Zehn Biogasanlagen im Landkreis Ludwigsburg
Vaihingen (sr). Mit Feldfrüchten und Viehmist Energie zu erzeugen, ist beliebt. In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Anbaufläche für nachwachsende Rohstoffe verfünffacht. In die Begeisterung über die Energiequelle mischen sich inzwischen Sorgen und die Aussicht auf ein beschränktes Wachstum.
Ein Zeitungsartikel hat Ulrich Knobloch aus Oberriexingen aufgeschreckt. Der steigende Maisanbau für Biogasanlagen wird Bienen voraussichtlich Probleme bereiten, stand dort zu lesen. Das traf den Imker, der in einem Schreiben seine Stadtverwaltung fragt, „ob man ruhigen Gewissens eine Zustimmung zum Biogas-anlagenbau geben kann“.
In Biogasanlagen wird aus Ackerfrüchten und sonstiger Biomasse Energie gewonnen. Im Landkreis Ludwigsburg stehen die meisten Biogasanlagen der Region Stuttgart. „Da geht’s schon richtig ab hier bei uns in der Gegend“, sagt Eberhard Zucker, Vorsitzender des Bauernverbands Heilbronn-Ludwigsburg. Es gebe nicht viele Standorte in Baden-Württemberg mit einer ähnlichen Dichte an Biogasanlagen, wie sie rund um Vaihingen zu finden ist.
Der Vaihinger Landwirt sieht die Entwicklung mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Einerseits handle es sich um eine gute Einkommensform für die Landwirte. Andererseits treibt ihn die Befürchtung um, dass die Getreidevermarktung auf der Strecke bleiben könnte. Denn die „Nahrungsmittelproduktion rechnet sich nicht“.
In den vergangenen zwei Jahren seien die Preise für Getreide eine Katastrophe gewesen. Wird nun in Zukunft weniger Korn bei den Mühlen und Großhändlern angeliefert, werden diese sich vermutlich „Investitionen in Getreidelager überlegen“. Händler könnten sich vom Standort verabschieden.
Ein Verlust der Vielfalt auf den Äckern drohe laut Zucker nicht: „Die Kollegen achten schon auf eine gesunde Fruchtfolge.“ Mais sei momentan von der Gasausbeute her das beste und am einfachsten anzubauen. Bei Silo- und Körnermais handle es sich im Übrigen um die gleiche Pflanze, stellt der Verbandschef klar. Silomais sei kein „Sondermüll“, sondern könne sehr wohl als Korn verkauft werden, sagt Zucker mit Blick auf Diskussionen in Oberriexingen (wir haben berichtet).
42 Prozent der Anbauflächen für Energiepflanzen der Region Stuttgart befanden sich im Jahr 2007 im Landkreis Ludwigsburg. Im Jahr 2004 hatte eine Neufassung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes für „Aufbruchstimmung in der Landwirtschaft“ gesorgt. Anlagenbetreiber erhielten für ihren Strom aus erneuerbaren Energien eine Vergütung, Landwirte einen Bonus für den Einsatz von nachwachsenden Rohstoffen.
Im Landkreis Ludwigsburg gibt es zurzeit zehn genehmigte Biogasanlagen, sagt Wolfgang Häberle. Zwei weitere seien angedacht, so der Leiter der Abteilung Immissionsschutz beim Landratsamt Ludwigsburg. Eine bei Großbottwar, in der Abfälle verwertet werden sollen. Eine „sehr große Anlage“ in Oberriexingen, ein Antrag liege noch nicht vor.
Jeder Antrag auf eine neue Biogasanlage werde geprüft, wobei auch die Verfügbarkeit von Flächen unter die Lupe genommen werde. Zuletzt wurde laut Häberle eine Biogasanlage in Eberdingen-Hochdorf genehmigt.
In einer aktuellen Studie befasst sich der Verband Region Stuttgart mit Chancen und Risiken der landwirtschaftlichen Energieerzeugung in der Region Stuttgart. Derzeit werden nur 0,1 Prozent des Primärenergiebedarfs der Region durch die Verwertung nachwachsender Rohstoffe und von Reststoffen aus der Landwirtschaft gedeckt.
Doch die Freude über winkende Wachstumsraten ist verfrüht. Denn bis zum Jahr 2020 könnte sich dieser Wert „im besten Fall auf 1,7 Prozent erhöhen“, räumt die Studie ein. Dabei weise die Verwendung der nachwachsenden Rohstoffe eher eine geringe Steigerungsfähigkeit auf. Grund dafür sei vor allem, dass in einer dicht besiedelten Region Freiflächen knapp und die Ansprüche an diese groß sind. Naturschützer, Erholungssuchende, Landwirte sowie Straßen- und Häuslebauer haben diese Flächen im Blick.
Möglichkeiten des Wachstums sehen die Autoren dagegen in einer „verstärkten Erschließung der Reststoffe“. Gemeint ist damit, die Biogasanlagen vermehrt mit Gülle, Schnittgut aus der Landschaftspflege und Bioabfällen zu füttern.
Probleme für die Artenvielfalt drohe von einer verstärkten Flächennutzung und durch die Wiederaufnahme der Bewirtschaftung von Stilllegungsflächen. „Wir haben keine Brachflächen mehr“, bestätigt Verbandschef Zucker.
Sein Wunsch wäre eine Normalisierung der Lage, die durch eine bessere Bezahlung der Bauern für ihr Getreide zustande kommt. Zucker: „Es besteht zurzeit ein Missverhältnis.“ Imker Knobloch hofft auf Blüten mit Nektar und Pollen für seine Bienen. Und, dass Albert Einstein nicht recht behalten wird: „Wenn die Biene von der Erde verschwindet, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben.“
