Vaihingen (aa). Eigentlich fährt er ja Mercedes, der Vaihinger Oberbürgermeister. Doch zur Feier des Tages stieg er am Samstag auf einen Deutz-Schlepper um und sorgte für die stilgerechte Eröffnung des Bulldog- und Schleppertreffens auf dem Verkehrsübungsplatz. Welch ein Spektakel! Unterm Kaltenstein röhrten am Wochenende betagte Schlepper: Lanz und Eicher, Fendt und Hanomag. Wenn die Bulldog- und Schlepperfreunde Württemberg zu ihrem großen Treffen einladen, dann ist das ein Fest der besonderen Güte. „Es ist Wahnsinn!“ Gustav Faigle, dem Vaihinger „Außenposten“ des Vereins, fehlen fast die Worte, als er gestern um die Mittagszeit den Trubel um ihn herum beobachtet. Da rollten immer noch Schlepper auf den Platz, der eigentlich schon überfüllt war. Über 500 Fahrzeuge standen da in Reih’ und Glied; ab und zu mischte sich auch ein Auto dazwischen, obwohl das eigentlich nicht Sinn der Sache bei einem Bulldog- und Schleppertreffen sein sollte. Das Gelände im Egelsee erwies sich als nahezu ideal – allerdings auch zum Leidwesen der Freibadbesucher oder der Gäste der Lokale an der Walter-de-Pay-Straße. Da gab es speziell am Sonntag kaum Chancen, noch einen Parkplatz zu ergattern. „Denkmäler auf Rädern“ seien zu bewundern, haben die Veranstalter angekündigt. Sie haben nicht übertrieben. Da tuckert der OB mit einem Deutz durch die Stadt, der gut zehn Jahre älter ist als er selbst. Gut gewählt sei der Standort Vaihingen für die Ausstellung, freut er sich in der Mittagshitze auf der Schleuderfläche des Verkehrsübungsplatzes. Walter Enz aus Hochdorf, der den Verein vor 20 Jahren gründete, erklärt dem OB stolz seinen Lanz-Glühkopf HL 12 vom Baujahr 1922, mit dem er im Jahr 1994 bei der Lanz-Jubiläumsfahrt an 22 Tagen über 1000 Kilometer weit von Mannheim bis nach Berlin getuckert ist und durchs Brandenburger Tor fuhr. Einen Rückwärtsgang hat das gute Teil nicht. Da muss man einfach das Schwungrad andersrum anwerfen. Richard Planitz aus Kirchheim/Teck ist mit seiner mächtigen Zettelmeyer-Dampfwalze nach Vaihingen gekommen. 1934 wurde sie gebaut, 10 000 Kilogramm schwer ist sie, 30 PS bringt der Motor, sechs Kilometer Spitze sind zu schaffen. Bis 1963 war die Walze in einem Bauunternehmen in Betrieb. Dann stand sie bei der Stadt Kirchheim, bis sie Planitz entdeckte und ab 1987 restaurierte. Jetzt betreibt er damit Werbung für seine Heimatstadt: „Wir haben 40 000 Einwohner und eine Dampfwalze.“ Aus dem Rems-Murr-Kreis, aus Kleinaspach, Unterweissach und Winnenden, kommt die Holzsägertruppe um den 82-jährigen „Kapo“ Willi Ettle und Fritz Hild. Die Männer haben sich ihr Holz mitgebracht, sägen und spalten, dass ihnen der Schweiß auf der Stirn steht. Der Deutz-Motor (ein Zylinder) bringt 15 PS. Selbst das DRK Vaihingen ist mit einem Oldie vertreten. Manfred Zimmermann hat den Hanomag vom Baujahr 1964 mitgebracht. Wenn schon, denn schon. Es wird Most gepresst mit Traktorantrieb (auch Äpfel hat man zum Glück noch aufgetan), das Deichelbohren übt seine Faszination aus (wer hat schon eine Wasserleitung in einem Holzstamm?), der Schmied aus Häfnerhaslach führt das Dengeln vor, ein Korbflechter demonstriert gelassen seine Kunst, Strohbindemaschinen werden vorgeführt, Küfer bauen Fässer zusammen. Der