Vaihingen – Die Auswirkungen der Finanzkrise machen auch vor den mittelständischen Unternehmen nicht Halt. Die Vaihinger Kreiszeitung hat über dieses und andere Themen mit der Vaihingerin Petra Hetzel gesprochen. Sie ist beim Bundesverband mittelständische Wirtschaft (BVMW) Kreisgeschäftsführerin für die Metropolregion Stuttgart und Landesbeauftragte des Wirtschaftssenats Baden-Württemberg.
Frau Hetzel, wie wird der Mittelstand eigentlich definiert?
Vom Mittelstand sprechen wir bei Unternehmen von bis zu 500 Mitarbeitern. In unserem Verband sind aber beispielsweise auch Automobilbauer der Metropolregion Stuttgart.
Worin sehen Sie die Hauptaufgaben des BVMW?
Durch die Branchenneutralität können sich bei uns Menschen verschiedenster Wirtschaftszweige kennenlernen, Kontakte knüpfen und Geschäfte generieren. Das macht den Charme aus und ist meines Erachtens nach ein Vorteil gegenüber den Fachverbänden, die durchaus ihre Berechtigung haben. Mehrfachmitgliedschaften sind ja jedem Unternehmen möglich. Das Netzwerk schafft die Voraussetzungen für den intensiven Austausch und Kooperationspartnerschaften. Ebenso werden die Mitglieder durch die Öffentlichkeitsarbeit unterstützt. Ziel ist das Zusammenspiel von Herstellern und spezialisierten Dienstleistern, um Synergieeffekte zu nutzen.
Sie sind die einzige Frau beim BVMW in Baden-Württemberg...
Das erfordert einiges an Durchsetzungsvermögen. Ich sehe das als sportliche Herausforderung, die jeden Tag aufs Neue motiviert. Auch unter unseren Mitgliedern sind Frauen dünn gesät. In unserem Landeswirtschaftssenat beispielsweise sind 14 Männer und eine Frau – Geschäftsführerin Cornelia Hölzl von der Murrplastik Verwaltungs- und Beteiligungs-GmbH in Oppenweiler. Sie führt ihr Unternehmen vorbildlich – was natürlich nicht bedeutet, dass Männer das nicht auch tun. Frauen haben aber in der Regel von Natur aus einen anderen Führungsstil mit einer stärkeren Empathie. So entsteht Wertschöpfung durch Wertschätzung – die Mitarbeiter sind hierbei das wichtigste Kapital.
Stichwort Finanzkrise...
Wir arbeiten daran, dass Banken ihre Vergaberichtlinien lockern. Der Mittelstand braucht jetzt einfach Geld. 2009 wird ein sehr hartes Jahr werden. Es kann nicht sein, dass nur Großunternehmen Unterstützung bekommen, nur weil diese durch teure Lobbyarbeit extrem präsent sind.
Wie könnte der Mittelstand Ihrer Ansicht nach gestärkt werden?
Der Mittelstand ist das Rückgrat der Gesellschaft und gehört gestützt. Die steuerliche Belastung in Deutschland ist zu hoch. Unternehmen tendieren dann zu Alternativen, wie sie beispielsweise Länder wie die Schweiz darstellen.
Kann der Mittelstand vom 15-Punkte-Maßnahmenpaket der Bundesregierung, dem „Schutzschirm für Arbeitsplätze“, profitieren?
Wir begrüßen das Maßnahmenpaket, es ist ein guter Ansatz. Eine weitere gute Botschaft wäre zum Beispiel, den Mehrwertsteuersatz, wenn auch zeitlich befristet, zu senken. Hiervon würde letztendlich nicht nur der Handel, sondern auch das Handwerk profitieren. Eine schrittweise Abschaffung des Solidaritätszuschlags wäre ein weiteres, psychologisch wichtiges Zeichen und würde insgesamt 13 Milliarden Euro für Konsum und Investitionen freisetzen.
Wo würden Sie die Wiege des Mittelstandes ansiedeln?
Der Mittelstand ist eigentlich ein baden-württembergisches Erfolgsmodell.
Sigmar Gabriel, Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, sieht im „Mittelstand mit seiner Innovationskraft und Flexibilität“ eine „Voraussetzung für die Umsetzung moderner Umwelt- und Wirtschaftspolitik“. Wie steht es momentan um diesen Aspekt?
