Montag, 21. Mai 2012

Hilfe für lärmgestresste Tiere


Keine Freude an Silvesterböllern: Rüde Charly. Foto: Rücker
Keine Freude an Silvesterböllern: Rüde Charly. Foto: Rücker

Vaihingen – Für Tierhalter beginnt jetzt die nervigste Zeit des Jahres, falls die vierbeinigen Lieblinge bei jedem Knallfrosch einem Herzinfarkt nahe sind. Wer es besonders gut meint und sein zitterndes Nervenbündel streichelt und herzt, verschlimmert die Sache mitunter noch. „Ignorieren Sie die ängstlichen Verhaltensweisen“, rät Tierarzt Hans Knodel aus Vaihingen.
„Versuchen Sie nicht, das Tier zu beruhigen“, betont Tierarzt Knodel von der Praxis am Fuchsloch in Vaihingen, „das würde seine Ängste nur bestätigen.“ Besonders Hunde sind anfällig für Panikattacken, wenn das neue Jahr mit Knallerei und Leuchtraketen begrüßt wird. „Katzen sind da nicht ganz so empfindlich wie Hunde“, sagt Knodel-Kollegin Dr. Christine Strauch. Natürlich darf ein ängstliches Tier auch nicht bestraft werden. Vielmehr sollte der Hunde- oder Katzenhalter versuchen, das Wohlbefinden des Tieres zu stärken. Knodel: „Wenn Hunde und Katzen nicht gerade zu Durchfällen oder Erbrechen neigen, sollten sie mit einer ordentlichen Portion kohlehydrathaltigen Futters gefüttert werden. Ein voller Bauch beruhigt.“
Ebenfalls hilfreich könne Musik sein, vorzugsweise Lieder mit gleichmäßigem Takt, die allerdings nicht zu laut aufgedreht werden sollte. Wer selbst panisch auf die Geräuschkulisse von außen reagiert hat gute Chancen, dass Bello und Fiffi das auch tun. Daher oberste Pflicht der Tierhalter: Ruhe bewahren. Zur Beruhigung der Vierbeiner sind bei Tierärzten Zerstäuber erhältlich, die so genannte Beruhigungspheromone verströmen. Diese, so Knodel, seien „absolut geruchlos und für den Menschen nicht wahrnehmbar. In den vergangenen Jahren konnte so vielen ängstlichen Tieren geholfen werden, wobei alle Maßnahmen zusammen den meisten Erfolg versprechen“.
Tipps der Tierschutzorganisation Tasso und des TV-Tierarztes Dr. Rolf Spangenberg: „Ein Geräusch-Training mit speziellen CDs vom Tierarzt kann sinnvoll sein.“ Das können sich Herrchen und Frauchen dann fürs neue Jahr vornehmen, denn für diesen Jahreswechsel ist es für diese Aktion zu spät. Tier-Ohren verstopfen ist selbstverständlich tabu. Spangenberg: „Wahre Wunder werden zuweilen von alternativen Präparaten wie Homöopathika oder Bach-Blütenextrakten berichtet.“ Dazu Tierärztin Strauch von der Praxis am Fuchsloch: „Alles, was mit Homöopathie zu tun hat, sollte ein bis zwei Wochen vor Silvester schon täglich verabreicht werden, damit ein gewisser Level entsteht.“ Bei den Veterinären sind auch angstlösende Medikamente für die Tiere erhältlich. Diese „haben schon eine deutliche Wirkung“, so Strauch, machen die Lieblinge aber möglicherweise mehrere Tage lang schläfrig.
Thomas Schwach aus Ensingen hat mit seinen Hunden beim Silvesterkrach keine Probleme. Schwach: „Die Aufzucht ist das A und O.“ In seiner Schäferhundezucht achtet er darauf, dass die Welpen in der Prägungsphase alle Geräusche kennenlernen. Schäferhündin Shiwa lasse das Geböller jedenfalls kalt. Alexandra Rapp aus Vaihingen und ihr Labrador Retriever Charly sehen dem Krach nicht so entspannt entgegen. Der Rüde aus dem Tierheim hat letztes Jahr das erste Silvester bei seinem neuen Frauchen verbracht. „Sobald es knallt“, so die Hundehalterin, „will der nicht mehr raus.“ Vor lauter Angst wird dann nicht mehr gepinkelt. Eines steht fest: Allein bleiben muss Charly in der Silvesternacht nicht. Auch Brigitte und Bernd Petroschka aus Kleinglattbach leisten ihren zwei Kätzchen Gesellschaft. „Die haben beide Angst“, sagt das Paar, „die bleiben dann drin und wir machen alles zu.“ Fernsehtierarzt Spangenberg zum Feuerwerk allgemein: „Für mich ist der Silvesterlärm unsinnig, teuer und akustische Umweltverschmutzung.“
Doch nicht nur Tiere leiden unter dem Lärm der Pyrotechnik. Auch Kindern ist die Geräuschkulisse manchmal unheimlich, wenn auch bei den meisten die Faszination überwiegt, wie Kinder- und Jugendarzt Dr. Arnold Schwarz aus Enzweihingen weiß. Hier sei besondere Vorsicht geboten, da jedes Jahr Kinder mit ernsthaften Brandverletzungen in der Praxis versorgt werden müssen.
Wie aber empfinden Menschen mit Altersdemenz die Silvesternacht? Monika Palmer, Wohnbereichsleiterin der Station A1 im Vaihinger Karl-Gerok-Stift: „Die meisten Bewohner schlafen.“ Die 22 Menschen auf der A1 des Alten- und Pflegeheims sind örtlich und zeitlich desorientiert. An Silvester legt die Nachtwache häufiger einen Rundgang ein und schaut nach den Senioren, sagt Altenpflegerin Palmer. „Es passiert schon, dass jemand aufwacht, Geräusche hört und Angst bekommt“, erzählt Palmer, „dann bleiben wir dabei und beruhigen die Bewohner.“ Die Nachtwache erkläre dann, dass Silvester ist. Das Feuerwerk kann bei Bedarf – der tollen Aussicht sei Dank – gezeigt werden. Manchmal wartet das Pflegepersonal auch, ob nicht um 24 Uhr jemand aus den Zimmern rauskommt. Palmer: „Wir haben ein Sektle kalt gestellt.“ In den letzten Jahren sei zwar noch niemand gekommen, aber vielleicht wird’s ja dieses Mal was. Wenn medizinisch nichts dagegen spricht, lassen die Pflegerinnen dann ein Schlückchen springen.


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