Montag, 21. Mai 2012

Geschichten in der Vorweihnachtszeit


Wer verbirgt sich unter dem Kostüm?
Wer verbirgt sich unter dem Kostüm?

Harald Ritter greift eine Walnuss vom rustikalen Holztisch. Winzig sieht sie aus, in den Pranken des 65-Jährigen. Der Vaihinger inspiziert die wulstige Schale. „Sie muss perfekt sein“, sagt der Mann mit dem Rauschebart, zupft ein paar Fasern von der Nuss, und lässt sie in den Jutesack plumpsen. Dann lehnt er sich zurück, verschränkt die Arme über dem beachtlichen Bauch, und grinst: „Ich bin ein ordentlicher Nikolaus.“
Seit fast 20 Jahren bringt Ritter als Nikolaus und Weihnachtsmann Freude unter die Vaihinger. „Wenn ein Kollege krank wird, übernehme ich auch mal Eberdingen oder so.“ Natürlich sei auch er, wie alle anderen Nikolause, nicht als solcher geboren worden. Eine steile Karriere hat der gebürtige Vaihinger hinter sich. Schule, Studium „und schließlich der Job in einer Führungsetage in der Industrie“. Ritter kratzt sich am Kinn zwischen dem Wildwuchs und nimmt die nächste Nuss in Augenschein. Ja, früher, meint er, da wurde alles zu Gold, was er anpackte. Die Hochzeit, die Ehe und Kinder, der Job und das Gehalt – alles war perfekt. Das Beste vom Besten war gerade gut genug. Doch einen Wermutstropfen gab es in seinem Leben. Es war der Nachbar, ein alter Kauz. Eine Beleidigung für Ritters Augen: zotteliger Bart, dicker Bauch. Und das Haus, das eher einer Hütte glich, war ein Schandfleck neben der schmucken Residenz des Aufsteigers. Nett sei der Alte schon gewesen, „aber ich hatte damals weder Zeit noch Lust, mich mit ärmlichen Nachbarn zu befassen“, meint Ritter.
Schon die Arbeit nahm so viel Zeit in Anspruch, dass kaum noch etwas für die Familie übrig blieb. Gemeinsame Urlaubsreisen führten in exotische Länder, wo die Kinder Tauch- und Tenniskurse belegten, der Vater zum Hochseeangeln aufbrach und die Mutter den Animateuren nacheiferte. Immer wieder gab es Phasen, in denen die Frau ihn bekniete: Er solle weniger arbeiten, mehr Zeit mit den Kindern verbringen, sich einen anderen Job suchen. Das stieß bei Harald Ritter auf taube Ohren: „Ich wollte Erfolg, Geld und Macht.“ Irgendwann, da zog sie aus, die Frau und nahm die Kinder mit. „Ich stürzte mich noch mehr in die Arbeit.“
Ritter verbrachte seine Freizeit in den Kreisen des Jetset, Freunde fanden sich dort schnell und en masse. „Dann kam der endgültige Bruch“, sagt der Bärtige, den Blick fest auf die Kerze in der Tischmitte gerichtet. Eine Krankheit riss ihn aus dem Arbeitsleben und fesselte ihn über lange Zeit ans Bett. „Die so genannten Freunde aus guten Tagen hatten keine Zeit mich zu besuchen“, flüstert der Vaihinger. Nur die Helfer vom Pflegedienst brachten Abwechslung ins Krankendasein. Und der Kauz von nebenan, der klingelte jeden Tag, um nach ihm zu sehen.
Ritter konnte mittlerweile wieder laufen, schlurfend zwar, aber er konnte gehen. So öffnete er das eine ums andere Mal dem Alten. Zuerst erfand er Ausreden, weshalb er keine Zeit habe und ließ die Türe wieder ins Schloss fallen. Irgendwann war der einsame Kranke weich gekocht, der Alte durfte eintreten. Ritter sagt heute, er habe es damals nicht für möglich gehalten, aber es entwickelte sich eine besondere Freundschaft zwischen den Männern. In dieser Zeit fand Ritter eine neue Arbeit, „nichts Besonderes, nur ein kleiner Job, aber er bringt mir Freude“. Es blieben viele Stunden, in denen Ritter seine Kinder besuchen konnte, mit ihnen lachte, spielte und manchmal auch weinte. Stunden, in denen ein Nachbar dem anderen half, in denen über einem Viertele Wein philosophiert wurde. Vor einigen Jahren raubte ein Lungenleiden dem Kauz von nebenan den Lebensmut. Als Ritter eines Abends durch die Tür der kleinen Hütte trat, lag der Alte schwer atmend in seinem Bett. „Er hat gesagt, dass es zu Ende geht mit ihm“, erinnert sich der Mittsechziger, „und, dass er mir ein Geheimnis anvertrauen muss.“ Ritter traute seinen Ohren kaum. „Ich bin der Nikolaus“, keuchte der alte Kauz, „wer soll die Kinder beschenken, wenn ich nicht mehr da bin?“
Wie lange er nun schon in der Hütte lebt, weiß Ritter nicht. Nach dem Tod seines Freundes verkaufte er das schmucke Haus und zog nach nebenan. „Tja“, meint er, „und der Nikolaus, der muss doch weiterleben.“ Früher, da hätte er keinem geglaubt, wie viel Freude das Schenken bringt. „Wenn die Kinderaugen leuchten, dann ist für mich Weihnachten“, sagt Ritter und schaut durch die kleine Scheibe auf das hell erleuchtete Haus. Vor kurzem, da ist eine Familie dort eingezogen. Sehr gut situiert, wie es scheint. Der Vater ist viel unterwegs. Er wendet sich schnell ab, wenn Ritter ihn grüßt.Sabine Rücker

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