein Konsument von ökologischem Rindfleisch in einem Jahr so viele Treibhausgase verantwortet wie ein Konsument der gleichen Menge konventionellen Schweinfleisches in vier Jahren.
Vergleicht man die Klimaeffekte verschiedener Ernährungsweisen, würde ein Rangfolge der Klimaschützer unter den Konsumenten landwirtschaftlicher Produkte laut „Foodwatch“ so aussehen: Größte Klimasünder sind die konventionellen und ökologischen Allesesser. Der von ihnen durch den Verzehr landwirtschaftlicher Produkte verursachte Ausstoß von Treibhausgasen entspräche pro Jahr bei konventionellen Lebensmitteln einer Autostrecke von 4758 Kilometern, also der Strecke Helsinki-Florenz hin und zurück. Der ökologische Allesesser wäre nicht viel besser; er käme auf 4377 Kilometer. Besser als der ökologische Allesesser schneidet ein konventioneller Allesesser ab, der Schweinfleisch anstatt Rindfleisch verzehrt. Sein Konsum entspräche einer Strecke von 4209 Kilometern.
Beim Verzicht auf Fleisch, nicht aber auf Milchprodukte, entspräche die Strecke im konventionellen Fall 2427 Kilometer oder 1978 Kilometer bei der ökologischen Variante. Die besten Klimaschützer sind diejenigen, die weder Fleisch noch Milchprodukte verzehren. Ihre Ernährungsweise ergibt angeblich eine Strecke von 281 Kilometern pro Jahr (ökologisch), also die Route Hamburg-Hannover und zurück, oder 629 Kilometern bei konventionellen Lebensmitteln.
Also, Schweineschnitzel geht gerade noch, Käse wird vom Einkaufszettel gestrichen. Seine Herstellung setzt 56-mal mehr Treibhausgase frei als die Gemüsezucht. Im Autoradio wird gemeldet, dass die Politiker in Dänemark sich beim Weltklimagipfel nicht einig sind. Wer hätte das auch erwartet – und vielleicht gibt es im Haushalt in Vaihingen in dieser Woche doch noch Käse.




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