Montag, 21. Mai 2012

Nach der Liebe kommt das böse Erwachen




Sein erstes Opfer fand Ralf F. im Internet. Foto: Schmid

Vaihingen – Das Vaihinger Amtsgericht hat einen Beziehungsschwindler zu insgesamt zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Mindestens zwei Frauen hat der Mann zwischen 2005 und 2007 immer wieder Lügengeschichten aufgetischt. So ergaunerte er mehrere Tausend Euro.

Sie haben sich im Internet kennengelernt. Zuerst unterhielten sie sich nur nett, tauschten Interessen und Hobbys aus, verabredeten sich zu Telefonaten. Doch dann wurde mehr daraus. Er erzählte ihr aus seinem Leben, davon, dass er Versuchsingenieur bei Bosch sei und davon, dass er zwischen 2000 und 3000 Euro im Monat verdiene. Sie, eine heute 35-jährige Frau aus Vaihingen, fand Gefallen an ihm.

Irgendwann ging die Beziehung in die Brüche. Diese Woche trafen sich beide vor Gericht wieder. Ralf F. wurde vorgeworfen, die Vaihingerin und eine weitere Frau aus Backnang über den Tisch gezogen zu haben. Der heute 34-jährige Mann fuhr im Dezember 2005 nach einem Streit mit der Vaihingerin nach Hause. „Um was es dabei ging, weiß ich nicht mehr“, sagte die Frau vor dem Vaihinger Amtsgericht. Doch an den Anruf danach erinnert sie sich noch genau: Ihr Telefon habe geklingelt, sie habe abgehoben. Am anderen Ende der Leitung stammelte Ralf F. etwas von einem Unfall. Er sei von der Straße abgekommen.

Die Frau fühlte sich wegen des Streits ein Stück weit mitschuldig, bot ihm an, die Kosten für die Reparatur in Höhe von 4500 Euro vorzustrecken. „Ich hatte kein Problem damit, schließlich dachte ich, dass er gut verdient und ein Haus besitzt“, erläuterte die 35-Jährige. Dass ihr Geliebter sie angelogen hatte, konnte sie nicht erahnen. Vollständig fügte sich das Puzzle für die Frau erst während der Verhandlung mit Amtsrichter Thomas Bossert zusammen, als sie die Aussage einer weiteren Geschädigten hörte.

Ralf F. war nicht als Versuchsingenieur bei Bosch angestellt, er arbeitete lediglich für ein Zeitarbeitsunternehmen. Bei dem Personaldienstleister verdiente er 1000 Euro pro Monat. Dass er im Jahr 2004 mit 440000 Euro so hoch verschuldet war, dass er vor dem Amtsgericht Ludwigsburg einen Insolvenzantrag stellen musste, erzählte er nicht. Und dass am Amtsgericht in Leonberg ein Verfahren wegen Betrugs in vier Fällen gegen ihn anstand, erwähnte er ebenfalls nie. Ihre 4500 Euro hat die Vaihingerin bis heute nicht wieder gesehen, obwohl der 34-Jährige bereits in einem früheren Verfahren zur Rückzahlung des Geldes verurteilt wurde.

„Sie haben die Frau über den Tisch gezogen, geben sie das doch zu!“, wetterte Oberamtsanwalt Erich Müller. Ralf F. verfiel erst in tiefes Schweigen, dann stritt er die Vorwürfe zu großen Teilen ab. Er habe mit der Frau vereinbart, dass er für den Geldbetrag bei der Renovierung ihrer Wohnung helfe. Daran konnte sie sich in der Verhandlung in Vaihingen aber nicht erinnern.

Wie viele Frauen der Beziehungsschwindler vor und nach der Vaihingerin noch betrogen hat, weiß niemand genau. Eine Geschädigte aus Backnang erstattete allerdings ebenfalls Strafanzeige. Auch diese Frau wickelte Ralf F., der mittlerweile im Raum Memmingen lebt, um den Finger: Er tischte der alleinerziehenden Mutter die gleiche Lügengeschichte auf. Dieses Mal suchte sich der Betrüger sein Opfer aber nicht über das Internet, sondern über eine Kontaktanzeige. Zum ersten Mal trafen sich die beiden auf einem Autobahnparkplatz. Sie fuhren in eine Diskothek, verbrachten dort einen schönen Abend miteinander. Das war im Oktober 2006.

Wenige Tage später unterbreitete Ralf F. der heute 36-Jährigen aus Backnang den Vorschlag, eine gemeinsame Wohnung zu suchen. Eine Fernbeziehung sei nichts für ihn, habe er ihr erklärt. Die beiden schauten sich ein Haus in einem Eberdinger Ortsteil an. Was die Frau jedoch nicht wusste, ist, dass ihr Geliebter für das Haus bereits einen Mietvertrag unterschrieben hatte. Auch über seine finanziellen Probleme war sie nicht im Bilde.

Die spätere Geschädigte kündigte ihre Wohnung und beteiligte sich finanziell an der Ausstattung des neuen Hauses: 2500 Euro für Bodenbeläge und weitere 500 Euro für die Renovierung. Dass der Vermieter bereits 1500 Euro für Bodenbeläge locker gemacht hatte, behielt Ralf F. für sich. Außerdem brachte er die 36-Jährige dazu, mit ihm ein gemeinsames Konto bei einer Bank in Vaihingen zu eröffnen. Beide sollten Geld darauf einzahlen. Sie brachte 1100 Euro zu der Bank, er hob nur Geld vom Konto ab – bis zu einem Minus von 2456,36 Euro.

Auf dem negativen Kontostand blieb die Frau alleine sitzen. Bei dem Beziehungsschwindler war nichts zu holen. „Eigentlich hätten sie nur ein Konto auf Guthabenbasis bekommen dürfen“, monierte der Oberamtsanwalt. Nur durch einen weiteren Betrug habe er erreichen können, dass er einen Überziehungskredit bekommt. Dem Bankmitarbeiter erzählte Ralf F., wie den beiden Frauen, dass er bei Bosch arbeite, bis zu 3000 Euro verdiene und ein Haus besitze.

Bis zum Ende stritt der Angeklagte alle Taten ab – immerhin knapp zweieinhalb Stunden. Dann legte er ein Geständnis ab. „Zu spät“, befand Oberamtsanwalt Müller. Doch Richter Thomas Bossert berücksichtigte das späte Eingeständnis. Er verurteilte Ralf F. wegen gewerbsmäßigen Betrugs in fünf Fällen zu 24 Monaten Gefängnis – ohne Bewährung. Die beiden Betrogenen werden ihr Geld aber wohl nie wieder sehen. Seine jetzige Lebensgefährtin war von der Verurteilung sichtlich nicht angetan – aber vielleicht ist es ja besser für sie und für ihr Vermögen.

Philipp-Marc Schmid




Seitenanfang