Montag, 21. Mai 2012

Weizen soll sich vom Acker machen




Müllermeister Auch öffnet die Klappen. Foto: Rücker
Müllermeister Auch öffnet die Klappen. Foto: Rücker

Vaihingen (sr). Das Wetter macht, was es will. Bauern und Müller raubt diese Tatsache gerade einige Nerven. Denn Regenfälle erschweren die Weizenernte. Jeder weitere Tag auf dem Acker verschlechtert nun die Qualität des Korns.
Beim Wort Ernte entwickelt Müllermeister Manfred Auch ungeahnte Talente. Seine rechte Hand deutet auf die Annahmestelle für das Korn. Seine Gesichtszüge zeigen Dramatik. Er sagt: „Sie ist halt nicht da, die Ernte. Das ist das Problem“, und lässt die Hand kraftlos nach unten fallen.
Regen vereitelt zurzeit die dringend nötige Ernte des restlichen Winterweizens. Die Hitzeperiode, die von Ende Juni bis 21. Juli über der Region waberte, brachte Stress für die Lebewelt. Am Getreidehalm reiften die Samen vorschnell, die Körner blieben kleiner und somit auch die Erträge. Nun beuteln Niederschläge und Wind die Feldfrüchte, die jetzt dringend geerntet werden müssten. Allen voran der Winterweizen, bei dem manche Körnchen schon am Halm austreiben. „Die Backqualität nimmt mit jedem Tag ab“, sagt Müller Auch. Denn das Korn wittert in der Feuchtigkeit seine Chance und beendet die Keimruhe. Enzyme kommen in Gang. Letztendlich würden die Spätzle aus diesem Mehl nicht mehr ganz so knackig werden.
Nun warten Bauern und Müller auf mindestens zwei regenfreie Tage in Folge, damit das restliche Getreide geerntet werden kann. Und so öffnet der Müllermeister an der Enz gestern in verhaltener Hoffnung die Klappen, welche die sogenannte Annahmegosse verschließen. In diese Gosse werden die Körner gekippt. „Zum zwölften Mal innerhalb von drei Wochen mach’ ich hier in diesem Jahr auf“, so Auch. In manchen Jahren werden diese Klappen einmal geöffnet und eine Woche später, wenn die Ernte beendet ist, wieder geschlossen.
Seine Mühen werden an diesem Tag doch noch belohnt, eine Lieferung trifft ein. Die Landwirte Scheytt aus Illingen haben am Sonntag einen Teil des Weizens vom Feld geholt. Doch es steht immer noch Winterweizen und Hafer auf dem Acker. „Wir hoffen aufs Wochenende“, sagt Christian Scheytt.
Die amtlichen Berichterstatter schätzen die Getreideernte in Baden-Württemberg Ende Juli als durchschnittlich ein. Im Ländle könne mit einer Ernte an Getreide – ohne Körnermais – von 3,14 Millionen Tonnen gerechnet werden. Die langjährige Durchschnittsernte beziffert das Statistische Landesamt auf 3,11 Millionen Tonnen. Es zeigen sich laut den Statistikern deutliche Verschiebungen der Getreidearten auf dem Ackerland. Das wird auf die schlechten Preise für Braugerste und den wachsenden Bioenergiesektor zurückgeführt.
Verlierer unter den Getreidearten war demnach die Sommergerste, die überwiegend als Braugerste verwendet wird. Um fast 17 Prozent, auf 60 000 Hektar, nahm hier die Anbaufläche im Vergleich zum Vorjahr ab. Ebenso ist weniger Hafer und Wintergerste in Baden-Württemberg gewachsen. Winterweizen samt Dinkel konnte sich dagegen als ertragstärkste Getreideart behaupten und spielt mit rund 230 000 Hektar auch flächenmäßig die größte Rolle.
Im Vaihinger Raum ist rund die Hälfte der Weizenernte unter Dach und Fach, schätzt Philipp Mayer, Pflanzenbauberater beim Landratsamt Ludwigsburg. Weiter Richtung Stuttgart seien es dagegen nur circa 20 Prozent. Wenn zu viele Körner am Halm schon ausgewachsen, also gekeimt sind, erhält der Landwirt nur noch den Futtermittelpreis für seinen Weizen.
Trotz teilweise geringerer Erträge können die Landwirte auf höhere Einnahmen pro Tonne Weizen hoffen. „Getreidepreise schießen nach oben“, titelte das „Wirtschaftsblatt“ vor wenigen Tagen.
Russland, Zentralasien und die Schwarzmeerregion würden aufgrund von Hitze und Unwettern zum Sorgenkind des globalen Getreidemarktes. In Australien drohen Heuschrecken über die Weizenbestände herzufallen.
Der Preis für Brotweizen, der im vergangenen Jahr teilweise unter 100 Euro pro Tonne lag, klettert in diesem Jahr in Deutschland voraussichtlich auf rund 140 Euro pro Tonne.
Lebensmittel dürften für Verbraucher
nach heutigem Stand der Dinge nicht wesentlich teurer werden
Was bedeutet das für die Verbraucher? Pflanzenbauberater Mayer: „Nach heutigem Stand der Dinge wären Preiserhöhungen aufgrund gestiegener Rohstoffpreise nicht begründet.“ In einer Brezel sei gerade einmal Mehl im Wert von zwei Cent verarbeitet.
Nicht viel anders sieht es beim Bier aus. In einem Kasten mit dem beliebten Gebräu befinde sich Sommergerste im Wert von höchstens einem Euro.
Die Gesichtsmuskulatur von Müllermeister Auch aus Vaihingen hat sich indessen ebenfalls entspannt. Denn es gibt auch gute Nachrichten: „Die Hälfte des Getreides ist als qualitativ gute und trockene Ware in den Silos, die Versorgung der Vaihinger Mühle ist soweit abgedeckt.“ Spricht’s, und hofft auf Sonne.




Seitenanfang