Vaihingen (ub) – Viele Gebäude in der Vaihinger Innenstadt haben eine interessante Geschichte. Die Vaihinger Kreiszeitung stellt in Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv einige herausragende Häuser in einer losen Serie vor. Heute hat Stadtarchivar Lothar Behr das Haus Stuttgarter Straße 21, das ehemalige Gasthaus Rose (früher Parzelle 81), untersucht.
Durch die erst vor einigen Jahren vorgenommenen Sanierungsarbeiten wurde aus einem „modern“ – im Stil der 1960er Jahre – verkleideten „Baukörper“ ein ausgesprochen ansehnliches Haus mit freigelegtem Fachwerkgiebel. Die Rede ist von dem Gebäude Stuttgarter Straße 21, das heute im Erdgeschoss eine Pizzeria und eine Bäckerei beherbergt und das in Ecklage zur Turmstraße liegt.
Man braucht sich nur vorzustellen, dass die Turmstraße den Bereich des sogenannten Inneren Zwingers der früheren Stadtbefestigung beschreibt, um die besondere Lage, die das Haus früher einnahm, zu erahnen. Direkt neben dem Gebäude stand bis Ende des 18. Jahrhunderts der Torturm des Enzweihinger oder Kirchtors, dessen Torbogen die stark frequentierte Hauptstraße überspannte.
Im Steuer- und Güterbuch von 1750 wird das Haus als „eine große dreystöckige ganze Behaußung, worunter ein großer Keller, samt Scheuren, Schweineställ und Hofraithin, auch neuerbautem Waschhauß, oder Brennhäuslen, und einem Nebenpläzlen, in der Enzweihinger Strasen, am Thor, zwischen dem Hintergäßlen, ein- anderseits Herrn Georg Friedrich Holzer – Philipp Erhard Brechten und Alt Jerg Jörgens Häusern und Scheuren, stoßt vornen auf die Strasen, und hinten auf Jacob Ebingers Hauß, Philipp Seybolden Pläzlen, und Hannß Jerg Schlacken Hauß und Scheuren ...“ beschrieben.
Als Eigentümer des Anwesens wird die Hochfürstliche Geistliche Verwaltung Vaihingen angegeben. Aufgabe der Geistlichen Verwaltung war es, die in der Reformationszeit eingezogenen Güter und Vermögen der Pfarr- und Kaplaneipfründen zu verwalten. Für diese Aufgabe war vor Ort ein herzoglicher Beamter, ein sogenannter Geistlicher Verwalter zuständig, der hier seinen Sitz hatte.
Im Februar 1760 erwarb Bürgermeister Georg Ludwig Hübler (1714-1786) das Anwesen von der Geistlichen Verwaltung, vertreten vor Ort durch den damaligen Verwalter Johann Philipp Bilfinger (1711-1784).
1760 stellt ein denkwürdiges Jahr in der Vaihinger Stadtgeschichte dar. Der Sonnenwirtle, ein berühmt-berüchtigter Verbrecher seiner Zeit, wurde hier festgenommen, von Oberamtmann Abel, dem Vater Friedrich Abels verhört, in Stuttgart zum Tode verurteilt, und durch den Stuttgarter Scharfrichter auf dem Vaihinger Galgenfeld zusammen mit seinen Begleiterinnen hingerichtet.
Der Sohn des verhörenden Oberamtmanns, Friedrich Abel, wurde später Lehrer von Friedrich Schiller und regte ihn zu der Novelle „Ein Verbrecher aus verlorener Ehre an“, die das Schicksal des Sonnenwirtles thematisiert.
Interessant ist auch, dass Bürgermeister Hübler, der uns eben als Erwerber des Anwesens Stuttgarter Straße 21 begegnet ist, 1759 der Taufe des kleinen Friedrich Schiller als einer von drei Vaihinger Taufpaten in Marbach beiwohnte; die beiden anderen Taufpaten waren die „Jungfer Bilfinger“, eine Tochter des Geistlichen Verwalters und „Jungfer Werner“, die Tochter eines weiteren herzoglichen Beamten.
Es gibt auch eine direkte Verbindung zwischen Hübler und dem Sonnenwirtle. Vikar Krippendorf berichtet als Zeitzeuge vom Tag der Hinrichtung (30. Juli 1760), als der letzte Weg des Sonnenwirtle vom Marktplatz zur Hinrichtungsstätte führte: „Bey des Bürgermeisters Hüblers Haus rief er hinauf (der Sonnenwirtle): Ich danke dem Herr Bürgermeister gehorsam vor alle erwiesene Wohlthaten.“
Von Bürgermeister Hübler kam das Haus an Jost Österreicher, der als Anwalt in Kleinglattbach amtierte. Österreicher verkaufte 1809 weiter an den „Oekonom“ Johann Conrad Heile(n)mann. 1844 erwarb der Bierbrauer Friedrich Rieger das Anwesen. Er richtete in dem Gebäude eine Bierbrauerei, eine Branntweinbrennerei sowie ein Kühlhaus ein und nannte das Haus nach Erhalt einer entsprechenden Konzession „Rose“ (1858). 1865 erweiterte Rieger die Gaststätte um eine Bierhalle. 1881 übergab er seinem Sohn Robert die Hälfte des Anwesens, 1886 die zweite Hälfte.
1909 ist die Aktienbrauerei Ludwigsburg dann im Besitz des Hauses, 1919 wurde Hugo Beck („Rosen-Beck“) Eigentümer.
Aus späterer Zeit dürften für viele auch die ersten Tanzschritte im „Rosensaal“ unvergesslich sein, die dort unter der Anleitung von Ruth Milling im „Rosensaal“ gemacht wurden.
