Roßwag (ub) – Die Kulisse für die Tagungsteilnehmer konnte nicht besser sein: Aus den Fenstern der Sporthalle in Roßwag konnten die Wengerter, Dozenten von wissenschaftlichen Einrichtungen, Vertreter des Naturschutzes und der Landwirtschaft, Abgeordnete der Denkmalpflege und der Politik nicht nur die Schneeflocken beobachten, sondern auch die Steillagen der Roßwager Halde. Und darum geht es bis heute Mittag: Welche Zukunft haben die terrassierten Steillagenweinberge?
Die Projektgruppe „Historische Weinberge“ des Instituts für Landespflege der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und das Ministerium für Ernährung und Ländlichen Raum Baden-Württemberg wollen mit dieser Tagung Potenziale, Steuerungsansätze und Entwicklungsstrategien aufzeigen. Rund 80 Fachleute aus der Politik, Verwaltung, Verbänden, Weinbaubetrieben und -genossenschaften, Versuchs- und Forschungseinrichtungen, Regionalentwicklung der Landschaftsplanung und -gestaltung sowie aus verschiedenen Hochschulen kamen nach Roßwag, um über die Zukunft mitteleuropäischer Trockenmauerweinberge zu beraten.
Hintergrund dieser Tagung ist der starke Rückgang der Nutzung von Steillagenweinbergen, deren Terrassen oftmals seit Jahrhunderten von Trockenmauern gestützt werden. Solche Landschaften werden von vielen Menschen so geschätzt, dass sie, wie etwa in den ligurischen Cinque Terre, der oberösterreichischen Wachau oder im portugiesischen Dourotal sogar zum Welterbe der Menschheit erklärt wurden.
Viele dieser traditionellen Rebflächen, die nicht flurbereinigt und rationalisiert wurden, verwilderten in den letzten Jahrzehnten oder sind inzwischen überbaut. Dadurch behielt nur ein bescheidener Teil seine historisch gewachsene Eigenart bei, die sich in einer kulturellen (zum Beispiel dichtes Nebeneinander von Trockenmauern und Treppen in verschiedener baulicher Ausführung, historische Besitzstruktur und Kleinparzellierung, ausgeklügelte Wasserableitungssysteme zur Erosionsverminderung) und ökologischen Vielfalt (oft artenreiche Lebensraumkomplexe aus Rebflächen, Hochstauden- und Gebüschbrachen, Trockenwäldern, Magerrasen, wärmebedürftigen Säumen, Hohlwegen, Steinriegeln, fugenreichen Mauern und Treppen, schattigen Klingen, kleinen Fließgewässern, Quellen, Streuobstwiesen, Steinbrüchen, Felsen und Felsbänder) manifestiert.
Die Erfahrungen der Forschungsgruppe „Historische Weinberge“ des Freiburger Instituts für Landespflege, die mit Unterstützung des Roßwager Heimatvereins Backhäusle Daten und Fakten zu historischen Weinbergsteillagen gesammelt haben, zeigen, dass die landschaftlichen Potenziale dieser Terrassenweinberge oftmals nicht oder nur unzureichend für die ökonomische Wertschöpfung dieser Landschaften genutzt werden. Darüber hinaus besteht in breiten Gesellschaftskreisen ein Wahrnehmungsdefizit für deren Besonderheiten und nur wenig Bereitschaft, mehr Geld für Weine aus wertvollen Steillagen auszugeben.
Die Veranstaltung soll deshalb zeigen, welche kultur-historischen, ökologisch begründeten, ökonomischen und sozialen Potenziale sich in historischen Weinbergen verbergen, wie man sie erkennt, erfasst und gesellschaftlich vermittelt.
Es wird diskutiert, ob und wie sich diese Werte im Sinne einer nachhaltigen Wertschöpfung, zum Beispiel im Rahmen eines geschickten Weinmarketings, nutzen lassen, worin die Ansatzpunkte und Stellschrauben für eine integrative, positive Entwicklung dieser Landschaften liegen. Es geht darum, gemeinsam Wege zu finden, wie der Weinbau in terrassierten Steillagen im Zusammenspiel von Politik, Markt und öffentlicher Wahrnehmung angesichts liberalisierter Märkte in Zukunft bestehen kann.
Die Referenten kommen aus bedeutenden Weinbaugebieten Deutschlands, der Schweiz und Österreich, so etwa der Welterbelandschaft Wachau, dem Schweizerischen Rhonetal, vom Untermain, dem Neckartal und dem Markgräflerland.
„Historische Weinberge sind unersetzliche Landschaften mit hoher Identifikationskraft“, sagte Professor Dr. Werner Konold vom Institut für Landespflege der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Aber: „Sie stehen auch an der Schwelle zu musealen Fragmenten.“
Deshalb plädierte gestern Staatssekretärin Friedlinde Gurr-Hirsch vom Ministerium für Ernährung und Ländlichen Raum für ein besseres Ausschöpfen der Potenziale der Steillagen. Es sei wichtig, das öffentliche Interesse zu wecken und damit den Verbraucher heraus zu fordern. „Wenn der Weintrinker Bescheid weiß, kann er nicht mehr unschuldig sein, hat Verantwortung.“ Man müsse die Weine aus den Steillagen besser am Markt platzieren. Gurr-Hirsch: „Nur wenn eine wirkliche Wertschöpfung dahinter steckt, nur dann werden die Steillagen auch bewirtschaftet.“ Die deutliche Mehrleistung bei der Arbeit in den Terrassenweinbergen müsse sich für den Wengerter rentieren.
Von den 27000 Hektar Rebfläche in Baden-Württemberg sind rund 1500 Hektar Steillagen. Bei der Förderung durch das Land machte sich die Staatssekretärin in Roßwag für eine „Aktualisierung der Sätze“ stark. Zwar sei die Erhaltung der Steillagen eine gemeinsame Aufgabe von Politik, Verbänden und der Gemeinde, „aber ohne die besondere Einsatzbereitschaft der Wengerter geht es nicht“.
Die „absolute Spezifität“ der Steillagen müsse sich auch auf den Etiketten der Weinflaschen wiederfinden. Nach dem Vorbild des Wallis müssten sich terrassierte Steillagenweinberge und Tourismus enger miteinander verknüpfen. Die Vision von Gurr-Hirsch: „Mehr Steillagen müssten als Weltkulturerbe anerkannt werden.“
