Mühlacker (ub) – Räuberische Erpressung, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, gefährliche Körperverletzung, versuchte räuberische Erpressung, Überfall auf einen Fan des Karlsruher SC – der Bahnhof in Mühlacker entwickelt sich mehr und mehr zu einem Brennpunkt der Kriminalität „Vor allem die letzten drei Monate dieses Jahres sind hinsichtlich der Straftaten besonders auffällig“, sagt auch Norbert Möller, Leiter des Polizeireviers Mühlacker.
Uwe Bögel
Gestern Abend befasste sich der Mühlacker Gemeinderat mit der Sicherheitslage am Bahnhof und in der Innenstadt. Die Fraktionen von CDU und SPD hatten unabhängig voneinander eine Sicherheitsanalyse gefordert. Stadtverwaltung und Polizei sind der Ansicht, dass die rechtlichen Voraussetzungen für eine Videoüberwachung nicht vorliegen. Voraussetzung dafür wäre, dass der Bereich um den Bahnhof ein Kriminalitätsschwerpunkt sein müsse (Polizeigesetz). Das verneint aber die Polizei: Die Anzahl der Straftaten im Bereich Bahnhof/Bahnhofsvorplatz mache im Jahr 2007 weniger als neun Prozent der Gesamtstraftaten in der Bahnhofstraße aus und könne deshalb nicht als Kriminalitätsschwerpunkt lokalisiert werden. Allerdings möchte die Verwaltung Angebote von privaten Überwachungsunternehmen einholen.
Einen privaten Sicherheitsdienst in den Abendstunden schlägt auch Revierleiter Möller vor. „Die Beamten des Polizeireviers Mühlacker können mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln und dem begrenzten Personal die Situation nicht mehr alleine bewältigen, so dass nunmehr auch die Stadt Mühlacker versuchen sollte, mit geeigneten Maßnahmen dieser Entwicklung entgegenzusteuern.“
Die Polizei in der Senderstadt hat gestern Abend eine konkrete Aufstellung der Straftaten und Ordnungsstörungen im Bereich des Bahnhofs und bei dem Geschäftszentrum „Drehscheibe“ vorgelegt. Im Jahr 2007 registrierten die Beamten 14 Straftaten und fünf Ordnungsstörungen im Bereich Bahnhof – 142 Straftaten und 81 Ordnungsstörungen waren es auf den restlichen 1,5 Kilometer Bahnhofstraße. Das sind allein im Bereich Bahnhof sechs Straftaten mehr als noch im Jahr 2006. Polizeichef Möller: „Das ist zweifellos ein deutlicher Anstieg, der im Auge behalten werden muss und Maßnahmen zur Gegensteuerung erfordert.“ Beim Einkaufszentrum „Drehscheibe“ sind vor allem die Ordnungsstörungen auffällig: Zwölf Vorfälle registrierte die Polizei in diesem Jahr.
Nach Erkenntnissen der Fahnder wurden die im Bahnhofsbereich vorgefallenen Straftaten größtenteils von einigen polizeibekannten Jugendlichen verübt. Möller: „Ein Problem ist, dass die Verurteilung wegen einer begangenen Straftat häufig erst viele Monate nach dem Zeitpunkt erfolgt, an dem die Tat begangen wurde.“ Nach aktuellen Erkenntnissen des Polizeireviers wird der hölzerne Unterstand unterhalb der Lienzinger Brücke seit Anfang Dezember wieder von Spätaussiedlern benutzt. Nach einer Körperverletzung am 7. Dezember wurden am Abend auf dem Parkplatz des ehemaligen Busbahnhofs 16 Spätaussiedler kontrolliert. Sie kamen aus Pforzheim, Niefern-Öschelbronn, Remchingen und Mühlacker.
Die Drehscheibe weise dagegen keine besondere Kriminalitätsbelastung auf, sei aber seit 2006 zunehmend der zentrale Treffpunkt für Jugendliche in Mühlacker. Möller: „Auffallend ist, dass der Jugendtreffpunkt Drehscheibe auf den Parkdecks zeitweise von 30 bis 50 und mehr Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen frequentiert ist, die dort in Gruppen häufig alkoholische Getränke konsumieren, hin und wieder leere Flaschen zerschlagen und Abfallkartonagen hinterlassen. Dadurch kommt es zeitweise zur starken Vermüllung der Parkdecks. Nach unbestätigten Angaben von Bürgern sollen sich zeitweise bis zu 100 Jugendliche auf den Parkdecks herumtreiben.“
Aus Beschwerden der Bevölkerung wurde bekannt, dass Passanten von angetrunkenen Jugendlichen mehrfach angepöbelt oder auch mit Müll beworfen wurden. Der Mühlacker Revierleiter: „Die bisher gefertigten Anzeigen wegen Hausfriedensbruchs, wie auch die erteilten Platzverweise und häufigen Polizeikontrollen führen zu einem Verdrängungseffekt, so dass sich das Klientel neue Treffpunkte sucht.“ Einer dieser Treffpunkte sei beispielsweise die alte Eisenbahnbrücke in der Verlängerung der Friedrichstraße. „Das derzeit verstärkte Auftreten von Gruppen Jugendlicher im Bereich des Bahnhofs könnte ebenso auf den Verdrängungseffekt zurückzuführen sein.“
Das Polizeirevier Mühlacker war in diesem Jahr bereits über 100-mal am Bahnhof, Bahnhofsvorplatz oder Busbahnhof tätig. Im Bereich der Drehscheibe waren die Beamten im Jahr 2007 insgesamt 67-mal vor Ort.
