Montag, 21. Mai 2012

Alte Stinker




Alte Stinker sollen raus – aber wohin?
Mit Jahresbeginn wird die Innenstadt von Mühlacker zur Umweltzone. Auch die Bundesstraße ist betroffen.

Mühlacker (rkü) – Wer künftig durch das Stadtgebiet von Mühlacker fahren will, braucht eine Umweltplakette. Vom 1. Januar 2009 an gilt die Innenstadt einschließlich der Bundesstraße10 als Umweltzone. Gestern wurden die entsprechenden Hinweisschilder enthüllt. Dabei machte Bürgermeister Winfried Abicht keinen Hehl daraus, dass er diese Maßnahme nicht als beste Lösung ansieht.

„Eigentlich greifen wir mit diesem Schritt zu spät ein“, sagte Abicht, als er die ersten Schilder freilegte. Der Bürgermeister hätte sich Maßnahmen gewünscht, die oberhalb der kommunalpolitischen Ebene greifen. So sollte seiner Meinung nach die Autoindustrie in die Pflicht genommen werden. Denn die habe schließlich die Fahrzeuge gebaut, die jetzt aus der Umweltzone verbannt werden sollen.

Direkt an der viel befahrenen Bundesstraße gibt es im Innenstadtbereich von Mühlacker eine der landesweit 25 Mess-stationen. Überhöhte Werte von Feinstaub und Stickoxiden waren in den vergangenen Jahren keine Seltenheit, darum mussten Maßnahmen ergriffen werden. Eine generelle Durchfahrtbeschränkung für den Schwerlastverkehr wurde diskutiert, kam aber nicht zum Tragen. Die Mautpflicht für Bundesstraßen gehörte ebenfalls zu den Vorschlägen. Immerhin entsteht ein Teil der Belastungen in Mühlacker durch Schwerverkehr, der die B10 nutzt, um Autobahnmaut einzusparen. Beschlossen wurde letztlich die Ausweisung einer Umweltzone. „Die alten Stinker sollen raus“, brachte es Winfried Abicht auf einen kurzen Nenner.

Problematisch sei nur, dass der Verkehr zwar aus dem besonders belasteten Bereich herausgenommen, die Menge der umweltschädlichen Emissionen dadurch aber eher noch größer werde. „Das ist etwas ähnliches wie die Politik der hohen Schornsteine.“ Der Bürgermeister gab gestern zu bedenken, dass die Umfahrung des relativ kleinen gesperrten Bereichs für die Betroffenen je nach Route deutlich mehr Kilometer und zusätzliche Steigungsstrecken bedeute.

Außerdem werde Wohnbevölkerung in Mitleidenschaft gezogen, die bislang nicht von den Hauptverkehrsadern tangiert sei. „Ausgewiesene Umfahrungsstrecken gibt es nicht“, sagte Abicht. Wer vor einem Umweltzonen-Schild stehe, müsse selbst schauen, wie er über Ausweichstraßen ans Ziel komme.
Verkehrsteilnehmer, die aus Richtung Pforzheim durch die Senderstadt fahren wollen, können gleich am Ortseingang auf die relativ neue Tangente, die verlängerte Ziegeleistraße ausweichen. Diese führt um die Innenstadt herum und lässt in Bahnhofsnähe mehrere Möglichkeiten offen. Durchs Industriegebiet oder über die Osttangente gelangt man wieder auf die B10 Richtung Illingen, alternativ lässt sich über Lienzingen die B35 erreichen. Allerdings ist dieser Weg vorläufig noch durch die Baustelle eines Kreisverkehrs beeinträchtigt. Wer von Pforzheim her kommt und die Abfahrt am Ortseingang verpasst, steht beim Mühlehof direkt vor einem Schild, das die Weiterfahrt untersagt. Dann bleibt nur, von der B10 abzubiegen und nach der engen Ortsdurchfahrt von Lomersheim erst kurz vor Illingen wieder auf die Bundesstraße einzufahren.

Der städtische Bauhof hat in den vergangenen Wochen 64 Schilder aufgestellt, um die zwölf betroffenen Straßen in der Innenstadt zu kennzeichnen. Fahrzeuge mit einer grünen, gelben oder roten Umweltplakette haben weiterhin freie Fahrt. Das sind etwa 95 Prozent der Fahrzeuge. Vom Jahr 2012 an sollen die mit Rot gekennzeichneten Fahrzeuge ebenfalls ausgesperrt werden.

Wie groß der Effekt dieser aufwendigen Maßnahmen sein wird, lässt sich momentan schlecht abschätzen. Wegen bestehender Ausnahmeregelungen dürfen derzeit fast alle Fahrzeuge noch in die Umweltzone einfahren – wenn sich die Fahrer rechtzeitig eine Plakette besorgt haben. Ansonsten wird es teuer. Wer ohne Plakette oder Ausnahmegenehmigung erwischt wird, muss 40 Euro Bußgeld bezahlen und bekommt einen Punkt in der Verkehrssünderkartei. Dazu kommen noch Bearbeitungsgebühren in Höhe von rund 25 Euro. Kassieren will die Stadt Mühlacker aber nicht vor März, hieß es gestern. Zunächst sollen Verkehrsteilnehmer, die gegen die neuen Regelungen verstoßen, bei Kontrollen nur auf die geänderte Sachlage hingewiesen werden. Als nächster Schritt wird die Polizei im Rahmen von allgemeinen Verkehrskontrollen oder Unfallaufnahmen innerhalb der Umweltzone auch ein Auge darauf haben, ob Plaketten vorhanden sind.

Erst nach dieser Übergangszeit sollen Verstöße konsequent verfolgt werden. Mühlackers Bürgermeister sagte gestern, dass die Messwerte ständig beobachtet werden sollen. „Die Auswirkungen sollen aber nicht mehr so deutlich sein, wie in einem ersten Gutachten erwartet worden ist.“ Grund dafür sei, dass schon einige Altfahrzeuge durch neuere Modelle mit geringerem Schadstoffausstoß ersetzt wurden. Mit etwas Glück könnte die Umweltzone in Mühlacker wieder abgeschafft werden. Entweder weil die Emissionen insgesamt zurückgegangen sind – oder weil sie sich auf eine größere Fläche verteilt haben.




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