Eine seit Wochen im Untergrund schwelende Auseinandersetzung hat in der Nacht zum Samstag eine regelrechte Eruption erlebt. In Kleinglattbach wurden zahlreiche Gebäude – unter anderem die „Halle im See“, Schule, Tennisheim, Altes Bahnhöfle – mit beleidigenden Zitaten gegen die Ortsvorsteherin und Lehrer beschmiert. Von Albert Arning KleinglattBach. Der Polizeibericht liest sich gewohnt nüchtern: In der Nacht von Donnerstag auf Freitag besprühten Unbekannte die Außenwände des Schulkomplexes in der Straße „Im See“. Mit roter und blauer Farbe wurden Kraftausdrücke und Beleidigungen an die Wände der Haupt- und Realschule geschmiert. Die Täter stiegen hierbei auch auf ein fünf Meter hohes Baugerüst am Schulgebäude und besprühten ein dort angebrachtes Werbebanner. Die Spraydosen, die bei der Tat benutzt wurden, wurden vermutlich aus einem Baucontainer entwendet, dessen Türe aufgebrochen wurde. An der Außenwand des nebenan liegenden Tennisheimes sowie auf dem Gehweg und Straße wurden weitere Farbschmierereien festgestellt. Die Höhe des Gesamtschadens wird auf 10 000 bis 15 000 Euro geschätzt. Zeugen werden gebeten, sich bei der Polizei Vaihingen, Telefon 0 70 42 / 941-0, zu melden. Ende der Pressemitteilung. Ortsvorsteherin Sieglinde Kühnle kann die Tränen nicht zurückhalten, als sie am Samstag kurz vor 13 Uhr die Parolen an den Wänden erstmals sieht. Sie solle endlich sterben, steht da unter anderem auf der Fassade des Vereinsheims des Obst- und Gartenbauvereins (Anbau an die „Halle im See“). „Ihr wollt uns ficken, Ihr legt euch mit den Falschen an“ ist neben dem Eingang aufgesprüht. Die Halle wird als „KGB-Halle“ bezeichnet. „Bullen“ werden als „Hurensöhne“ betitelt. Alle Lehrer seien Bastarde steht auf dem Schulgebäude und ein bestimmter Lehrer sei ein Knecht. Das frisch gestrichene Tennisheim des TSV „ziert“ der Spruch „Fickt euch, wir sind die falschen Leute“. Auf dem Alten Bahnhöfle (Vereinsheim des Hobby-Modell-Sportvereins) prangen große Zahlen. Ein Baucontainer der Firma Ezel ist aufgebrochen. Sieglinde Kühnle ringt nach Worten und muss von Ehemann Paul getröstet werden. „Das ist der Höhepunkt“, sagt sie zum städtischen Ordnungsamtsleiter Gerhard Bahmer, der sich das Ausmaß der Schmierereien ansieht. Auch Oberbürgermeister Gerd Maisch ist verständigt worden. Kurt Rampmaier, Ehrenvorsitzender des Obst- und Gartenbauvereins, ist fassungslos, kann nur ungläubig den Kopf schütteln. Hauptkommissar Diethelm Beier, stellvertretender Leiter des Vaihinger Polizeireviers, macht sich in der Freizeit persönlich einen Eindruck von den Verwüstungen. Die Frühschicht hat die ersten Erhebungen erledigt, später wird die Spurensicherung kommen. Was ist schief gelaufen in Kleinglattbach, wenn die Ortsvorsteherin von einem Höhepunkt spricht? Sieglinde Kühnle berichtet mit stockender Stimme, „dass das schon seit Wochen geht“, im Prinzip schon seit der Abstimmung um den Bau des Radwegs auf der Nebenbahntrasse im vergangenen Jahr. Schon damals habe sie „Rezepte“ im Briefkasten gefunden: „Wenn Sie diese Kekse backen, werden Sie schlauer.“ Als in den letzten Monaten immer eine Clique von Jugendlichen aufgefallen ist, die offenbar Mädchen und jungen Frauen belästigt hat, mit (nicht versicherten?) Mopeds auf Gehwegen umherkurve, hat sich die Ortsvorsteherin bemüßigt gefühlt, mal mit den jungen Leuten zu sprechen. Wie man es von ihr bekannt ist, mit deutlichen Worten. „Ich hab’ gedacht, dass ich mich vernünftig ausgedrückt habe“, meint sie. Die Ansprache ist aber offenbar nicht gut angekommen. Eines Tages prangte ein Hakenzeichen an ihrem Garagentor. Klar, dass sie sich mit der Polizei kurzschloss und das städtische Ordnungsamt einschaltete. Der Jugendsachbearbeiter hat Gespräche mit den jungen Leuten geführt, dabei den Eindruck gewonnen, „dass die zehn, zwölf Burschen und Jugendlichen im Alter von etwa 14 bis 18 Jahren verstanden haben, dass es so nicht geht“. Ihre Rede zur Abschlussfeier der Realschule wollte Sieglinde Kühnle eigentlich absagen, hat sich dann aber doch gestellt – dabei saßen Polizisten in Zivil im Saal. „Die Rädelsführer sind uneinsichtig“, muss die Ortsvorsteherin eingestehen. „Die bauen sich zehn Zentimeter vor einem auf und fragen dich ungeniert ins Gesicht, was man ihnen zu sagen hätte.“ Das werde auch mit Lehrern so getrieben. In der Folge wurde das Auto von Paul Kühnle zerkratzt; erst in der vergangenen Woche ist eine Seite seines Wagens mit Farbe übergossen worden. Das Ehepaar saß daraufhin am anderen Tage die halbe Nacht im Fahrzeug, um eventuell Täter zu überraschen. Es blieb jedoch ruhig. Dafür hat die Gruppe, deren Anführer bekannt sind, massiv zugeschlagen. „Es kann so nicht weitergehen“, sagt die Ortsvorsteherin, der auch ein Fall bekannt ist, als ihre Stellvertreterin Rose Tutsch von einem Moped herunter geschlagen wurde. „Es muss endlich etwas geschehen.“ Die Polizei hat in den letzten Wochen immer wieder Kontrollfahrten zum Schulzentrum durchgeführt. Hauptkommissar Beier sagt: „Wir sind dran.“ Jetzt sind Zeichen gesetzt worden, die so nicht mehr geduldet werden sollen. Die Stadt will zudem Aufenthaltsverbote rund um das Schulzentrum aussprechen. Ob es was hilft, ist eine andere Frage. Es gibt schnell andere Treffpunkte in einem Ort. „Jetzt wissen Sie auch, warum ich in diesem Jahr in Kleinglattbach kein Ferienprogramm organisiert habe“, sagt Sieglinde Kühnle. Die Frau ist fertig mit den Nerven.
