Montag, 21. Mai 2012

Band 12 der Schriftenreihe erschienen


Die Herausgabe der Schriftenreihe. Foto: Arning
Die Herausgeber der Schriftenreihe. Foto: Arning

Vaihingen (aa) – „Himmelslieder und Höllengesänge“ heißt das Werk. Ein ungewöhnlicher Titel für einen Schriftenreihen-Band. „Wir nehmen die Himmelslieder“, versprach bei der Vorstellung Dieter Olpp vom Männergesangverein, der mit einer kleinen Sängerriege für einen außergewöhnlichen Rahmen sorgte und unter anderem „Musik erfüllt die Welt“ anstimmen ließ. Die Sänger waren aus gutem Grund vertreten, ist doch der Musik und den Musikern in Vaihingen der größte Teil des Buches gewidmet.
Zehn Autoren setzen sich in dem knapp 300-seitigen Werk mit unterschiedlichen Themen der Vaihinger Geschichte auseinander. Das Stadtarchiv, Spitalstraße 8, das Bürgeramt, Marktplatz 1, und die Buchhandlungen in Vaihingen verkaufen das Buch ab sofort.
Der erste Band der Schriftenreihe der Stadt Vaihingen erschien 1978. „Es war ein wesentliches Anliegen, ein Forum zu bilden für das erst kurz zuvor entstandene Gebilde Große Kreisstadt mit seinen vielfältigen Orten“, meinte der Seniorherausgeber Prof. Dr. Ernst Eberhard Schmidt, dem die wissenschaftliche Zuverlässigkeit und Offenlegung der Quellen besonders am Herzen lag (und liegt). Seither setzten renommierte Autoren die Reihe mit Beiträgen zur Stadt- und Ortsgeschichte sowie zur Kultur- und Landschaftskunde fort. Die letzte Veröffentlichung unter dem Titel „Forschungen und Funde“ erschien im Jahre 2005.
Über die Stadtgrenzen
hinaus geschätzt
Eine große Themenvielfalt bestimmt auch den jetzt vorliegenden zwölften Band der Schriftenreihe. „Unsere Stadt ist sehr geschichtsträchtig. Es ist wichtig, dass dieses historische Erbe gepflegt wird“, unterstrich Oberbürgermeister Gerd Maisch bei der Vorstellung im Sitzungssaal des Vaihinger Rathauses. Er wisse den Wert der weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannten Schriftenreihe zu schätzen, betonte das Stadtoberhaupt in seinem Dank an die Autoren und Herausgeber. Ich glaube, dass wir wieder ein gutes und schönes Werk präsentieren können“, war seine Einschätzung. Dass eine Geschichte über eine Vaihinger Bankenkrise vor mehr als 100 Jahren nicht erscheinen durfte, wurde am Rande angedeutet. Mehr wollte man nicht verraten.
Bereits im elften Band der Schriftenreihe hatte der Vaihinger Historiker Dr. Manfred Scheck in einem ersten Teil das Thema „Musik und Musiker in Vaihingen“ von der frühen Neuzeit bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts behandelt. Jetzt führt er seine facettenreiche Betrachtung bis in die 1960er Jahre hinein fort. Im Mittelpunkt stehen diesmal die Vereine, die sich als Folge des politischen und gesellschaftlichen Aufbruchs der Bürger im 19. Jahrhundert bildeten und die noch heute das kulturelle Leben in der Stadt prägen. Männergesangverein, Musikverein, der Chor der Stadtkirche und der Vaihinger Bläserkreis stehen in der Tradition der Gesangs- und Musikvereine des 19. Jahrhunderts und sehen ihre Wurzeln in dieser Zeit.
Für Manfred Scheck war es besonders erfreulich, dass viele Vaihinger sich Zeit nahmen, wenn es galt, die auf alten Fotos abgebildeten Personen zu identifizieren. „Mein besonderer Dank gilt dem Männergesangverein und dort Konrad Zluhan, der bereitwillig die Schatztruhe seiner Fotosammlung öffnete und hoch interessante Aufnahmen zur Verfügung stellte.“ Das MGV-Archiv wertete er als „kulturgeschichtliches Ereignis“ und als geradezu unbezahlbar. Als Dank will Scheck die dem Stadtarchiv überlassenen Unterlagen ordnen und verzeichnen.
