Freitag, 18. Mai 2012

Seniorin in der eigenen Welt fleißig


Hanna Maag ordnet ihre Zeitschriften. Foto: Rücker
Hanna Maag ordnet ihre Zeitschriften. Foto: Rücker

Ensingen (sr) – Die Lebenserwartung in Deutschland steigt und mit ihr die Wahrscheinlichkeit, die letzten Lebensjahre nicht mehr im Vollbesitz der geistigen und körperlichen Kräfte verbringen zu können. Die 81-jährige Ensingerin Hanna Maag leidet an Demenz und Parkinson. Ihre Töchter Isolde Menge und Christa Köhler bewältigen die Pflege der Mutter mit Hilfe von außen.
„Ade“, sagt Hanna Maag laut und deutlich. Ein fester Händedruck, ein Blick in die Augen der Fremden und die Seniorin fügt noch ein vergnügtes „gut’s Nächtle“ hinzu. Dann entschwindet die 81-Jährige wieder in ihre Welt. Dort ist sie an diesem Vormittag fleißig. Die Hände der zierlichen, alten Dame kommen nicht zur Ruhe. Zeitschriften werden sortiert, vom Tisch geschubst und in einer langwierigen Aktion wieder nach oben geangelt. Auch die Jacke der Besucherin wird befühlt, es wird gezupft und getastet. „Meine Mutter hat ein feines Stöffle immer gemocht“, klärt Tochter Christa Köhler auf. Und ohne Unterlass erzählt die Hanna oder singt ein altes Kinderlied. Zufrieden sieht sie aus, wie sie da so sitzt auf ihrem Sofa. Das macht auch ihre Töchter Christa Köhler und Isolde Menge glücklich. Die 52-jährige Christa wohnt im selben Haus wie die Mutter, ihre ältere Schwester Isolde nur wenige Meter entfernt. „Es ist schön, wenn sie in gewohnter Umgebung sein kann. Sie ist zufrieden und hat keine Schmerzen“, sagen beide. Für die Angehörigen der an Demenz und Parkinson erkrankten Seniorin bedeutet die Pflege zu Hause durchaus einen Kraftakt.
Hanna Maag, zweifache Mutter und fünffache Großmutter, war in ihrem früheren Leben immer schaffig und hat beispielsweise in der Küche der Gaststätte Krone in Ensingen mitgeholfen. „Gell, Hanna, Spätzle und Kartoffelsalat!“, ruft Isolde Menge ihrer Mutter zu. Doch Hanna Maag ist in ihren Monolog und das Ordnen der Zeitschriften vertieft. Vor rund acht Jahren dann war die Frau, die früher viele Dinge gleichzeitig bewältigen konnte, schnell überfordert. „Früher“, erinnert sich die 53-jährige Tochter Isolde, „hat sie gleichzeitig drei Kuchen gebacken, etwas gekocht und noch andere Dinge erledigt.“ Gefreut hat sie sich damals, dass sie auf einem Bild in der VKZ beim Backen im Backhaus zu sehen war. Eines Tages wollte die umtriebige Ensingerin dann einen Käsekuchen backen und Fleischküchle brutzeln. Eigentlich kein Problem für Hanna Maag. Doch es hat einfach nicht mehr geklappt. „Und da war dieser schleichende Gang...“, ergänzt die jüngere Tochter Christa. Das waren die ersten Vorboten einer kontinuierlichen Verschlechterung der Gehirnleistung.
Nach einer Knieoperation folgten weitere, durch Stürze verursachte, chirurgische Eingriffe. „Die Narkose fördert die Demenz“, erklärt Christa Köhler. Eine schwere Zeit bricht für die Familie an. Eine Zeit, in der alle akzeptieren müssen, dass die resolute Mutter nicht mehr entscheidungsfähig ist und schließlich auch nicht mehr alleine bleiben kann. Eine Phase, in der die Türen abgeschlossen werden, damit Hanna Maag in der Sicherheit des Hauses bleibt. Auch die Türe vom Badezimmer wird verriegelt, denn „sie wollte dann etwas waschen und hat den Wasserhahn nicht mehr zugedreht“. Es war auch die Zeit, in der die Seniorin gerne Schränke ausräumte. Wohl auch, um an den Stoffen zu fühlen. Vor vier Jahren gaben die Schwestern ihre Mutter das erste Mal in die Obhut einer stationären Kurzzeitpflege. „Dann müssen wir beide gleichzeitig in den