Vaihingen – „Das Bedürfnis nach dem Geistlichen und der Sinngebung ist an Heiligabend besonders groß“, sagt der Vaihinger Dekan Hartmut Leins. Auch der katholische Pfarrer Ludwig Zuber kann von „proppevollen“ Gotteshäusern zur Weihnachtszeit berichten: „Nur gutes Essen und Geschenke ist den Menschen zu wenig. Sie suchen auch die Nähe Gottes.“
Doch außerhalb der Weihnachtszeit könnten die Kirchen den einen oder anderen Besucher mehr vertragen – auch im Raum Vaihingen. Von einem alarmierenden Mitgliederschwund wie im Norden und Osten Deutschlands sind die Volkskirchen in Württemberg aber bei weitem nicht betroffen. Traditionell haben die Kirchen im Süden der Republik eine große Bedeutung bei den Menschen und werden bejaht.
Dekan Hartmut Leins in einem Gespräch mit der Vaihinger Kreiszeitung: „Die Mitgliederschaft ist bei uns stabil, Mitarbeit und Interesse vieler Gemeindeglieder ebenso. Wir müssen uns aber weiterhin intensiv bemühen um die jüngere Generation und um kirchliche Randsiedler, denen der persönliche Bezug zu Glaubensfragen verloren ging. Wir müssen uns gerade an Weihnachten einsetzen, um den Kern der Weihnachtsbotschaft für unsere Zeit verständlich zu machen. Und das heißt für mich: Gott hat den Weg in diese Welt hinein gesucht. Wir begegnen ihm in den Vollzügen dieses Lebens.“
Der evangelische Kirchenbezirk Vaihingen hat aktuell 30846 Gemeindemitglieder. Dabei spielen die Kirchenaustritte eine erheblich geringere Rolle als meist vermutet. Der durch Austritte verursachte Gemeindegliederverlust im Kirchenbezirk bewegt sich im Bereich von 0,3 bis 0,5 Prozent pro Jahr. Leins: „Wir sind dankbar, dass die Anzahl der Gemeindeglieder sich seit dem Jahr 2001 nur noch geringfügig verändert hat. Wir verdanken dies unter anderem den Zuzüglern in große Baugebiete in den Kirchengemeinden Kleinglattbach, Oberriexingen und neuerdings auch in der Vaihinger Kernstadt.“
Dies kann auch Pfarrer Zuber für die katholische Seelsorgeeinheit Vaihingen/Enzweihingen bestätigen: „Vaihingen ist ein ausgesprochener Sonderfall.“ Viele junge Familien würden sich in die Kirchenarbeit einbringen. Auch nach den Gottesdiensten stehen die Besucher noch lange beisammen. Zuber: „Das ist eine tolle Kommunikation vor der Kirchentüre.“
Jetzt beginnt die Hoch-Zeit der Gottesdienste. Alleine bei der evangelischen Kirchengemeinde in Vaihingen finden innerhalb einer Woche neun Gottesdienste statt. Davon allein drei Gottesdienste an Heiligabend – rund 1600 Besucher werden dazu in der Stadtkirche erwartet. „Vor allem der Gottesdienst um 16 Uhr mit dem Krippenspiel ist knallvoll“, weiß Dekan Leins. Aber auch um 18 Uhr sei das Mittelschiff gut gefüllt. Am 1. Weihnachtsfeiertag tritt der Chor der Stadtkirche auf, am zweiten Weihnachtsfeiertag erklingen Wunschlieder und es wird mit der Gemeinde kommuniziert.
Bei diesen Gottesdiensten konzentriere sich vieles an Gefühlen und Erwartungen, weiß Leins. „An Weihnachten ist eine ungeheure Erwartung an die Kirche da.“ Beim Weihnachtsfest spiele das Menschliche eine große Rolle – „das Menschliche, das bei Gott seinen Platz hat“. Neben dem guten Essen und den Geschenken verspüre er bei den Menschen ein gewisse Nachdenklichkeit in dieser Zeit.
Volle Kirchen gibt es an Heiligabend auch bei den drei Gottesdiensten der katholischen Kirchengemeinde Vaihingen und Enzweihingen mit den rund 6000 Katholiken. Bereits an den vier Adventssonntagen gab es fast keine freien Plätze mehr in der Antoniuskirche. Der klassische Mitternachtsgottesdienst, zu dem die Leute nach dem Feiern zuhause kommen, beginnt um 22 Uhr. Zuber: „Die zentralen Feste Weihnachten und Ostern haben natürlich auch viel mit Tradition zu tun, aber die Menschen suchen speziell an diesen Terminen die Nähe zu Gott.“ Und die Leute, so die Beobachtung des Pfarrers, kommen „bewusst und überzeugt“ zu den Gottesdiensten. „Es ist nicht mehr so, dass man kommt, um gesehen zu werden.“ Das wirke sich auch auf die Zahl der Gottesdienstbesucher unter dem Jahr aus: Es seien nicht nur 50 oder 60 Personen, die in die Kirche kommen, sondern immer weit über 100.
„Die Menschen nehmen hier wahr, dass die Volkskirchen viele Freiräume bieten und bodenständige, geistliche Angebote machen“, so die Einschätzung von Hartmut Leins. So habe sich bei der evangelischen Kirchengemeinde der Besuch bei den Gottesdiensten erfreulich stabilisiert. Auch die Zahl der ehrenamtlichen Mitarbeiter (Leins: „Ein besonderer Schatz“) in den 20 Bezirksgemeinden von Aurich bis Vaihingen nehme kontinuierlich zu. 2161 Freiwillige sind Leiter von Gruppen, Kreisen oder Chören, sind Mitwirkende beim Gemeindedienst und Besuchsdienst, sind als Lektoren tätig, bei der Kinderkirche oder der Jugendarbeit, sind Mitglieder des Kirchengemeinderats oder Mitwirkende bei diakonischen oder sozialen Diensten.
Freiwillige benötigt auch die Katholische Kirche. Für die Gottesdienste in Kleinglattbach sind beispielsweise in aller Regel Wortgottes-Leiter zuständig, eine Gruppe von sechs bis acht Laien. Auch Pfarrer Zuber hat für die Predigten Hilfe: Bernhard Münkel, früher Pfarrer in Crailsheim, hält als Pensionär in Vaihingen Gottesdienste, auch Jakob Wist ist trotz des Ruhestandes weiter in Enzweihingen aktiv.
