In Markgröningen wird gefeiert – und zwar doppelt. In einer Woche rennt der Schäfernachwuchs wieder barfuß über einen Stoppelacker und ab morgen feiert die Stadtkapelle Markgröningen ihr viertägiges internationales Musikfest.
Markgröningen. Es ist eine alte Tradition, die in Markgröningen einmal im Jahr für einen gigantischen Besucheraufmarsch sorgt. Tausende wollen zusehen, wenn der Schäfernachwuchs auf einem Stoppelacker um die Wette läuft und wenn erfahrene Schäfer sich beim Leistungshüten duellieren. Markgröningens Bürgermeister Rudolf Kürner rechnet damit, dass in diesem Jahr zwischen dem 28. und dem 31. August rund 100000 Besucher kommen werden.
Los geht‘s am Freitag (28. August) um 8 Uhr am Morgen mit dem Leistungshüten. Drei Schäfer haben sich dafür bisher angemeldet. Sie müssen eine fremde Herde, die aus etwa 300 Tieren besteht, in den Griff bekommen und über ein Gelände führen. Dabei kommt es unter anderem darauf an, dass der Schäfer die Tiere sicher über Straßen und Brücken führt und dass er die Herde auf unterschiedlich großen Flächen weiden kann. Ein Preisgericht bewertet das Können und verteilt Punkte. Maximal können 55 erreicht werden.
Weil die Schafe beim ersten Durchgang meistens noch aufgeregt sind, beim zweiten dann besser mitmachen und am Ende eher müde und lustlos sind, wird die Reihenfolge der Schäfer ausgelost – schließlich soll alles fair zugehen.
Zur Hilfe dürfen die Schäfer zwei Hunde einsetzen. Und auch die werden bewertet. Bei den tierischen Helfern achten die Preisrichter zum Beispiel auf Gehorsam, Fleiß, Selbständigkeit und Charakter. Dafür gibt’s dann maximal 45 Punkte, wenn ein Hund eingesetzt wird und 60 Punkte, wenn der Schäfer zwei Hunde mitgebracht hat.
Weiter geht es am Samstag mit dem eigentlichen Höhepunkt: Der Schäferlauf steht an. An den Start können dabei junge Schäfer und Schäferinnen gehen, die älter als 14 Jahre sind. Aber auch die Kinder von Schäferfamilien dürfen um die Krone kämpfen – vorausgesetzt, sie sind noch nicht verheiratet. Gerannt wird in zwei Gruppen, getrennt nach Männlein und Weiblein.
Wer gewinnen will, sollte entweder eine dicke Hornhaut unter den Füßen haben oder nicht schmerzempfindlich sein. Denn gerannt wird barfuß über einen knapp 100 Meter langen Stoppelacker. Die beiden Sieger werden hinterher von Landrat Dr. Rainer Haas gekrönt. Sie sind das Schäferlaufpaar.
Der Wettkampf findet zwar seit Jahr und Tag in Markgröningen statt, in den vergangenen 100 Jahren hat aber nur einmal ein Schäfer aus der Stadt gewonnen. Weiter zurück reichen die Aufzeichnungen im Rathaus nicht mehr. Der glückliche Gewinner war Wolfgang Ott. Er wurde im Jahr 1959 zum König gekrönt. Die Frau an seiner Seite hieß an diesem Tag Marianne Weiler. Sie kam aus Oberbohingen. Danach hat es kein Markgröninger mehr auf den Thron geschafft.
Vor dem Lauf zieht der Festumzug durch die Stadt. Wer ihn sehen möchte, muss sich eine Festplakette kaufen. In diesem Jahr ist auf ihr der Graf von Gröningen zu sehen. Ein wichtiger Mann in der Geschichte des Schäferlaufs.
Das Fest, das im Jahr 1445 zum ersten Mal erwähnt wurde, geht vermutlich auf die Geschichte des treuen Schäfers Bartholomäus zurück. Der Graf von Gröningen schenkte demnach dem Schäfer nach einer bestandenen Vertrauensprobe zum Dank ein Schaf. Die Geschichte wird seit rund 100 Jahren beim Schäferlauf von Laienschauspielern nachgestellt.
Das mit dem geschenkten Schaf ist übrigens bis heute so geblieben: Der König und die Königin bekommen vom Landesschafzuchtverband ein Tier geschenkt. Sie können sich alternativ aber auch für Geld entscheiden. Die Tradition des geschenkten Schafs wurde über all die Jahre immer beibehalten. Zu einer anderen hingegen kehren die Markgröninger erst in diesem Jahr wieder zurück: Die Schäfermusikanten haben wieder eine Schalmei bekommen. Das ist ein uraltes Vorläuferinstrument der Oboe. Zudem wird wieder der Dudelsack ausgepackt.
Musikalisch wird’s in Markgröningen aber nicht erst zum Schäferlauf. Schon morgen beginnt in der Stadt das internationale Musikfest. Vier Tage lang musizieren dabei die verschiedensten Kapellen aus dem ganzen Land und sogar aus dem Ausland. Die kommenden Tage werden in Markgröningen also alles andere als ruhig. Dem Bürgermeister macht das aber nichts aus: „Beide Feste sind toll und gehen mittlerweile fast nahtlos ineinander über“, sagt Kürner.
Von Philipp-Marc Schmid
