Pulverdingen (elf). Die Deutsche Bahn AG kommt aus den Schlagzeilen nicht heraus. Nachdem am Sonntag ein ICE bei Vaihingen im Pulverdinger Tunnel havarierte (die VKZ berichtete), lief die Klimaanlage nicht mehr. Dies hatte erneut zur Folge, dass Reisende ärztlich behandelt werden mussten. Eine Bahnsprecherin sprach gestern von einem „besonderen Einzelfall“.
Es war ziemlich genau in der Mitte des 1878 Meter langen Pulverdinger Tunnels, als die Lokomotive des ICE 595, der von Berlin nach München unterwegs war, ihren Geist aufgab. Rund 700 Meter waren es noch bis zum Ausgang Richtung Vaihingen, etwa 800 Meter bis zum Ausgang Richtung Stuttgart. Der Zug selbst war etwas mehr als 300 Meter lang. Das Bahnpersonal handelte nach dem Notfallkonzept der Bahn und orderte eine Ersatzlok. Da diese ebenfalls einen Defekt hatte, mussten die Fahrgäste in einen Ersatzzug umsteigen. Die Schnellbahnstrecke war in beiden Richtungen etwas mehr als drei Stunden lang gesperrt. Notausgänge gibt es in dem Tunnel übrigens nicht.
Die Sprecherin der Bahn legt in diesem Zusammenhang besonderen Wert auf die Feststellung, dass kein Defekt an der Klimaanlage vorgelegen habe. „Die Lok hatte einen Triebwerkschaden, was zu einem Stromausfall führte.“ Deswegen habe die Klimaanlage nicht mehr funktioniert. Über die Notstromversorgung per Batterien hätten zumindest das Licht, die Toiletten und die Türöffner funktioniert.
Die Bediensteten der Bahn sowie die 420 Passagiere des ICE hatten am Sonntag besonderes Pech. Eine Ersatzlokomotive, die den havarierten Zug abschleppen sollte, war zügig vor Ort. Doch auch mit dieser Maschine hat es ein technisches Problem gegeben. Als die Lok ihren Hilfsdienst verrichten sollte, leitete sie plötzlich eine Zwangsbremsung ein. An ein Abschleppen mit dieser Lokomotive war nicht mehr zu denken. „Daraufhin entschied das Personal vor Ort, den Zug zu evakuieren“, teilte die Bahnsprecherin mit. Auch der Ersatzzug habe schnell genutzt werden können. „Es war eine unglückliche Situation, dass auch bei der Hilfslok ein technisches Problem aufgetreten ist“, so die Sprecherin.
Stunde um Stunde verging. Die Hitze im Zug führte bei einigen Passagieren zu Kreislaufproblemen, vier Passagiere mussten sich nach Bahnangaben einer ärztlichen Behandlung unterziehen. Laut Ralf Pohl, Geschäftsführer des DRK-Kreisverbands Ludwigsburg, waren zwölf hauptamtliche Hilfskräfte sowie die Schnelleinsatzgruppen aus Vaihingen, Münchingen und Ditzingen vor Ort. Drei Passagiere seien mit Kreislaufproblemen ins Krankenhaus gekommen. Wie es den Personen einen Tag später ging, konnte die Bahnsprecherin nicht mitteilen: „Daten über Verletzte liegen uns nicht vor.“ Auf die Frage, wie der Informationsfluss während der drei Stunden im havarierten Zug funktioniert hat, teilte sie mit, sie gehe davon aus, „dass die Kollegen die Reisenden informiert haben“. Was an Getränken im Zug vorhanden war, sei umgehend an die Fahrgäste verteilt worden.
Der Vorfall hat inzwischen auch die Bundespolizei und das Eisenbahnbundesamt auf den Plan gerufen. Die Untersuchungen würden sich auf das Notfallmanagement der Bahn konzentrieren, war zu erfahren. Ein Sprecher des Bundesamts teilte mit, dass das Problem beim Stromabnehmer im Triebfahrzeug lag. Dieser leitet den Strom von der Oberleitung in den Zug.
Kritik am Notfallmanagement der Bahn gab es unterdessen vom Fahrgastverband Pro Bahn. Die erneute ICE-Panne zerstöre das letzte Vertrauen der Fahrgäste in die Bahn AG, die in kritischen Situationen offenbar überfordert sei. „Die Sicherheitskonzepte der Bahn sind offensichtlich untauglich. Wenn schon ein solch banaler Vorfall so schwerwiegende Folgen hat, wollen wir uns gar nicht vorstellen, was bei einem Fahrzeugbrand passieren wird“, sagte Stefan Buhl, Vorsitzender von Pro Bahn in Baden-Württemberg. Der Mangel an Personal und Reservefahrzeugen sowie die offenbar ungenügende Organisation würden dazu führen, dass alltägliche Betriebsstörungen immer wieder zu stundenlangen Verspätungen führen. Politik und Eisenbahnbundesamt seien aufgefordert, energisch einzuschreiten.
Nach Auskunft der Bahn bekommen die Passagiere des havarierten ICE den Fahrpreis zu 100 Prozent zurückerstattet, wenn sie ihren Fahrschein einreichen. Reisende, die in ärztlicher Behandlung waren, erhalten je 500 Euro Schadensersatz. Für größere Verspätungen bezahlt die Bahn Entschädigungen. So werden bei zwei Stunden 50 Prozent des Fahrpreises erstattet. Der fahruntüchtige ICE steht jetzt übrigens im Abstellbahnhof in Stuttgart-Untertürkheim.