Die Finanzkrise überschattet gerade alles, auch die innovativen Entwicklungen im Energiebereich. Durch eine solche Stagnation droht wichtige Zeit verloren zu gehen. Die Umwelt ist neben den Menschen wichtigstes Kapital. Oftmals werden lebensnotwendige Ressourcen täglich vergeudet.
Gibt es so etwas wie Trittbrettfahrer, die sich die schlechte Stimmung im Land zunutze machen?
Manchmal hat man schon den Eindruck. Wenn beispielsweise plötzlich die Energieversorger ihre Preise anheben und auf diese Weise ihre schlechte Nachricht im allgemeinen Wust der Negativschlagzeilen verstecken.
Gibt es Themenschwerpunkte beim BVMW?
Natürlich. Beispielsweise das Projekt 50plus, bei dem Unternehmen mit der Agentur für Arbeit kooperieren und älteren, ungelernten Arbeitnehmern Qualifizierungsmaßnahmen ermöglichen. Auch bei Fachkräften profitieren Unternehmen, wenn sie neben den frischen, innovativen Ideen der Jungen auf die Erfahrung der Älteren bauen.
Wie versucht der Unternehmerverband, dem Fachkräftemangel entgegenzusteuern?
Mit dem Modell des Mittelstandsstipendiums macht der BVMW auch kleinere Betriebe für Hochschulabsolventen interessant. Im Umkreis von Stuttgart zieht es eben doch viele der guten, jungen Leute zu Porsche und Daimler. Beim Mittelstandsstipendium übernimmt ein Unternehmen während der letzten Semester die Studiengebühr eines Studenten. Dieser absolviert in diesem Betrieb dann Praktika und erkennt, dass der Mittelständler auch ein sehr attraktiver Arbeitgeber sein kann.
Wie profitieren die Unternehmen von einer Mitgliedschaft im Verband?
Der BVMW bietet seinen Mitgliedern eine Plattform. Dieser branchenneutrale Verband mit seinen freiwilligen Mitgliedern gleicht einem Schatzkästchen, bei dem sich zu allen relevanten Themen ein Experte finden lässt. So werden Vorträge von Mitgliedern für Mitglieder gehalten. Besichtigungen, wie zum Beispiel kürzlich bei Maybach in Sindelfingen oder im nächsten Jahr das Kernkraftwerk Neckarwestheim, gehören auch zu den relevanten Themen. Ein großes Netzwerk – regional, national und auch international – entsteht. Das ist es übrigens auch, was mir riesig Spaß macht an meiner Arbeit: Ich lerne Menschen ganz unterschiedlicher Wirtschaftszweige kennen, von deren Erfahrungen ich auch profitiere.
Was hat Sie während Ihrer Tätigkeit beim BVMW am meisten beeindruckt?
Die Unternehmerpersönlichkeiten, die es geschafft haben, ihr Unternehmen seit Jahrzehnten durch Höhen und Tiefen zu manövrieren. Beispielsweise der Seniorchef der Bürger GmbH in Ditzingen. Der ist mit Herzblut bei der Sache und hat seinen Betrieb von anfänglich 28 Mitarbeitern in den letzten 45 Jahren auf 600 Mitarbeiter vergrößert.
Was möchten Sie den Mittelständlern für die drohende schwere Zeit mit auf den Weg geben?
Gerade in der Krisenzeit sollten die Entscheider daran denken, dass sie die menschliche Komponente mit ihren Mitarbeitern pflegen. E-Mails können den persönlichen Kontakt nicht ersetzen. Dabei sollten unbedingt auch positive Signale ausgesendet werden, verbaler und nonverbaler Art. Also nicht verzweifeln – der Mittelstand hat seine Stärke in der Vergangenheit schon oft bewiesen und wird das wieder tun.
Sie treffen öfters mit hochrangigen Persönlichkeiten zusammen. Haben Sie damit ein Problem?
Nein, das sind alles auch Menschen.
Wie schöpfen Sie selbst Kraft?
Beim Lesen – gerade habe ich das tolle Buch „Dem Leben auf den Fersen“ von Kurt Peipe gelesen – und durch meinen kleinen Jack-Russell-Mischling Jacki.
Fragen von Sabine Rücker