Urlaub gehen“, sagt Christa Köhler. Seniorin Hanna zupft an der Jacke der Fremden und meint in Richtung Tochter „ja, s’isch vielleicht gut“, wendet den Kopf und plappert wieder ins Leere. Eine Überwindung sei das zunächst schon gewesen, die Mutter in der Pflegeeinrichtung zurückzulassen. Auch die Seniorin äußerte nach dem ersten Mal ihren Unmut. Inzwischen, so die Schwestern, „ist sie dort im Urlaub“. Mittlerweile ist der Alltag für die Pflegenden ein Stück weit einfacher geworden. Ihre Hanna gerät nicht mehr so sehr in Gefahr, sich zu verletzen – seit diesem Frühjahr kann sie nicht mehr gehen. Und sie schläft sehr gerne – ein Punkt, um den viele Demenz-Angehörigen die Ensinger Familie beneiden werden. Trotz allem ist ein ausgeklügeltes System nötig, um die Oma gut zu versorgen. „Man muss sich Hilfe von außen holen und braucht Unterstützung“, sind sich die Schwestern einig. Im fliegenden Wechseln kümmern sie sich, unterstützt vom Rest der Familie und einer hauswirtschaftlichen Helferin der Vaihinger Sozialstation, um die Mutter.
„...drei, vier, fünf, sechs...“, zählt Hanna unterdessen und lächelt vergnügt, während sie eine Zeitschrift unter die andere schiebt.
„Hilfe braucht man, sonst müsste man den Beruf aufgeben“, gibt Christa Köhler zu bedenken, die mit ihren 30 Wochenstunden Arbeitszeit als Zahnarzthelferin am Limit ist. Ganz hinten auf der Dringlichkeitsskala findet sich nun eben der Haushalt wieder. In einem gut strukturierten Tagesablauf von sieben Uhr morgens bis 18.15 Uhr abends wird die Seniorin versorgt. „Dann ist sie erschöpft und schläft“, so Christa Köhler. Waschen, Anziehen, Füttern, Medikamente verabreichen, von einem Raum in den anderen fahren sowie auf den Toilettenstuhl setzen und nicht zuletzt für Unterhaltung sorgen– zu tun gibt es genug. Dabei wird immer mit der Seniorin geredet. Vermutlich komme daher auch die Anrede mit dem Vornamen: „Wir fragen sie immer, wie sie heißt.“ Dann folgt die Auflösung von den Töchtern: „Du bist die Hanna!“
Ganz besonders wohl fühlt sich die alte Dame, wenn Besuch da ist. Tochter Köhler: „Die Sozialstation ist für Hanna auch wichtig, weil wir immer das Gleiche mit ihr schwätzen.“ Zwei Mal in der Woche betreut Hannelore Rau, ebenfalls aus Ensingen, die Hanna jeweils eine Stunde lang. Die gelernte Kinderpflegerin von der Nachbarschaftshilfe der Vaihinger Sozialstation holt die 81-Jährige nach dem Mittagsschlaf aus dem Bett. Toilettenstuhl, Medikamente und Kaffee trinken mit Hannelore sind danach Programm. Dabei fliegen manchmal auch Bälle.
Dann überrascht die alte Dame – die ihre Tochter Isolde mit Liesl, dem Namen der eigenen Schwester anredet – mit schnellen Reflexen beim Fangen. Besonders schön für alle ist, dass sich beide Frauen schon vor der Erkrankung kannten und duzten. „Ist der gut?“, fragt Hannelore Rau, als sie Hanna Maag mit einem Joghurt füttert, „Au, isch der gut“, antwortet diese, um dann wieder in ihre eigene Wirklichkeit einzutauchen.
„Wir haben akzeptiert, dass sie so ist“, sagen die Schwestern, aber: „Wenn wir nicht zu zweit wären, könnten wir das nicht schaffen“. Betroffene sollten sich auf jeden Fall Hilfe und Rat, beispielsweise vom Arzt oder der Sozialstation, holen. Und manchmal, meint Christa Köhler, müsse man es einfach lustig nehmen mit der Hanna und zu ihrer Mutter gerichtet: „Gell, Hanna, mir müsset lachen, sonst müssten wir heulen, des wär’ au nix.“ Hanna Maag hat gerade keine Zeit, sie hangelt nach einer Zeitschrift am Boden. „Früher“, so die 52-Jährige, „war sie für uns auch immer da.“


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