Vaihinger Egelsee ist zum Freilichtmuseum geworden. Fortsetzung nicht ausgeschlossen. Walter Enz hatte die Idee Vaihingen (aa). Mit einem Alter von gerade mal 20 Jahren ist der Verein der Bulldog- und Schlepperfreunde Württemberg ein vergleichsweise junger Klub. Aber mit derzeit rund 3000 Mitgliedern zählt er aber zu den größten Vereinen in Deutschland, die sich für die Erhaltung historischer Landtechnik und landwirtschaftlichen Brauchtums einsetzen. Gegründet wurde der Verein Bulldog- und Schlepperfreunde Württemberg im Februar 1990 in Hochdorf. Er ist im Vaihinger Vereinsregister eingetragen. Zuvor bestand im Motorsportclub Strudelbachtal eine Lanz-Bulldog-Gruppe. Tragende Person und bis 1999 Vorsitzender war der Landmaschinenmechanikermeister Walter Enz, ein Sammler der ersten Stunde. Heute ist er Ehrenvorsitzender. Am Samstagabend wurde die Leistung von Enz beim Festabend zu Alphornklängen besonders herausgestellt. Seit 2001 führt Alfred Vogel aus Flacht den Verein, dessen Mitglieder sind im gesamten Bundesgebiet, im benachbarten Ausland und selbst in Australien und Kanada zu Hause sind. Erklärtes Ziel der Bulldog- und Schlepperfreunde ist die Erhaltung historischer Landtechnik, wobei der Schwerpunkt bei Traktoren und motorisierten Arbeits- und Erntegeräten liegt. Etwa 40 Typenreferenten helfen weiter, wenn es um Fragen und Probleme zur Technik bei den historischen Traktoren geht. Sie kennen die Geschichte der Herstellerfirmen, leisten kompetente Beratung bei Restaurierungs- und Instandsetzungsarbeiten, geben Tipps und Hinweise zur Beschaffung von Ersatzteilen. Mehrmals im Jahr finden sogenannte Schrauberkurse statt. Das sind spezielle Kurse, bei denen sich technisch versierte Mitglieder als Referenten zur Verfügung stellen und Themen behandeln, die beim Reparieren immer wieder Kopfzerbrechen bereiten. Gemeinsame Ausflüge oder Ausfahrten „auf eigener Achse“ und natürlich die Teilnahme an Bulldog- und Schleppertreffen im ganzen Land stellen einen Schwerpunkt der Vereinsarbeit dar. Die aktive Beteiligung an großen Oldtimer-Messen steht ebenfalls im Aufgabenkatalog der Bulldog- und Schlepperfreunde Württemberg. Herausragendes Beispiel ist der große Auftritt bei der Retro Classics auf der Neuen Messe Stuttgart. Die Jugendarbeit hat einen ganz besonderen Stellenwert. „Wir müssen die Jugendlichen an die kulturelle Leistung unserer Vorfahren heranführen“, sagt Vorsitzender Vogel. „Die Fahrzeuge und Geräte, die früher in der Landwirtschaft und angrenzenden Bereichen verwendet wurden, dürfen nicht in Vergessenheit geraten. Unsere Aufgabe ist es, die heranwachsende Generation für unser Hobby zu begeistern, damit auch sie ihr Wissen wieder weitergeben können.“ Wichtige Bindeglieder sind „Der Schlepperfreund“, die professionell gestaltete Vereinszeitschrift und das Internet. Höhepunkt im Vereinsleben ist das alle zwei Jahre stattfindende große Bulldog- und Schleppertreffen, das seine Wiege in Hochdorf hatte. Die vergangenen Treffen fanden auf dem Wiesbauer-Gelände in Bietigheim-Bissingen statt. Denkbar ist, dass sich der Verein künftig immer in Vaihingen auf dem Gelände der Verkehrswacht zeigt. Vogel: „Es war eine hervorragende Zusammenarbeit mit allen Beteiligten.“ www.busf.de