Um ein ganz anderes Thema geht es in dem Beitrag von Helmut Belthle aus Ludwigsburg. Der Abkömmling einer alten Scharfrichter-Familie behandelt vielseitig einen ebenso anrüchigen wie unverzichtbaren Personenkreis aus der städtischen Gesellschaft: die Scharfrichter und Abdecker. Nach Darstellung der materiellen und geistigen Grundlagen des Rechtssystems und der darauf aufbauenden Praxis des Strafvollzugs, beleuchtet er die rechtliche und soziale Stellung der Scharfrichter und Abdecker (in Württemberg auch Kleemeister genannt) sowie deren Tätigkeitsfelder. Was ist ein Abdecker? Antwort: Er bekam einst (durch Krankheit und Unfall) verendetes Vieh ausgehändigt und entsorgte es. Belthle geht ausführlich auf die Vaihinger Verhältnisse ein und präsentiert eine Liste aller nachweisbaren Amtsinhaber bis zum Aussterben des Berufs im 19. Jahrhundert.
In die verworrene und von Intoleranz geprägte Zeit, während der in Württemberg erbittert um die Einführung der Reformation gekämpft wurde, führt Dr. Gudrun Aker (Enzweihingen) ihre Leser. In Horrheim gipfelten die Auseinandersetzungen um die „wahre“ Lehre in einem Lynchmord an dem evangelischen Pfarrer Melchior Reich, verübt durch einen katholischen Inquisitor. Während es vor weltlichen Gerichten üblich war, dass zum Tode Verurteilte freikamen, wenn bei der Hinrichtung der Strick gerissen ist, kennt der religiöse Fanatismus solche menschlichen Regungen nicht. Reich wird, obwohl der Ast des Baumes bricht, ein zweites Mal, jetzt erfolgreich, aufgehängt.
Rüdiger Krause (Frankfurt), nicht nur den Vaihinger Historikern, sondern auch der Stadt von den Ausgrabungen in Ensingen-Süd her seit Jahren verbunden, stellt im vorliegenden Band der Schriftenreihe eine Ausgrabung vor, die beim Leinfelder Hof eine Herberge aus römischer Zeit zutage brachte, die mit einem der zahlreichen Gutshöfe verbunden war.
Mit Franziska Reise, die an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena Geschichte und Deutsch studiert, kommt eine Generation zu Wort, die bislang in der Schriftenreihe noch nicht vertreten ist. In ihrem Aufsatz wird einerseits deutlich, dass die Ereignisse um das KZ „Wiesengrund“ und deren literarischer Niederschlag im Buch Wendelgard von Stadens weit über Vaihingen hinaus rezipiert werden, andererseits ist es interessant zu beobachten, wie der Erinnerungsbericht von einer jungen Frau wahrgenommen wird, die einer Altersgruppe angehört, deren Erfahrungshintergrund weniger durch die Ereignisse des Dritten Reiches als vielmehr durch den Zusammenbruch der DDR und der deutschen Wiedervereinigung bestimmt wird.
In den „Notizen“ stellt zunächst Lothar Behr eine interessante Quelle aus dem Jahr 1824 vor, als Hochwasser und Feuer gleichzeitig Vaihingen bedrohten. Abschließend werden eine Reihe von Veröffentlichungen besprochen, die für Leser in und um Vaihingen durchaus von Interesse sein dürften.
„Es hat Freude gemacht, mit der Druckerei Sprenger zusammenzuarbeiten“, unterstrich bei der Buchvorstellung Manfred Scheck. Er hatte einst beim „Enz-Boten“ eine Schriftsetzerlehre gemacht. „Und ich hab’ offensichtlich noch nicht alles verlernt“, freut er sich. Das konnte Karl-Heinz Sprenger nur bestätigen.
Jetzt hoffen die Macher darauf, dass das Buch noch kräftig vor Weihnachten gekauft wird. 1000 Exemplare sind gedruckt worden, vorfinanziert von der Stadt Vaihingen. Und von den alten Bänden sind auch noch Restbestände vorhanden.
„Himmelslieder und Höllengesänge“, Band 12 der Schriftenreihe der Stadt Vaihingen. 288 Seiten, ISSN 0937-079X, 24,90 Euro. Zu beziehen unter anderem über den Buchhandel, das Vaihinger Stadtarchiv oder das Bürgeramt im Rathaus.


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