Montag, 21. Mai 2012

Frühschicht für eine eisige Rarität


Ortsvorsteher Stefan Wasserbäch bei der Eisweinlese. Foto: Rücker
Ortsvorsteher Stefan Wasserbäch bei der Eisweinlese. Foto: Rücker

Horrheim (sr) – Eine „Nacht-und-Nebel-Aktion“ spielte sich gestern Morgen am Horrheimer Klosterberg ab. Zwölf Wengerter der Weingärtner Horrheim-Gündelbach begannen um 6.45 Uhr mit der Eisweinlese. Dabei lupften sie sogar Blätter und Grashalme, damit ja keine der wertvollen Riesling-Beeren übersehen wurde.
Ein Anflug von Panik lag in der Luft, als einige Tropfen nicht ordnungsgemäß aus der Presse in der Horrheimer Kelter liefen. Verständlich, denn die Wengerter der Weingärtner Horrheim-Gündelbach, die gestern im Einsatz waren, schwitzten und froren für ein ganz besonderes Tröpfle: den Eiswein. Da durfte beim Pressen der unterkühlten Riesling-Beeren nichts verloren gehen. Bei einem Endpreis von rund 20 Euro pro Viertelliter zählt jeder Tropfen Most und jedes Beerle am Hang.
Ein glattes Dutzend, elf Männer und eine Frau, rückten den gefrorenen Früchten gestern in aller Herrgottsfrühe zu Leibe. Aus dem warmen Bett geworfen hatte sie der Anruf von Alfred Weiberle. Der Vorstandsvorsitzende der Weingärtnergenossenschaft hatte in den letzten Tagen die 25 Ar große Fläche mit den Riesling-Trauben besonders fest im Blick. Die trockene Kälte der letzten Zeit war optimal. Gegen 6 Uhr kontrollierte Weiberle das Thermometer hoch oben am Klosterberg. Minus 9 Grad Celsius, es konnte losgehen! Der Startschuss fiel, die Helfer wurden zusammengetrommelt.
„Einige Wengerter waren das Risiko eingegangen und hatten Restbestände der Riesling-Trauben hängen lassen“, erläutert Geschäftsführer Dietmar Rau. Und weiter: „Der Eiswein nimmt unter den Prädikatsweinen eine Sonderstellung ein. Die Trauben werden bei Temperaturen von mindestens minus 7 Grad Celsius gelesen.“ Während Ortsvorsteher Stefan Wasserbäch sich mit Handschuhen durch die kalte Weinbergluft kämpfte, verkündete Gerhard Renz, die Lese ohne Handschützer hinter sich gebracht zu haben. Das verschaffte ihm denn auch ein Gefühl für die möglichen Öchslegrad des Mostes. Renz spreizte die Finger und kommentierte: „Em Bebba noch sen die Öchsle net schlecht.“ Für Nichtschwaben sinngemäß: Der Klebrigkeit nach sind die Öchslegrad ganz gut. Und tatsächlich zeigte das Refraktometer letztendlich 135 Grad Öchsle an, womit die Wengerter zufrieden sind. In Deutschland muss das Mostgewicht, gemessen in Öchslegrad, des Traubenmostes für die Herstellung von Eiswein mit mindestens 125 Grad Öchsle dem des Prädikates Beerenauslese entsprechen.
Von dem zirka 1100 Kilogramm schweren Gefriergut werden rund 300 Liter Eiswein übrig bleiben. Dietmar Rau: „Das gefrorene Lesegut muss sofort weiterverarbeitet werden. Das Eis bleibt beim Pressen in den Beeren zurück. Nur der ausgetretene Saft wird vergoren.“ Den fertigen Eiswein charakterisiert „die Verbindung von konzentrierter Süße und hoher Säure“, so Rau weiter, „dadurch wird der Eiswein zu einem beeindruckenden Meditationswein und zu einem feinen Begleiter edler Desserts und besonderen Gebäcks.“ Ab April ist die flüssige Rarität im Handel erhältlich.
Der Trupp der Frühaufsteher unter den Wengertern stärkte sich dagegen zunächst einmal mit einem handfesten Vesper in den wohl temperierten Räumen der Genossenschaft – aber natürlich erst nach einem ausgiebigen Kontrollblick auf die Presse in der Kelter.


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