Vaihingen (sr) – Hilfe bieten für Menschen mit Behinderung, das hat sich der Verein Lebenshilfe Vaihingen-Mühlacker auf die Fahnen geschrieben. In Vaihingen entsteht zurzeit im Spitalhof 4 eine Einrichtung für ambulant betreutes Wohnen. Ein Blick auf die Besonderheiten des denkmalgeschützten Gebäudes.
Spätmittelalter, finstere Zeiten. Über Europa legt sich der Schwarze Tod wie ein Leichentuch. Menschen sterben wie die Fliegen. Pest, Cholera, Pocken und Typhus grassieren und lichten die Bevölkerung mittelalterlicher Städte.
Doch selbst in diesen düsteren Zeiten gibt es helfende Hände, die sich ihrer Mitmenschen annehmen. 1339 sollen auf dem Fleckchen Erde in Vaihingen, wo jetzt im Spitalhof 4 gewerkelt wird, Beginen gelebt haben. Beginen waren fromme Frauen, die sich in tätiger Nächstenliebe übten. Heute würden sie wohl als Sozialarbeiterinnen bezeichnet werden.
Demnächst wird in dem 1795 erbauten Spitalhof 4 mit Stephanie Seare eine Diplom-Sozialarbeiterin ihr neues Büro beziehen. Seare arbeitet beim Verein Lebenshilfe als Bereichsleiterin des ambulant betreuten Wohnens, das die Lebenshilfe in dem denkmalgeschützten Gebäude in Vaihingen anbietet. Bald finden im Spitalhof 4 an der Auricher Straße sieben Einzelzimmer für Behinderte, die Offene Hilfe, Gemeinschafts- und Mitarbeiterräume ihren Platz.
Vor rund 200 Jahren standen im Erdgeschoss des Hauses noch Feuerspritzen und Vieh. Holz, Heu und Getreide wurde auf allen Ebenen gelagert. Im Lauf der Zeit hatte die Elementarschule ihren Platz in dem Gebäude, die Frauenarbeitsschule, die Sozialstation. Schließlich erfolgte im Jahr 2007 der vorerst letzte Besitzerwechsel: „Die Stadt Vaihingen hat den Verkauf des Hauses aus ihrem Besitz an unseren Verein mit günstigen Konditionen kräftig gefördert“, schreibt die Lebenshilfe in ihrer Broschüre zum „Jubiläumsprojekt auf historischem Boden“.
Seit Juli 2008 wurden schon 1300 ehrenamtliche Arbeitsstunden in dem Haus geleistet. Auch die zukünftigen Bewohner hätten feste mitgeschafft, weiß Stephanie Seare. Rund 750000 Euro werden die Sanierung und die Umbaumaßnahmen für die künftige Nutzung verschlingen. Dass das neue Heim zur richtigen Heimat der Behinderten wird, wünscht sich Seare. Spenden sollen daher für eine heimelige Einrichtung der Gemeinschaftsräume genutzt werden. Schöne Möbel, ansprechende Accessoires, Wohlfühlatmosphäre.
Im Spitalhof 4 hat inzwischen der Endspurt begonnen. Vor wenigen Tagen nahm Dirk Schiemank von der Firma Höfle die Fußbodenheizung provisorisch in Betrieb. Nicht zu schnell und nicht zu langsam darf dabei die Temperatur erhöht werden, „sonst reißt der Estrich“. Eine knifflige Angelegenheit. Die Stuckateure der Firma Hangstörfer sind derweil vor dem Fliesenleger nach oben in den zweiten Stock geflüchtet.
Reinhard Lämmle, Vorstandsmitglied der Lebenshilfe, weiß um einige Besonderheiten, die das Arbeiten in einem denkmalgeschützten Gebäude mit sich bringt.
So mussten gusseiserne Elemente im Innern der Räume von Farbschichten befreit werden und sichtbar bleiben. Beispielsweise der reich verzierte Bug, der zur Stabilisierung des Unterzugs dient. Ein Zierprofil aus Stuck zieht sich durch einige Zimmer und muss ebenso erhalten werden wie die Holzvertäfelung aus Nadelholz. Millimeterdicke Farbschichten verdeckten deren Inneres. Der alte Lack wurde entfernt. In einem neu aufzutragenden Grauton wird das Holz wieder die Wände zieren.
Architekt Eberhard Lämmle erinnert sich an Befürchtungen, die sich schließlich bestätigten.: „Die Konstruktion des Dachstuhles erwies sich, bedingt durch frühere Umbaumaßnahmen, als nicht sehr stabil und musste mit Mehraufwand zimmermannsmäßig stabilisiert werden.“
Laut Liste der Kulturdenkmale des Denkmalamts Baden-Württemberg reiht sich das Gebäude mit Ochsenaugen, Rundbogentoren und profiliertem Stockwerksgesims in die Tradition barocken Bauens, wie es zu damaliger Zeit in Vaihingen üblich war. Im Frühjahr 2010 werden die Arbeiten voraussichtlich abgeschlossen sein. Fünf vorgemerkte Bewohner freuen sich schon auf den Einzug.
Spenden: Lebenshilfe Vaihingen-Mühlacker, Stichwort „Spitalhof“, Kreissparkasse Ludwigsburg, Kontonummer 8815424, Bankleitzahl 60450050. Bei Angabe der Adresse wird eine Spendenbescheinigung zugeschickt.
