Maulbronn (dk) – Ob es die kälteste Aufführung des Weihnachtsoratoriums überhaupt oder zumindest in diesem Jahr in Deutschland ist, muss offen bleiben. Ein Rekordversuch fürs Guinness-Buch müsste vom Notar beglaubigt werden. Doch der ist über die Feiertage so schnell nicht aufzutreiben. Deshalb wird nichts aus der Idee. Bach sei Dank, werden manche sagen. Immerhin ist es bezeichnend, dass solche und ähnliche Scherze in der Maulbronner Klosterkirche die Runde machen. Denn bei einer Außentemperatur von exakt sieben Grad minus pendelt das Thermometer in der mittelalterlichen Halle um den Gefrierpunkt.
Auf dem Programm stehen die Kantaten unserer liebsten Weihnachtsmusik, diesmal in der Originalversion, d.h. auf sechs Gottesdienste verteilt, wie zu Bachs Zeiten im alten Leipzig; an den Weihnachtsfeiertagen also „Jauchzet, frohlocket“ und „Und es waren Hirten in derselben Gegend“. Ein selbstgemachtes Geburtstagsgeschenk der Maulbronner Kantorei, die damit die Feiern zu ihrem sechzigjährigen Bestehen einläutet. Die Klosterkirche ist an beiden Festvormittagen restlos gefüllt. Kommen die Menschen wegen Weihnachten oder wegen Bach in die Kälte? Auch Ephorus Kuenzlen streift diese Frage in seiner mit hintersinnigen (Selbst-)Reflexionen gespickten Predigt (am 2. Feiertag).
Für die Instrumentalisten und Sänger(innen) ist die Kälte jedenfalls ein echter Härtetest. Jede(r) hat spätestens am zweiten Morgen ihre (seine) eigene Überlebensstrategie entwickelt. Über die Qualität und Quantität der internen Kleidungsstücke wird nicht geredet. Schlankheit weitet sich zur Rundlichkeit. Thermoskannen in Reichweite, Felle, Abtreter, Handwärmer, wattierte Anoraks, Skihosen, Winterstiefel, Wollmützen, die auch beim Spielen und Singen den Kopf bedecken: All das gehört zum Standardrepertoire und bietet einen wahrhaft erfrischenden Anblick.
In der Probe legt Jürgen Budday beim Dirigieren den Mantel nicht ab, im Gottesdienst dann schon. Wenn es ernst wird, wird allen warm (ums Herz). Auch dem Kontrabassisten, der eben noch demonstriert hat, dass man sein Instrument auch mit - schwarzen - Lederhandschuhen an beiden Händen ohne Einbuße an Sauberkeit und Klangschönheit traktieren kann. Das Bild bleibt unvergesslich, auch wenn die Aufführung dann mit bloßen Händen vonstatten geht. Hatten die Hirten auf dem Felde Handschuhe? Bachs unvergleichliche Sinfonia weiß davon nichts. Streicher und Holzbläser geben ihr Bestes.
Dankenswerterweise hat man sich zusätzlich um Linderung des individuellen Kälteschocks bemüht. Elektrische und gasbetriebene Heizkörper spenden punktuelle Wärme, ohne die Gesamttemperatur in dem Riesenraum messbar zu steigern. Ihr Anblick allein schon hebt die Laune. Und es kommen sogar die ansonsten für die unentwegten Raucher vor den Kneipen konzipierten Heizpilze zum Einsatz. Ein neues Gefühl neben dem Christbaum und dem hohen Stern im Altarraum und eine ungeahnte Facette des Liedes „Vom Himmel hoch da komm ich her“: Wärme aus der Höhe.
Freilich kann auch sie nicht verhindern, dass Wolken von Atemluft den Kirchenraum erfüllen. Es ist faszinierend, sich diesem Phänomen hinzugeben. Der Fortejubel des „Jauchzet, frohlocket“ (Eingangschor) ist auch optisch sehr wohl verschieden von der Pianowirkung des „Und Friede auf Erden“ (2.Kantate, Nr.21). Ähnliches ist bei den Solisten zu beobachten, wenn der Tenor mit virtuosen Koloraturen die Hirten zur Eile antreibt (Nr.15) und die Altistin ihr zauberhaftes Schlaflied anstimmt (Nr.19). Schall gewiss, aber kein Rauch.
Es ist guter Brauch, über Gottesdienste keine Kritiken zu schreiben, mögen sie auch von Bachs Musik entscheidend geprägt sein. Religiöse Erfahrungen und Gefühle sind Privatsache. Doch wenn man den Reaktionen des Kirchenpublikums vertrauen darf, so steht die hohe Qualität der musikalischen Aufführungen außer Zweifel. Der Name Jürgen Budday, im Verein mit der Maulbronner Kantorei und dem Kantatenorchester sowie renommierten Gesangs- und Instrumentalsolisten, bürgt dafür. Die äußeren Umstände machen diese Gottesdienste im Zeichen des Weihnachtsoratoriums zusätzlich zu „Events“, wie man sie nicht alle Tage geboten bekommt – aber immerhin noch am 30. Dezember, 1., 5. und 6.Januar, wenn die Kantaten 3,4,5 und 6 in der Klosterkirche erklingen werden.
