Montag, 21. Mai 2012

Keine Chance für Dach-Haie


Dachsanierung, hier an der Peterskirche, gehört in gute Hände. Foto: VKZ
Dachsanierung, hier an der Peterskirche, gehört in gute Hände. Foto: VKZ

Vaihingen (sr) – Sobald draußen der Winter lauert, schätzt der Mensch ein intaktes Dach über dem Kopf ganz besonders. Daher entschließen sich viele Häuslebesitzer gerade jetzt dazu, ihr Dach sanieren zu lassen. Dieser Umstand lässt sogenannte Dach-Haie ausschwärmen, die mit fragwürdigen Methoden Kunden fangen. Wolfgang Schwarzer aus Vaihingen ist dem dubiosen Haustürangebot nicht auf den Leim gegangen.

„Am Mittwochvormittag hat es bei meiner Mutter geläutet“, erzählt Wolfgang Schwarzer, der sich zu dieser Zeit gerade zufällig im elterlichen Haus in Vaihingen aufhielt. Vor der Tür der 87-jährigen Dame stand ein Mann, der sich als Dachdecker ausgab. Sein Betrieb mit Sitz in einem benachbarten Landkreis habe gerade in der Nähe eine Baustelle und ihm sei aufgefallen, dass „beim Garagendach der Dachfirst neu einzementiert gehört“. Der Vaihinger Wolfgang Schwarzer willigt zunächst ein, sich von der Firma am nächsten Tag ein Angebot vorlegen zu lassen.
Doch später, am Nachmittag, klingeln bei dem Vaihinger die Alarmglocken. „Die Art des Drängens war schon verdächtig“, so Schwarzer. Die Methoden der Dach-Haie kommen ihm in den Sinn. „Die Innung empfiehlt keine Haustürgeschäfte abzuschließen“, betont Dachdecker-Innungsobermeister Hartmut Berner, „die Wahrscheinlichkeit, dass es dabei zu Schwierigkeiten kommt, ist sehr hoch.“ Überdies ergibt eine Nachfrage bei der Dachdecker-Innung Stuttgart Region Mittlerer Neckar, dass der fragliche Betrieb kein Innungsmitglied ist.
Im Dachdecker-Magazin des Landesinnungsverbands sind einige der Tricks sogenannter Dach-Haie aufgelistet. Bei der Gewinnung von Neukunden können beispielsweise geschulte Telefonverkäufer zum Einsatz kommen, die lukrative Aufträge für ihre Auftraggeber abschließen. Als Kunden besonders begehrt sind Senioren, die sich leichter von den Angeboten überrumpeln oder verlocken lassen. Die Telefonbücher werden daher nach „alten“ Vornamen durchgekämmt. Oder aber es werden gezielt ältere Wohngebiete abgeklappert. Bei ihnen sei die Chance groß, die Hausbesitzer von einer Dachsanierung zu überzeugen. Auch für Verkäufer, die persönlich an der Haustür auftauchen, sind Senioren eine beliebte Zielgruppe. Jeder Hausbesitzer sollte sich im Klaren darüber sein, so der Landesinnungsverband, dass die Verkäufer mitunter eine Provision von bis zu 35 Prozent des Auftragswertes für ihre Dienste einstreichen. Bis zu diesem Stadium sei die Arbeit der Auftrags-Jäger aber noch seriös.
Danach kommen jedoch nicht selten zweifelhafte Methoden zum Einsatz, die den Hausbesitzer zur Unterschrift drängen sollen. Zur Unterstreichung der Überredungskünste wird unter anderem nach einem „Dach-Check“ dem erschütterten Laien ein Stück morsches Holz oder Ziegelbruch präsentiert – in der Regel wurden die Beweise für die Hinfälligkeit des Daches aber von den Handwerkern selbst mitgebracht.
Neuerdings sei auch das Fotografieren kleiner Dachschäden mit einer Digitalkamera beliebt. „Dem Hausbesitzer wird das Foto noch an der Haustüre präsentiert“, erläutert das Magazin, „wer dennoch zögert, einen Auftrag zu unterschreiben, wird mit der Drohung konfrontiert, man werde das Foto an seine Gebäudeversicherung senden.“ Lässt sich der Häuslesbesitzer derart in Panik versetzt auf einen Vertrag zwischen Tür und Angel ein, dann steht ihm per Gesetz ein zweiwöchiges Rücktrittsrecht zu. Dieses kann von unseriösen Handwerkern ausgehebelt werden, indem entweder die gesamte Auftragssumme bar kassiert oder schon am Folgetag mit dem Dachabriss begonnen wird.
Die geleistete Arbeit der Dach-Haie habe häufig, so der Landesinnungsverband Baden-Württemberg, mit den Fachregeln des deutschen Dachdeckerhandwerks nicht viel gemein. Wird beispielsweise die geltende Vorschrift der Energieeinsparverordnung bezüglich einer Wärmedämmung nicht erfüllt, dann spart der Hausbesitzer nicht etwa Kosten, sondern hat letztendlich den „Schwarzen Peter“ wegen Nichterfüllung der Verordnung. „Ein Dachdecker-Innungsbetrieb der Region bietet mehr Sicherheit für den Auftraggeber“, schlussfolgert der Landesinnungsverband. Bereits vor Auftragserteilung könne sich der Kunde Referenzobjekte in der Nähe zeigen lassen und ein ausführliches Angebot schaffe vorab Klarheit über Art und Umfang der Ausführung und lässt dem Kunden Bedenkzeit.
„Vertrauenswürdige Handwerker haben die Kapazitäten meistens nicht, herumzufahren und Kunden zu werben“, gibt auch Innungsobermeister Hartmut Berner zu bedenken. Besonders im Spätherbst gibt’s kaum Luft bei den Dachdeckern, denn da wollen viele vor dem Winter ihr Dach noch in Ordnung bringen, so Berner, Inhaber von Fink Bedachungen in Illingen. Doch genau dann machen sich auch die Dach-Haie auf die Pirsch, um ihre dubiosen Angebote an den Mann zu bringen.
Wolfgang Schwarzer aus Vaihingen zog am Donnerstagmorgen die Reißleine und ließ die Firma telefonisch wissen, dass er kein Interesse an einem Angebot hat.


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